Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 42 (12.10.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
42 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021699--15818-3040605
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 42 Dr. Blocb’s Mocdenscbrln. Seite 705 Erst nach dem Jahre 1848, wo ein frischer Zug auch das jüdische Gemcindewesen belebte, geschieht ein Schritt vorwärts. Auf Antrag des Religionslehrers Leopold Breuer bewilligte die Gemeinde eine jährliche Dotation von 60 fl. Cm. zur Anschaffung von Neuerscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft. Auch die Polizeibehörde überließ eine Anzahl von Pflicttexemplaren der Bibliothek, die damals an die Religionsschule angegliedert wurde und zunächst im Sinne Breuers für die geistigen Bedürfnisse der Lehrer zu sorgen hatte. Bei dieser geringen Dotation und dem spärlichen Einlauf der überlassenen Pflichtexemplare konnte trotz der verdienstvollen Mühe Leopold Breuers und Adolf Jellineks, welch letzterer eine zeitlang die Oberaufsicht über die Bibliothek hatte, nichts Bedeutendes ge-> schaffen werden. Die eigentliche Entwicklung der Bibliothek beginnt mit dem Amtsantritt Samuel Hammerschlags, der 1857 als Religionslehrer in den Dienst der Gemeinde trat und von da an seine freie Zeit in den Dienst der Bibliothek stellte. Anfangs im Nebenamte, widmete er ihr später seine ganze Arbeitskraft. Sowie er das Aufblühen der Gemeinde, die Vergrößerung und Entwicklung ihrer Institutionen, das Anwachsen der jüdischen Bevölkerung auf das 12—löfache selbst miterlebte, so wuchs unter ihm die Bibliothek, — wenn überhaupt die in einem einzigen Kabinet aufgestellten Bücher diesen Namen verdienen — zu einer in quantitativer und, was besonders betont werden muß, qualitativer Hinsicht achtunggebietenden Sammlung an. Professor Hammerschlag war ein Bibliothekar, der die Bücher für seine Bibliothek sich erst schaffen mußte, welche denn auch ohne Uebertreibung als sein Werk angesehen werden muß. Er stand auch zu seiner Schöpfung in einem innigen Gemütsverhältnisse, mehr vielleicht als es den Benützern lieb war. Wenn er sich jedoch von dem wissenschaftlichen Ernst eines Lesers überzeugte, war er sehr entgegenkommend. Er brachte ihm dann selbst die exotischesten Lieblinge, die er auf irgend einer Auktion erworben hatte und stellte sie ihm bereitwillig zur Verfügung. Leicht kam ihm sein Werk nicht an. Er mußte mit allen möglichen Antiquaren in Verbindung treten, persönlich bei Buchhändlern Nachfrage halten, fachmännischen Rat einholen, Bibliothekseinrichtungen studieren u. dgl. m. Die Frucht eines solchen Besuches in der Kremsmünster Stiftsbibliothek ist seine Arbeit im Weiß-Friedmannischen Beth-Talmud l, in welcher er wertvolle Lesarten zum Traktat Aboda Zara mitgeteilt, die er an einem Einbanddeckel eines alten Kodex fand. Er ließ den Reiz der Neuheit an den Erscheinungen des Tages Vorbeigehen, um sie dann mit den geringen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, für die Sammlung zu erwerben, was freilich bei der damaligen geringen Inanspruchnahme der Bibliothek möglich war. Ein Maßstab für sein Verdienst zunächst um das Zustandekommen der Sammlung — der qualitative Wert wird aus der weiter folgenden systematischen Uebersicht des jetzigen Bestandes indirekt hervorgehen — kann gewonnen werden, wenn man die folgenden, für die Bibliothek bestimmten, regulären jährlichen Budgetpvsten ins Auge faßt: 1857—1863 je 150 fl.° 1864—1881 „ 200 1882—1883 „ 500 ,,'J Bedenkt man, daß diese Posten für die laufenden Erscheinungen kaum ausreichten, geschweige denn zur Fundierung einer Bibliothek und daß trotzdem im Jahre 1885 der Bücherbestand etwa 8000 Bände betrug, so ersieht man. daß dies nur durch vorsichtiges Kaufen und zielbewußtes Arbeiten bewerkstelligt werden konnte. Durch sein persönliches Eintreten wußte er auch den Vorstand von Fall zu Fall zu bewegen, tiefer in den Säckel zu greifen. Nachdem nun eine ansehnliche Sammlung zustande gekommen war, mußte für Raum gesorgt werden und nachdem der Raum da war, kamen die Leser. Die Bibliothek, die anfangs nur für Entlehnungen geöffnet war, erhielt nun, ihre regelmäßigen Lesestunden, allerdings erst 6 Stunden, die dann