Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 42 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 706 Dr Biocb's Mocvenscbrm. Nr. 42 II. Schöpfungen des XIX. Jahrhunderts. Die selbstständige jüdische Geschichtsschreibung (Jost, Herzfeld, Graetz). Die christliche Darstellung des Volkes Israel (Renan, Stade, Schürer, Wellhausen u. a.). Lokalhistorik (G. Wolf, Löwenstein, Lewin u. a.). Geschichte der Institutionen, Kulturgeschichte (M. Bloch, Güdemann). Literarhistorik (Zunz, Sachs, Geiger rc.). Jüdische Sekten, Karäer (Fürst, Neubauer, S. Pinsker, Harkawy). III. Die Bearbeitung der Geschichtsquellen (Krochmal, Rappoport, Schorr). Korrekte Edition rabbinischer Texte, Lesarten- Sammlungen des Talmuds (Rabbinowitsch). Talmudische Lexikographie (Kohut, Lövy u. a.). Rabbinische Midraschim (Weiß, Friedmann, Buber). Tosifta (Zuckermandl, A. Schwarz). Talmud- Ueb ersetzungen (Pinner, Goldschmidt, Wünsche). IV. Bibelforschung. Diese beginnt jüdischerseits zwar bei den Biuristen, gewinnt aber erst bei Geiger, Luzzato wissenschaftliche Bedeutung. Die christliche Bibelforschung. Die konservative und radikale Richtung (Wellhausen, Haupt u. a.) Die Archäologie (Benzinger, Michaelis, Nowak). Metrik und Strophik des Alten Testamentes (Bickell, Müller, Sievers). V. Die chassidische Literatur (nicht vollständig, aber ziemlich gut vertreten). Die Schriften von Israel Ba! Schem, Beer Mezeritsch, Schneor Salmann, Nachmann von Breslaw, Levi Jizchok Berditschev u. a. VI. Die jüdische Belletristik (mangelhaft). Immerhin enthält die Sammlung: Auerbach, Bernstein, Kulte, Kompert, Mosenthal, Zangwill, Herzl, Orzeszko, Franzos, Bogorov, Smolensky, Mapu, Jacobowski, Gordon, Lebensohn, Abrahamowitsch, Braudes, Silberbusch, die Publikationen des Verlages Tuschia, des jüdischen Verlages in Berlin. Es fehlen die russischen und galizischen Haskalaschriften. Diese sechs Rubriken repräsentieren mehr oder weniger die Arbeit der letzten 150 Jahre. Da nun die jüdische Wissenschaft das alte Schrifttum zur Voraussetzung hat, ergibt sich der Uebcrgang von selbst zur VII. Bibel und den älteren Kommentaren. Sehr gut vertreten. Polyglotten, Targumirn. Von den bibliographisch wichtigen sind hervorzuheben aus der Sammlung Halberstamm (SH.) Inkunabeln: Pentateuch nebst Haftarot. Jbn Esra zur Thora, Bachye zur Thora, Ralbag, Nachmanides, Propheten mit Kommentar des Kimchi, Soncino 1485. Ferner Mikraot Gedolot, Venedig, Bömberg 1517. Die erste jüdisch-deutsche Uebersetzung des Pentateuch von Jekutiel Blitz, ältere Ausgaben von Raschi, Abrabanel u. s. w. VIII. Talmud und Ritualcodices. Einige jedoch neuere Ausgaben des babylonischen Talmuds. Selteneres aus SH.: Traktat Succa, Pergamentdruck, Venedig 1521, Jeruschalmi Venedig 1523 eä. pr., Mechilta, - Constant. 1515 sä. pr., Alfassi, Constant. 1509 sä. pr., Turim Soncino 1490, Inkunabel. Sonstige gaonäische und ältere rabbinische Literatur. Es muß auf die besonders gut vertretene Reiponsensammlung aufmerksam gemacht werden, die im Verein mit der Sammlung der Seminarbibliothek genügend Material zur Forschung gibt, ein Gebiet, das noch einer ausgiebigen historischen Ausnützung harrt. IX. Religionsphilosophie, Kabbala und Ethik. Die beiden crsteren gut vertreten, Kabbala in den Hauptrichtungen. Die christlichen Vertreter der Kabbala in der Zeit des Humanismus sind spärlich vertreten. X. Religionsgeschichte, Religionsurkunden. Philosophie als die Grundlage aller Religionsforschung. (Plato, Aristoteles, Spinoza, Leibnitz, Fichte, Hegel und einige der Neueren.) XI. Die altchristliche Literatur in ihrer Beziehung zum Judentum (Kirchenväter). Selbstverständlich erschöpfen diese Rubriken den Bestand der Bibliothek nicht. Fachgruppen wie Bibliographie, Homiletik sind hier überhaupt nicht berücksichtigt. Für den Benützer der Bibliothek liegen alphabetische Kataloge (je einer für Hebraica und Judaica) und ein Fachkatalog auf. Freilich sind diese alten Kataloge nicht mehr zweckentsprechend. Eine allseitige Ausnützung der Bücherschätze kann nur durch die Schaffung eines Kalaloges auf