Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 42 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 708 Dr. Llocb s Mocbenscvnrr. Nr. 42 zur Grundlage und zum Ausgangspunkte für eine religiöse Bewegung erst geeignet macht, und ebenso kann es immer nur eine Persönlichkeit, und zwar nur eine geistesmächtige Persönlichkeit sein, die einer Religion ein bestimmtes Gepräge gibt. Natur- und Astralreligionen dagegen lassen sich nie auf einen „Stifter" zurückführen, denn sie sind nicht gestiftet, sondern sie find geworden oder gewachsen. . . . Große Persönlichkeiten spielen für fie überhaupt keine wesentliche Rolle, darum fehlt bei ihnen auch durchgehends ein Prophctentum in jenem gehobenen Sinne des Wortes, wie es für die Jahve-Religion so überaus charakteristisch ist. Wäre die Jahve-Religion also eine Religion gewesen ganzwie die übrigen Religionen des alten Orients, so wäre die nachträgliche Konstruktion eines Stifters für sie vollkommen unverständlich." Dadurch nun, daß die Jahve-Religion immer auf Moses zurückgesührt worden ist, hebt sie sich aufs deutlichste aus der Analogie mit den übrigen Religionen des alten Orients heraus und verrät damit zugleich, daß sie von vornherein einen ganz anderen Gedankeninhalt gehabt haben muß als jene. „Das heißt uns aber zugleich an die Geschichtlichkeit des Stifters, der diesen anderen Gedankeninhalt in sie hineingelegt hat, glauben, denn von so ungefähr kann dieser ganz anders geartete Inhalt nicht in sie hineingeraten sein." Das Wesentlichste dieses Inhalts ist aber, daß der Gott, den Moses verehrte und sein Volk verehren lehrte, eine mächtige, lebendige, sittliche Persönlichkeit, keine personifizierte Naturkrast sei, sondern ein Gott, der über der Natur und den Elementen als ihr Herr und Meister steht. So bedeutet die Gottcserkenntnis des Moses die prinzipielle Ueberwindung des Polytheismus, zu der es die sonstigen monotheistischen Ansätze in den altorientalischen Religionen nicht haben bringen können und auch nicht haben bringen wollen. Mit Recht hebt Baentsch darum als das Ergebnis seiner Untersuchung die Unhaltbarkeit der von der alttestamentlichen Theologie in ihrer herrschenden Schule vorgctragenen Auffassung hervor, daß der Monotheismus Israels sich auf kanaauischem Boden aus den kleinsten Anfängen einer bescheidenen, halbbarbari'cheu Vvlksreligion heraus innerhalb weniger Jahrhunderte entwickelt hat. Diese Auffassung beruht nur auf einer Konstruktion, „die die alttestamentliche Ueberlieferung noch dem Schema der Evolutionstheorie ohne die so nötige Berücksichtigung religionsgcsihichtlicher Zusammenhänge zurechtgerückt hat. Aber wer nur einigermaßen bedenkt, wie überaus langsam sich gerade aus religiösem Gebiete Fortschritte und Entwicklungen vollziehen, muß dem Gedanken auch nur an die Möglichkeit einer solchen geradezu rapiden Entwicklung, die in schnellem Wechsel und noch dazu unter henimenden Umständen fast alle Stufen, auf denen wir uns eine Religion überhaupt d nken können, durchlaufen haben soll, von vornherein skeptisch gegenüber stehen." Und so stimmt auch die heute fast zürn Dogma gewordene Meinung, daß erst die Propheten des VsII. Jahrhunderts vor Christi den höheren Gottesgedanken in Israel begründet hätten, nicht mir den klaren Tatsachen überein. Die Propheten des VI1'. Jahrhunderts haben den nationalen Monotheismus Israels zum universalen Weltengott erhoben, das ist ihr großes Verdienst, Moses aber ist und bleibt der Begründer des religiösen Monorheiemus. Heinrich Bloch. Korrespondenzen. Cingefeudet. