Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 42 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 4L Dr. Ltocv r» Mocvenscvrrn. Seile 709 d. I. über die Lämelschule: „Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, das gründliche Wissen und die gediegene Methode der Lehrer oder die hohe Intelligenz und den ernsten Lerneifer der Schüler. Es ist eine Musteranstalt in jeder Beziehung". Die Lämelschule hat bekanntlich am 26. Juni d. I. ihr bOjähriges Jubiläum gefeiert, aus welchem Anlasse der Minister des kaiserlichen Hauses und des Aeußern der Schule das Bildnis Sr. Majestät des Kaisers geschenkt hat. Die Reden, welche bei der Jubiläumsfeier vom k. u. k. österr.-ung. und dem kaiserlich deutschen Konsul gehalten wurden, find seinerzeit veröffentlicht worden. In einer Zuschrift an den um die Schule hochverdienten Direktor Cohn vom 1. September d. I. plaidiert Herr Konsul Ritter von Zepharovich dafür, die Lämelschule finanziell besser zu stellen, und betrachtet es als eine Anomalie, daß eine Sott Oesterreichern gegründete, unter österreichischem Schutze stehende Lehranstalt, deren Kurator die israelitische Kultusgemeinde in Wien ist, so wenig Unterstützung aus Oesterreich erhält. Bekanntlich hat der Hilfsverein der deutschen Juden vor drei Jahren ein Lehrerseminar an die Lämelschule angegliedert und in seiner letzten Sitzung beschloffen, auch eine Handelsrealschule im Anschlüsse an die Lämelschule zu errichten. Während die Anstalten des Hilssvereines, die sich um die Lämelschule gruppieren und unter derselben Leitung stehen, ausschließlich von diesem unterhalten werden, hat die Lämelschule fortgesetzt unter finanzieller Not zu leiden. Präsidentenwahl der Pefter israelitischen Kultusgemeinde. Die Repräsentanz der Pester israelitischen Kultusgemeinde hielt Sonntag eine außerordentliche Generalversammlung, auf deren Tagesordnung die Wahl des Präsidenten, zweier Vorsteher und einiger Ausschußmitglieder stand. Die am 10. Juni abgehaltene Generalversammlung war bekanntlich resultatlos geblieben, da die beiden Präsidentenkandidaten Dr. Philipp Weinmann und Berthold Weiß die gleiche Stimmenanzahl erhalten hatten. Inzwischen trat Berthold Weiß von der Kandidatur zurück, so daß zur neuen Generalversammlung für die Würde des Präsidenten nur mehr ein einziger Kandidat verblieb, der auch einhellig gewählt wurde. Den Vorsitz der überaus zahlreich besuchten Versammlung führte Hofrat Dr. Philipp Weinmann, der nach einem Hinweise auf die Tagesordnung das Skrutiniumskomiree entsendete, dessen Mitglieder waren: Dr. Ludwig Ballai, Dr. Wilhelm Fried, Michael Goldmann, Jonas Baron, Armin Links und Ladislaus Fürst. Dr. Emanuel Rözsavölgyi beantragt, daß die Wahl des Präsidenten mit Akklamation erfolge, da ja der alleinige Kandidat das Vertrauen der ganzen Gemeinde besitzt. (Stürmische Eljenrufe.) Der Vorsitzende dankt sür den Beweis des Vertrauens, besteht jedoch auf der strikten Einhaltung der Statuten. Nun wurde die Wahl in geheimer Abstimmung vorgenommen und Dr. Philipp Weinmann mit allen abgegebenen 134 Stimmen zum Präsidenten gewählt. Eine Deputation holte den neugewählten Präsidenten in den Beratungssaal, wo ihn Ministerialrat Dr. Ludwig Ballai mit einigen herzlichen Worten begrüßte, worauf Dr. Philipp Weinmann eine längere Ansprache an die Versammlung hielt. Er übernehme — so führt er aus — die Würde mit dem Gefühle der Besorgnis, ob er den seiner harrenden großen Aufgaben gewachsen sein werde. Wenn er trotzdem dem Rufe seiner Glaubensgenossen folgt, so tue er dies in der Auffaffung, daß ein Jude sich keiner Aufgabe entziehen dürfe, wo es gilt, seiner Konfession dienen zu können. Er hofft, für das Wohlwollen und die Sympathie, die man ihm seit Jahren entgegenbringt, durch seine Tätigkeit auch die Zufriedenheit der Gemeinde erwerben zu können. Wenn er zur Ueberzeugung gelangen wird, daß seine Kraft und Fähigkeit seinen Pflichten nicht gewachsen find, so werde er ohne Zögern seinen Platz einem