bibliographisch-wissenschaftlicher und bibliothekarischpraktischer Grundlage erfolgen. Die Bibliotheksverwaltung sucht denn auch bei der Schaffung eines solchen Kataloges die Sammelschriften, die sonst unbeachtet bleiben, heranzuziehen. Speziell ist die gründliche Benützung hebräischer Bücher durch die in der Regel den Inhalt nicht anzeigenden hebräischen Büchertitel sehr erschwert. Wer sollte in „Esrach ra’anan“ eine Maimonidesbiographie, oder in „Isell Chail“ eine solche des R. Berisch Meisels vermuten? Die wenigsten werden in „Gedulat Saul" gerade die Größe Saul Wals, des sagenhaften, polnischen Eintagskönigs, ahnen. Selbst ein gewiegter Talmudist wird kaum in „Tharot ha-Kodesch“ einen Tosiftatext erwarten. Sollen nun diese Bücher für denjenigen, der ein bestimmtes Wissensgebiet sucht, leicht zugänglich sein,- so müssen fiktive Titel von einem weiten begrifflichen Umfange, in dem ersten Falle beispielsweise Toldot, in dem zweiten Tosifta, geschaffen werden u. dgl. mehr. Eine gründliche Ausnützung der Sammlung Halberstamm für Gelehrte im engeren Sinne kann nur durch einen gedruckten Spezialkatalog erfolgen. Allorirntalischrr und israelitischer Monotheismus. Schonungslos, wie es ihr Recht ist, zerstört die Kritik selbst die uns ans Herz gewachsenen Ueberlieferungen. Sie macht auch vor den Toren unserer vom Glorienschein umwobenen Heiligtümer nicht Halt, sie dringt rücksichtslos in deren Innerstes ein . und bringt das, was nur den Geweihten zugänglich sein sollte, ans Tageslicht, um es aller Welt in seiner Wirklichkeit, entkleidet von jedem fremden Zugehör, vorzuführen. Schon so mancher, uns liebgewordenen Gestalt hat sie uns beraubt, dafür jedoch uns die Wahrheit gelehrt. Allein wie oft hat sie auch übers Ziel geschossen! Gar häufig bewahrheitet sich an ihr das Wort: „Allzu scharf macht schartig." Durch den Scharfsinn verleitet, wirft sie mit einem witzigen Einfall so manche als feststehend geltende Anschauung , über, den Haufen, um an deren Stelle eine neue, nicht besser begründete zu setzen. ' Wenn irgendwo, so kann man diese Eifahrung auf dem Gebiete der Bibelkritik machen. Mit der Anwendung der Gesetze der historischen Kritik ging man dem Buche der Bücher an den Leib und glaubte, mit der größten Sicherheit die Zeit bestimmen zu können, in der jeder einzelne Vers der heiligen Schrift entstanden ist. Und wo man mit Schlußfolgerungen und kritischen Gesetzen nicht das Auskommen fand, da mußten Grabscheit und Spaten nachhelfen. Auf diese Weise brachte man es zuwege, dem Judentum seine größten Errungenschaften und die gewaltigsten Schöpsungen seines Geistes abzusprechen und diese als auf anderem Boden entstanden zu erklären. In lebhafter Erinnerung ist wohl noch die tiefe Aufregung, die der Babel-Bibel-Streit hervorgerufen hat. Um nichts Geringeres handelt es sich dabei neben anderen wichtigen Fragen, als darum, daß man dem Judentum sein vornehmstes Verdienst, das es sich um die Menschheit dadurch erworben, daß es ihr den Monotheismus gebracht hat, absprechen will. Diese fest eingewurzelte Anschauung wollte man neuerdings durch Feststellungen der Assyriologie umstoßen, wonach Spuren eines mehr oder weniger deutlichen Monotheismus auch außerhalb der Religion Israels im alten Orient sich finden sollen. Ja, es wurden sogar Stimmen laut, daß der israelitische Monotheismus nur eine besondere Abart, einen Absenker eines allgemeinen altorientalischen Monotheismus darstelle. Da es sich hier um ein Problem der einschneidendsten Art handelt, von dessen richtiger Lösung ungeheuer viel für die Beurteilung der Religion Israels abhängt, und da sich zugleich die Frage erhebt, ob unsere bisherige Auffassung von der Geschichte dieser Religion nicht etwa eine totale Umwälzung zu erfahren hat, sah sich Professor Baentsch*), ein Mann, der in diesen Dingen zweifellos stimmberechtigt ist, veranlaßt, diesem Problem näher zu treten *) „Altorientalischer und israelitischer Monotheismus." Ein Wort zur Revision der entwicklungsgeschichtlichen Auffassung der israelitischen Religionsgeschichte von B. Baentsch. Tübingen 1906, Mohr,