sukzessive auf 11 ‘/2 Stunden wöchentlich erhöht wurden. Als die Bibliothek infolge der Errichtung des Rabbinerseminars und des Anwachsens der jüdisch-nationalen Bewegung einen großen Benützer- und Leserkreis erhielt, sah sich der Vorstand im Jahre 1904 veranlaßt, die Zahl der wöchentlichen Lesestunden auf 24 zu erhöhen, die im Anschluß an die anderen Bibliotheken und mit Berücksichtigung der praktischen Berufe vieler Benützer für die Nachmittagsstunden — mit Ausschluß von Sonntag und Freitag — festgesetzt sind. Die intensivere Benützung hatte schon früher die erhebliche Vergrößerung der jährlichen Dotation und die Deckung von Defiziten zur Folge. Ueberdies wurde behufs weiterer Ausgestaltung der Bibliothek über Anregung des Vorstehers Herrn Dr. Maximilian Steiner eine Bibliothekskommission ins Leben gerufen, an deren Spitze der Kustos der Universitätsbibliothek Dr. S. Frankfurter steht. Die Vergrößerung und Ausgestaltung der Bibliothek hatte jedoch das Auftreten der Raumfrage zur Folge. Der Vorstand löste diese Frage in einer Weise, die auch den Lesern zugute kommt. Beim geschichtlichen Ueberblick der Entwicklung der Bibliothek mögen auch die größeren Schenkungen erwähnt werden, da sie ja einen großen Bestandteil der Sammlung bilden. Die Schmid'sche Schenkung wurde bereits erwähnt. Die Bibliothek enthält auch einen großen Teil des Nachlasses von Mannheimer, Leopold Breuer, Kuranda, Kompert, G. Wolf. Ebenso überließen die Herren Emanuel Baumgarten, Dr. Maximilian Steiner, Dr. Alfred Berger ansehnliche Büchersammlungen. Besonders muß erwähnt werden die sehr wertvolle Sammlung Halberstamm, die der Vorsteher Herr Salo Cohn dem Gelehrten S. I. Halberstamm abgekauft und der Bibliothek geschenkt hatte. Diese Sammlung würde wegen ihrer Inkunabeln, Erstausgaben und sonstiger seltener Werke auch für Bibliotheken von größerem Umfange eine wertvolle Bereicherung bedeuten. In den letzten Dezennien kam noch über Intervention des Präsidenten Doktor Alfred Stern die hebräische Büchersammlung aus dem Nachlaß des Barons Moses Waldberg dazu; der in seiner Jugend talmudische Gelehrsamkeit betrieb, und selbst eine Schrift gegen Pineles' Darko schel Thora veröffentlichte. Ebenso erhielt die Bibliothek den Nachlaß ihres ersten Bibliothekars Professor Hammerschlags. Ein Ausgangspunkt für eine praktisch orientierende Uebersicht des Bücherbestandes der Gemeindelvbliothek kann gewonnen werden, wenn man von den Bewegungen und Bestrebungen des ausgehenden XVIII. und XIX. Jahrhunderts ausgeht, die ja auch die Existenzberechtigung moderner jüdischer Bibliotheken in sich enthalten. Das alte Schrifttum wird also nicht Ausgangspunkt, sondern Endstation sein I. Die Bibliothek enthält zunächst diejenigen Schrifterzeugnisse, mittelst welcher der Benützer ein zureichendes Bild von den inneren und äußeren Bestrebungen der Juden, seit dem Auftreten Moses Mendelssohns bis aus unsere Tage, gewinnen kann. a) Zeitschriften. Die ersten Versuche der Mendelssohnianer (Meassef), Zeitschrift des Kulturvereines (Zunz, Heine, Moser), die weitere Entwicklung Jedidia, Sulamith (leider nicht vollständig), Orient, Literaturblatt, Allgemeine Zeitung des Judentums, Hamagid, Bikure ha ittiw, Kerem Chemed, Kochbe Jizchok, ha Cbalr.z usw. (Zu ergänzen wären die galizisch-n und russischen Haskala-Organe: Hamwaffer, Hanescher, Hameliz, Ha-Zephira, Ha-Karmel, Ha-Jbri): b) Flugschriften. Innere Fragen. Reform des Judentums (D. Friedländer, L. Bendawid), Berliner und Hamburger Tempelstreit (Jakobsohn, Chorin, A. Bernstein). Erhebung der alten Orthodoxie (Reb Mosche Soser u. a.). Orgelsrage. Rabbinersynoden. Historisches Judentum (Z. Frankl). Polemik und Satyren gegen den Chassidismus (Perl, Erter, Löwensohn). Neo-Orthodoxie (S. L. Hirsch, Gugenheimer, Hildesheimer). Zionismus und seine Vorläufer (Kalischer, Pinsker bis Herzl). c) Juden-Emanzipation. Schriften für und gegen die Juden. Verhandlungen in gesetzgebenden Körperschaften. Blutbeschuldigungen und ihre Abwehr. Die Frage über den Judeneid. Antisemitismus der Achtziger-Jahre (Bloch-Rohling). Kolonisationsbestrebungen in Palästina und Syrien und die vorausgehenden humanitären Bestrebungen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.