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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 42 (12.10.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
42 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 704 Dr. Llocv's MocvenscbrM. Nr. 42 es den Deutschen beliebt, schmachvoll und verräterisch Antisemitismus zu treiben, so werden das die Juden weder unterstützen noch dulden. Sie müssen die Lust zu derlei Experimenten ausrotteu und zeigen, daß sie eine Macht sind. Es gilt nicht, den Freister zu unterstützen — geworfen muß er werden! Für einen Unheilbaren ist Diät überflüssig. Die Juden verfolgt man, wie man sieht, ob sie der eigenen Partei angehören oder nicht. Mit Macht darum und einstimmig für Dr. Oech, der weder offenen noch verkappten Antisemitismus betreibt! Viel schlimmer^ für die Juden kann es nicht mehr werden. Und sollte gar Oech gewählt werden, so werden im ganzen Land die antisemitischen Frechlinge die Lust am Handwerk für immer verlieren. Zu solchen Ereignissen mußte es kommen, weil die jüdischen Politiker die Balken auf ihrem Wege erst bemerken, wenn sie mit dem Kopf daran stoßen. Statt sich fest zusammenzuschließen, die Tüchtigsten an die Spitze zu stellen und kühle Jnteresseupolitik zwischen den Parteien zu treiben, trägt man mit Enthusiasmus die Schleppe eines Volks» stammes, regt alle anderen gegen sich auf und wird zum Dank dafür infam beleidigt und weggeschickt, wenn man nicht mehr notwendig ist. Auch in Östrau wäre etwas Besseres geschehen, wenn man den Deutschen die Faust gezeigt hätte. Zu Dlrnenrollen wollen wir uns -wohl nicht hergeben. Da heißt es eben, Macht und Klugheit stärken Für die Landtagswahlen ist es vielleicht zu spät. Aber für die Reichsratskampagne und eine fernere Zukunft können wir uns wohl durch Einigkeit gegen die ärgsten Impertinenzen schützen. Die Bereitwilligkeit dazu dürfte die gute S.ite der bitteren Lehre von Ostrau werden. I. Upiimny. Die KiMothrk der jüdischen Gemeinde in Wien. Von Tr. B. W a ch st e i n. In den nächsten Tagen werden die neuen Räume der Gemeindebibliothek dem öffentlichen Verkehre übergeben werden. Bei dem Aufschwünge, den diese Institution in den letzten Jahren genommen, bei den kulturellen Aufgaben, welche die Bibliothek einer Gemeinde von 160.000 Mitgliedern für diese und auswärtige Benützer zu leisten hat, scheint es anläßlich dieser Tatsache nicht überflüssig zu sein, die größere Oeffentlichkeit mit dieser Gemeinde-Institution bekannt zu machen, die auch sonst als die größte jüdische Büchersammlung im Reiche — der Bestand an jüdischen Druckwerken in der Hof- und Universitätsbibliothek ist ein geringer — ein gewisses Interesse beanspruchen darf. Die Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde in Wien ist verhältnismäßig jüngeren Datums. Obwohl die jüdische Gemeinde Wien eine der ältesten Europas ist, hat sich doch infolge der öfteren Vertreibungen von den ältesten Institutionen nichts erhalten. Jndeß kann von einer jüdischen Bibliothek im modernen Sinne des Wortes, einer planmäßig angelegten und von fachlich ausgebildeten Beamten verwalteten San.mluug jüdischer Schristerzeugnisse und solcher auf Juden und Judentum bezüglicher Dokumente bei anderen Völkern noch bis zum Ausgange des 18. Jahrhunderts überhaupt nicht die Rede sein. Trotzdem — oder gerade deßwegen — das gedruckte oder geschriebene Wort bei uns eines Ansehens wie kaum bei einem anderen Volke sich erfreute, waren doch Bibliotheken im eigentlichen Sinne nicht nötig. Das Beth-ha-Midrasch, in dem zwar Gottesdienst abgehalten wurde, das aber im großen und ganzen seinen ursprünglichen Charakter als Lehrhaus aus talmudischer Zeit treulich beibehielt, war gleichzeitig die für jedermann öffentlich zugängliche Bibliothek. Je nach Ansehen, Größe und Alter der Gemeinde enthielten diese Lehrhäuser größere oder kleinere Büchersammlungen. Die verehrungsvolle Liebe, deren sich die Bücher — immer mit dem hebräischen Namen Sephorim benannt — erfreuten, eine Verehrung, die anderswo nur eigentlichen Gegenständen des Kults zuteil wird, und dies vermittelst einer sinnfälligen Symbolik, findet ihren Grund in der reichhaltigen Jdeenassoziation unseres