Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 42 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Blocb s Mlocvenscvrm. Sette 707 und sich an seiner Lösung zu versuchen. Seine Ergebnisse seien an dieser Stelle mitgeteilt. Es ist bekannt, daß man schon unter der polytheistischen Oberfläche monotheistische Strömungen oder doch wesentliche Ansätze dazu selbst für die älteste Zeit erblicken zu können geglaubt hat. „Einige Forscher sind ja bekanntlich so weit gegangen, in dem Polytheismus aller übrigen Völker, so insbesondere auch in dem der Semiten nur die Entartung eines ursprünglichen Monotheismus zu sehen. Dieser habe sich, so meinen sie, als eine latente Größe durch die Jahrtausende des Verfalls wodurch in besonders erwählten Persönlichkeiten und deren Kreisen erhalten und sich in der Religion Israels schließlich wieder als eine öffentliche Macht durchgesetzt. Diese Hypothese v.m einem Urmonotheismus der Menschheit hält freilich den Tatsachen gegenüber, soweit sie uns bekannt sind, nicht recht Stand. Denn soweit wir an der Hand geschichtlicher Kunde oder auf dem Wege stringenter Schlüffe auf die Anfänge zurückgehen können, überall steht die Verehrung einer Vielheit von göttlichen, übermenschlichen Wesen oder dämonischer Mächte an der Spitze." Nun aber versichert die Assyriologie, mit urkundlich belegbaren Tatsachen es zur Evidenz erheben zu können, daß es innerhalb der alten babylonischen Religion und dann natürlich auch in dem von Babylon beeinflußten altorientalischen Kulturkreise zu zweifellos monotheistischen Ansätzen, ja zu einer wirklichen „monotheistischen Lehre" gekommen sei. Mit Recht fragt Baentsch, ob es auch wirklich Tatsachen und nicht etwa bloß kühne Phantasien und Einbildungen find, beruhend auf vorschnell-sanguinischer Deutung des betreffenden Textmaterials? Indem Baentsch der Frage näher geht, ob sich monotheistische Ansätze oder gar eine richtige monotheistische Lehre in der Religion des alten Babylon und Affur Nachweisen lassen, kommt er nach genauer Prüfung der für diese Behauptung beigebrachten Beweise zu dem Ergebnisse, daß der Polytheismus das charakteristische Merkmal der altbabylonischen Nationalreligion war und daß sich dagegen auch nicht die leiseste Reaktion spürbar machte. Ja selbst die Frömmsten Babylons, denen die Religion wie allen Frommen eine Angelegenheit des innersten Menschen war, sind nicht zu einem wirklichen begrifflichen Monotheismus in ihrer Religion gelangt, niemals haben sie den Polytheismus innerlich überwunden, wie dies die babylonischen Psalmen, besonders die sogenannten Bußpsalmen, aufs klarste bezeugen. Ueber Annäherungen an den monotheistischen Gedanken ist es auch in der Religion der Frommen in Babylon nicht hinausgekommen. „Diese Religion hatte wohl ihre Psalmisten. aber es fehlte ihr an dem Propheten, der die nach Gott dürstenden H-rzen aus dem Labyrinth des Polytheistnus heraus zur Erkenntnis und Anbetung des einen Gottes im Geist und in der Wahrheit führte." Allein auch auf der dritten Stufe der Religionsentwicklung, in der Priesterrcligion, speziell in der Pricstcrlehre und in der Priesterspekulation des alten Babylon ist es nicht zum Monotheismus gekommen, höchstens zu monotheistischen Gedankenbildungen, die auf die grob polytheistischen Vorstellungen zersetzend einwirkten und damit etwas Neues vorbcreiten halfen. Derselben Erscheinung begegnen wir auch in Egypten, wo dieselben monotheisirenden Anschauungen wirksam waren wie im alten Babylon. Wenn es aber nun hier sowohl wie dort zu monotheistischen Gedankenbildungen kam, so muß davon das zwischen diesen beiden Kulturländern liegende Kulturgebiet berührt worden sein. Es drängt sich nun die Frage auf: Steht der Monotheismus Israels und des Judentums in irgendwelcher Beziehung zu dem oben erwähnten altorientalischen Monotheismus? Zur richtigen Beantwortung dieser Frage gelangt man am besten durch die Vergleichung des israelitischen mit dem altorientalischen Monotheismus. Schon auf den ersten Blick fällt ein tiefgreifender Unterschied zwischen diesen beiden Arten des Monotheismus auf, und zwar der, daß „der altorientalische Monotheismus uns im Gewände einer spekulativen Lehre entgegentritt, der israelitische dagegen in der Form eines unumwundenen, klaren religiösen