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Doktor! Durch Postsparkasse empfangen Sie 200 Kronen für die unglücklichen russischen Juden. Mein Herz blutet beim Lesen der Berichte aus Rußland. Ohne Erbarmen aber wird dieses Morden, das uns ans finsterste Mittelalter erinnert, von ganz Europa geduldet, von Europa, das auf seine Fahne die stolzen Worte „Fortschritt und Humanität" geschrieben hat. Das vergossene Blut haben genau so, wie die Mörder und Räuber, diejenigen am Gewissen, die durch ein eindringliches Wort, energische Vorstellungen Wandel schaffen könnten. Aber die beste der Welten, die Welt des XX. Jahrhunderts, sieht zu und schweigt. Es sind ja nur Juden! Das Gewissen Europas, das Gefühl für Menschenwürde und Mitmenschen, an das muß appelliert werden, bis sich die übergeduldige Gerechtigkeit rührt! Leben denn gar keine Menschen mehr, die sich einer so brennenden Sache annehmen? Zu der Anregung des Herrn Rabbiner Jak. Weber, Kolomea, die ich für sehr praktisch finde, sende 20 Kronen und bitte, diese Gelder ihrem Zwecke zuzuführen. Horasdiowitz. Mit vorzüglichster Hochachtung Fabrikant M. Steiner. Aus der Geschichte des „Jüdischen Kolonisationsvereines für Palästina in Wien". Am Schemini Azereth nahm Herr Oberrabbiner Doktor ©Übemann Gelegenheit, in einer gehaltvollen Predigt im Stadttempel die Ziele und Zwecke eines „Jüdischen Kolonisationsvereines" für Palästina zu besprechen, und nachdem er dessen Notwendigkeit eingehend erläutert hatte, richtete er an die Judenheit Oesterreichs den dringenden Appell, sich vom Auslande nicht beschämen zu lassen, wo überall gleichartige Kolonisationsvereine eine blühende und reiche Entwicklung nehmen. Wir wollen hoffen, daß diese Aufforderung von berufener Seite die reichsten Früchte tragen wird. Der Gedanke zur Gründung des „Jüdischen Kolonisationsvereines" ist anläßlich der bekannten Ausstellung aufgetaucht, welche die „Jca" durch . Vermittlung der Kommanditgesellschaft „Karmel" im Sommer des vorigen Jahres in Wien veranstaltete. Auf dieser Ausstellung wurden die mannigfaltigsten Produkte des Ackerbaues und des Gewerbes in den jüdischen Kolonien Palästinas zur Ansicht gebracht und erweckten die einhellige Bewunderung der Besucher, welche sich über diese Früchte ehrlicher jüdischer Arbeit innig freuten. In dieser günstigen Stimmung unterbreitete Herr H a r t m a n n, der Leiter der Gesellschaft „Karmel" den führenden Persönlichkeiten der Wiener jüdischen Gemeinde den Vorschlag, durch Gründung eines Vereines die jüdische Landwirtschaft und das jüdische Handwerk in Palästina zu unterstützen. Er fand auch die Zustimmung und die notwendige wertvolle Unterstützung seines wichtigen Antrages bei dem Herrn Präsidenten der Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, dem ehrwürdigen Herrn Olnrrabbiner Dr. Güdemann und dem Herrn Baurat S t i a ß n y, welche ihm bereitwilligst ihr tatkräftiges Interesse für den Plan zusagten. Nach mehrmaligen Vorberatungen erfolgte die Gründung des „Jüdischen Kolonisationsvereines". Seither hat der Verein, gefördert von der Tatkraft hervorragender jüdischer Persönlichkeiten, welche den Ausschuß bilden, durch die zielbewußte Arbeit des Sekretariates einen stetigen Aufschwung genommen. Jedoch ist seine mögliche Ausdehnung noch lange nicht erreicht, da bei einer Gesamtzahl von ll/2 Millionen Juden in Oesterreich wohl erwartet werden darf, daß die Mitgliederzahl des Vereines in die Zehntausende geht. Dann wird es auch möglich sein, statt kleiner Taten der Barmherzigkeit durch die systematische Unterstützung jüdischer Arbeit in Palästina ein großes Hilsswerk zu vollbringen, welches zur Lösung der Judenfrage wesentlich beitragen dürfte. Die Mitwirkung des jüdischen Mittelstandes ist daher ein Gebot. Die Vereinszwecke werden nicht nur durch den bloßen Beitritt gefördert, sondern auch wesentlich durch Abnahme, der palästinensischen Landesprodukte, was auch in den Statuten vorgesehen ist und worauf wir alle jüdischen Kreise aufmerksam machen. Wien. Herr Direktor Ephraim Cohn, seit nahezu 20 Jahren Leiter der Edler von Lämelschule in . Jerusalem, weilt gegenwärtig zu kurzem Besuche im Interesse dieser Anstalt in Wien. Herr Ritter von Zepharovich, k. u. k. österr.-nngnr. Konsul in Jcrusaleni, schreibt in seinem Berichte vom 26. März