Volkes, in der Eigenschaft, empfangene Eindrücke auf zeitlich und räumlich benachbarte Gegenstände mit gleicher Kraft zu übertragen. Die Verehrung für den Geist wurde auf die nächsten assoziativen stofflichen Ursachen übertragen. Die Heiligkeit des Ortes, in dem sich die Bücher befanden, die ehrfurchtsvolle Scheu, die man ihnen selbst entgcgenbrachte, schützte sie, trotz der Kostbarkeit damaliger Druckwerke, mehr oder weniger vor dem Entwendetwerden. Es mußte schon ein ganz außerordentlicher Dieb sein, der in einer solchen Entwendung lediglich eine seiner beruflichen Handlungen sehen konnte. Im Uebrigen waren diese Sephorim, mehr als der juristische Sinn es zuläßt, ras omuium 6ommnn68. Nicht nur, daß sie zu allen Tageszeiten nach Belieben benützt werden konnten, sie wurden auch außer zu Lehr- und Lernzwecken zuweilen sogar — als Spielbretter verwendet. Die Heiligkeit hatte eben hier einen gemütlichen, häuslichen Charakter angenommen, eine Tatsache, die die Feinde der Juden aus Lieblosigkeit und wohl auch aus Erkenntnis Mangel der zureichenden Gründe nicht begriffen haben. Die Antwort in der Anekdote, die der Chassidim-Rabbi R. Joschua Heschel aus Opatov (vulgo der Apter) gab, als man ihm klagte, wie ein Fuhrmann, in Tales und Thefillim gehüllt, sein Gespann lenkt, enthält wohl einen Zug psychologischer Wahrheit. „Wie groß ist Dein Volk Israel," sagte der Rabbi, „selbst beim Pferdeantreiben, vergessen sie nicht Deiner zu gedenken". Die Abnützung wurde denn auch durch fromme Stiftungen, Vereinsgründungen rc. wettgemacht. Solche Beth-ha-Midrasch- Bibliotheken finden sich noch heute in einigen Gemeinden des Orients. Auch in Holland, wo die Juden seit einigen Jahrhunderten in Ruhe gelebt haben, sollen sich solche von bedeutendem Umfange vorfinden. In Wien hatte die Vertreibung der Juden 1670 bis auf den Friedhof alle Spuren einstigen Lebens weggewischt. Trotz der öfteren Verfolgungen und Vertreibungen war doch die geschichtliche Kontinuität der Gemeinde- Institutionen nicht durchbrochen worden. Die letzte Vertreibung war jedoch so durchgreifend und von so schweren Folgen, daß es lange genug gedauert hat, bis die Konsolidierung der Gemeinde in der jetzigen Form erfolgt ist. Die erste Grundlage zur Bildung einer jüdischen Bibliothek in dem neu aufstrebenden Gemeindewesen legte der bekannte hebräische Buchdrucker Anton (seit 1825 Edler von) Sch mi d. Im Jahre 1814 überreichte er den Vertretern der damaligen Gemeinde je ein Exemplar aller von ihm verlegten hebräischen Werke, zusammen 133 Bände, nebst einer gedruckten Widmung (noch jetzt im Besitze der Gemeindebibliothek), in der die Bitte ausgesprochen wurde, diese Sammlung im Bethause im Dempfingerhof aufzustellen und sie als kleines Zeichen ..des innigsten Dankes und der größten Hochachtung für die ganze israelitische Nation anzuerkennen". In der Tat hatte dieser großzügige Zelk-maäs man, der sich vermittelst des hebräischen Buchdruckes und Buchhandels vom einfachen Buchdruckergehilfen zur höchsten sozialen Position unter seinen Berufsgenossen emporgeschwungen hatte, Grund genug, der „gesamten israelitischen Nation" dankbar zu sein. Charakteristisch hiefür ist eine briefliche Mitteilung von ihm kurz nach dem Brande seiner Papiermühle in St. Pölten 1824: „Ich bin ernstlich gesonnen, eine neue Ausgabe des Talmuds zu besorgen, um mir dadurch meine niedergebrannte Papiermühle wieder aufbauen zu können." (Vergl. über ihn Letteris, Wiener Mitteilungen 1855, Nr. 28; l’Toldot m’leches ha-Dfus b’Wina Bikkurim II. 20 — 38). Diese Schenkungsurkunde hat auch sonst nach Inhalt und Form ein kulturhistorisches Interesse. Hervorheben möchte ich, daß sie wohl in deutscher Sprache abgefaßt, aber in hebräischen Lettern gedruckt ist. Der christliche Buchdrucker hält es für schicklich, im Verkehr mit der Wiener Gemeinde, trotzdem die jüdische Schrift schon längst im Leben durch die deutsche verdrängt wurde, sich der hebräischen Charaktere zu bedienen. Jndeß hatte diese hochherzige Spende, die durch eine Schenkung von Herrn Hermann Dukes, dem Vater des Gelehrten Leopold Dukes, vergrößert wurde, keine unmittelbaren Folgen.

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