Würdigeren überlassen. Mit herzlichen Worten gedenkt er dann der Tätigkeit seines Vorgängers Sigmund Kohner, auf dessen Pfaden er weiterschreiten will. Zahlreiche Fragen harren der Lösung. Die Fragen des Gottesdienstes, des Unterrichts, der Spitalsverwaltung, der Armenpflege und der Administration erheischen gründliche Aufmerksamkeit. Die bestehenden Institutionen müffen entwickelt, die fehlenden geschaffen werden. Ohne in Versprechungen einzugehen, erklärt er nur. daß er allen diesen Angelegenheiten die gewiffenhafteste Aufmerksamkeit entgegenbringen werde. Die Befriedigung der Bedürsniffe, die sich auf dem Gebiete des Gottesdienstes bemerkbar machen, zählt zu den dringendsten Aufgaben. Redner macht die Mitteilung, daß die Verhandlungen, welche in letzter Zeit mit dem Unterrichtsministerium geführt wurden, die Hoffnung auftommen lassen, daß mit Verwendung des von der Regierung verwalteten Freistädtler-Fonds die Errichtung einer konfessionellen Mittelschule in das Stadium der Verwirklichung treten werde. Der Präsident erklärt, daß er in allen Fragen des Religionslebens unsere speziellen Verhältniffe erwägen und nicht nach fremden Mustern Vorgehen werde. In diesem Sinne übernimmt er die ehrenvolle Stelle, zu seiner Tätigkeit Gottes Segen herabflehend. Nach der mit großem Beifall aufgenommenen Rede erklärt Dr. Emanuel Rözsavölgyi im Namen der früheren Weiß- Partei, daß dieselbe von dem Programme des neuen Präsidenten vollständig befriedigt ist und namentlich jene Erklärung des Präsidenten mit Freude zur Kenntnis nimmt, daß er auf die Vertiefung des religiösen Lebens großes Gewicht legen werde. Hierauf wurden die zwei Vorsteher gewählt. Je 130 Stimmen erhielten Josef v. Hatvany-Deutsch und Doktor Wilhelm Grauer. Der Präsident begrüßt die beiden Vorsteher in ihren neuen Würden und hebt deren Verdienste um die Unterstützung der verfolgten, russischen Juden, respektive als Tempelvorsteher hervor. Josef v. Hatvany-Deutsch dankt für seine Wahl und erklärt, nach bestem Können für die Förderung der Jntereffen der Religionsgemeinde Mitwirken zu wollen. Dr. Wilhelm Grauer führt aus, sein Bestreben werde dahin gehen, der Judenschast die Erkenntnis beizubringen, daß die jüdische Religion keine Last, sondern ein Flügel ist, der sie zu Gott erhebt. Nach den beifällig aufgenommenen Erklärungen wurde die Wahl der Ausschußmitglieder vorgenommen, und zwar wurden gewählt: Ludwig Baumgarten, Ministerialrat Doktor Ludwig Ballai, Dr. Emanuel Rözsavölgyi und Julius Winterberg, worauf die Versammlung geschloffen wurde. Die israelitische Konfession im Magnatenhause. Offizielle Vertretung der israelitischen Religion. Budapest. Das Abgeordnetenhaus wird sich demnächst mit einer intereffanten Frage zu beschäftigen haben. Es handelt sich um die Entsendung eines offiziellen Vertreters der israelitischen Konfession ins Magnatenhaus. Bei Durchführung der Reform des Magnatenhauses im Jahre 1885 konnte bekanntlich ein offizieller kirchlicher Vertreter des Judentums in die Pairskammer nicht delegiert werden, weil die Rezeption der israelitischen Konfession noch nicht durchgeführt war. Allein durch die Schaffung des G.-A. XLII: 1895 erfolgte die Rezeption der Juden, ohne daß die Gleichberechtigung dieser Konfession auch durch ihre offizielle Vertretung im Magnatenhause zum Ausdruck gebracht worden wäre. Nun wird diese Frage im Parlamente aufs Tapet gelangen. Präsident Julius Justh unterbreitet nämlich eine diesbezügliche Petition des Tolnaer Munizip i u m s, und schon in den nächsten Tagen wird der Petitionsausschuß die Frage der Entsendung eines offiziellen Vertreters der israelitischen Konfession ins Magnatenhaus erörtern, um diesbezüglich dem Abgeordnetenhaus einen konkreten Antrag zu unterbreiten. Es ist zweifellos, daß sich bei Verhandlung der Petition über diesen Gegenstand im Hause eine intereffante Debatte entwickeln wird, doch wäre es natürlich verfrüht, über das Schicksal der Petition schon jetzt ein PrognoMon zn stellen.