Bekenntnisses zu dem einen Gotte. Im alten Babylon hat der monotheistische Gedanke einen überwiegend wifsenschaftlichen Charakter. Er ist eigentlich nur für die Wissenden da, er trägt durchaus das Gepräge einer esoterischen Lehre. In Israel dagegen wird der monotheistische Gedanke dem Volke in allen seinen Schichten verkündet; er wird von Männern, die von ihm erfüllt find und die es nicht laffen können, von ihm zu reden, als die wichtigste, grundlegende religiöse Wahrheit in die Menge hineingetragen. Er wird laut auf allen Märkten und Gaffen. Er soll das Eigentum des ganzen Volkes und jedes Einzelnen in ihm werden. Ein Unterschied zwischen „Wissenden und Nichtwiffenden" wird hier nicht gemacht. Alle sollen Wissende, d. h. Bekenner des einen wahren Gottes werden und ihr Bekenntnis zu ihm in einem seinem Willen entsprechenden Wandel betätigen." „Der altorientalische Monotheismus schließt den Polytheismus nicht aus, sondern vielmehr als seine Voraussetzung ein." Dieser Monotheismus bedeutet keineswegs eine Ueberwindung des Polytheismus und will auch im Grunde keine solche bedeuten. „Der Gott Israels aber erhebt von allem Anfänge an in absoluter Weise den Anspruch, der alleinige Gott zu sein. Er duldet keine anderen Götter neben sich. Er ist ein einiger Gott und erkennt keine Teilerscheinungen von sich an. die göttlicher Verehrung würdig wären. Das heißt mit anderen Worten: der israelitische Monotheismus bedeutet eine bewußte und prinzipielle Ueberwindung des Polytheismus. Er ist ein mächtiges, lebendiges, kräftiges, religiöses Prinzip, das gegen alles Polytheistische als etwas Heidnisches mit elementarer Gewalt reagiert. Die Vertreter dieses Monotheismus mußten daher dem Polytheismus den Krieg erklären, mußten ihn bis aufs Blut bekämpfen, ihn mit Stumpf und Stiel auszurotten suchen. Ein Paktieren war hier unmöglich, auch nur der Versuch dazu wäre Verrat oder Heuchelei gewesen." Mit dieser verschiedenen Gottesauffaffung hängt noch ein weiteres wichtiges Moment zusammen. Die Gottheit des altorientalischen Monotheismus, die an die Gestirne gebunden bleibt, konnte, wenn sie überhaupt deutlich erfaßt wurde, sich nicht zu einer ethischen Macht verdichten, denn sie war und blieb eine Naturmacht, die sich lediglich in der gesetzmäßigen Ordnung des Weltalls offenbarte. Der Gott Israels dagegen als rein geistig aufgefaßte persönliche Größe erscheint tzugleich als eine im Kern ihres Wesens ethische Persönlichkeit, als die Verkörperung des sittlichen Gedankens. „Dem astralen Monotheismus des alten Orients steht so der israelitische nicht nur als rein geistiger, sondern zugleich als ethischer Monotheismus gegenüber." Der altorientalische Monotheismus befriedigt das wissenschaftliche Denken, welches in der Vielheit der Erscheinungen die höhere Einheit sucht und auf die man die Vielheit zurückführen kann, er läßt aber das Menschenherz mit seinen religiösen Bedürfnissen leer ausgehen; eben darum konnte er den Polytheismus, in dem diese Bedürfnisse einigermaßen Befriedigung fanden, nicht überwinden. Der israelitische Monotheismus befriedigt die Bedürfnisse des Menschenherzens in allen wesentlichen Stücken, darum hat er den Polytheismus in seinem Bereiche überwunden. Diese eigentümliche Tendenz, durch welche die Religion Israels sich von allen übrigen Religionen des semitischen Altertums charakteristisch unterscheidet, „die die Unvereinbarkeit des Gottes Israels mit den anderen Göttern immer wieder zur Anerkennung gebracht hat, ist nicht von ungefähr in diese Religion irgendwann einmal hineingekommen, sie kann vielmehr nur von einer großen, starken, mächtigen, religiösen Persönlichkeit in diese Religion hineingelegt worden sein". Diese gewaltige Persönlichkeit war Moses, dessen Geschichtlichkeit man vom Standpunkte der neueren religionswissenfchaftlichen Erkenntnis aus nicht preisgeben kann. „Denn wer sich heute nur einigermaßen in religionsgeschichtlichen Dingen auskennt, der weiß, daß geschichtliche und ethische Religionen — wie die israelitische Religion ja zweifellos eine gewesen ist — stets auf eine geschichtliche Persönlichkeit als auf ihren Begründer oder „Stifter" zurückgehen. Denn es kann immer nur eine Persönlichkeit sein, die ein geschichtliches Ereignis in einem Sinne deutet, der es