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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 42 (12.10.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
42 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Slr 42 Dr. Llocv's Mocvenscdrrn. »etit 703 Die Iwperlinen; mn Ostran. Während der Kampagne für die bevorstehenden mährischen Landtagswahlen hat sich ein Ereignis abgespielt, das jedem anständigen Inden die Schamröte ins Gesicht treibt. Die Schande ist, daß vier oder fünf führende, jüdische Persönlichkeiten von Mährisch Ostrau keine Ehrenbeleidigungsprozesse haben. Sie saßen nämlich als Vertrauensmänner der jüdischen Wählerschaft des Ostrauer Kreises im deutschen Zentralwahlkomitee. Hier hatte man die Stirne, ihnen znznmnten, die Kandidatur eines Freialldeutschen, eines Anhängers K. H. Wolfs, gutzuheißen und den Juden zur Unterstützung zu empfehlen. Einer solchen bodenlosen Unverschämtheit gegenüber ist es notwendig, seine gute Erziehung vollständig zu vergessen. Da muß die Wahrheit gesagt werden, wie teuer man sie auch nachträglich beim Bezirksgericht bezahlen muß. Das ist denn doch ein starkes Stück. Stnö wir Inden denn Kanaillen, die man mit Fußtritten zum Gehorsam zwingen kann? „Gerade, daß er mir nicht das Tintenfaß an den Kopf geworfen hat," erzählte ein deutscher Kaiser von dem erzürnten Bismarck. Dasselbe und noch Schärferes hätte von den anwesenden Juden der Redner sagen müssen, der es wagte, die Kandidatur des Antisemiten Dr Freister zu befürworten und zu beantragen, die Juden möchten ihre Stimmen auf ihren Todfeind vereinen. Eine Lumperei das, ohne mildernde Umstände. War vielleicht das Deutschtum des Bezirkes in Gefahr und mußte man ohlle weitere Rücksicht den Mann nehmen, dessen Name die Wählerschaft am meisten begeistert? Haben die Fceialldeutschen die Uebermacht und müssen die Liberalen mit dem Wolf heulen, nm den Sieg der Tschechen zu verhindern? Keine Spur! Die mährische Wählerschaft ist in deutsche und tschechische Wahlkreise eingekeilt, ein Deutscher muß auf jeden Fall gewählt werden, nur ein Sozialdemokrat kommt gegen ihn in Betracht und der muß die rote Fahne in ein schwarz-rot-goldenes Futteral stecken, wenn er Aussichten haben soll. Für die Wählerschaft ist es ganz gleichgiltig, ob die Obermacher einen blauen oder einen grünen Kandidaten hinstellen — der gut dressierte Deutsche wählt deutsch, auch wenn ihm die Parteileitung eine Null auf zwei Füßen hinstellt, wie dies in den Sudetenläudern oft vorkommt. Ist ja der Dr Freister selbst herzlich unbekannt. Die Ostrauer Deutschen bekennen sich ferner der großen Majorität nach zur Fortschrittspartei. Die Alldeutschen des Bezirkes könnten bequem in einer mittelgroßen Menagerie untergebracht werden. Will vielleicht jemand behaupten, daß in der großen Industriestadt Ostrau mit ihrem großen Jntelligenzkceis sich niemand Besserer für die Kandidatur gefunden hat als dieser Dr. Wilhelm Freister? Ohne jeden zwingenden Grund hat man sich eine freche Provokation der Judenheit geleistet. Um sie gefügiger zu machen, hat man ihnen eine plumpe Komödie vorgespielt, indem man die Kandidatur einigen Leuten antrug, von denen im Vorhinein bestimmt war, daß sie ablehnen würden, und erst im letzten Moment, als es schon höchste Zeit für die Wahlbewegung war, blieb man wie aus Verlegenheit bei Dr. Freister stehen. Es ist das banale Geheimnis aller Kulissengeschichten dieser Wahl, deren Betriebsleiter in einigen benachbarten Kohlen- und Eisenwerken unschwer gefunden werden können, daß die mühsam vorgespiegelte deutsche Treue, der übermüdete germanische Edelmut endlich eine billige und erwünschte Gelegenheit fanden, sich in rohen und perfiden Antisemitismus zu verwandeln. Der Wahlkreis schien für die Deutschen sicher. Sie haben nicht mehr gegen die Tschechen zu kämpfen. Da pfeift man denn auf die Juden, welche bisher gut genug waren, unter schweren Verlusten in den ersten deutschen Kampfreihen zu stehen, und wirft sich einer antisemitischen Partei in die Arme, an deren sonst vollständig bedeutungslose Existenz man nur von Zeit zu Zeit durch schwere Korruptionsprozesse erinnert wird. Freister, ein Advokat aus Neutitschein, der von den liberalen Dalai Lamas in Ostrau als Kandidat für die nen geschaffene allgemeine Kurie im mährischen Landtag auf gestellt wurde, hat sich bisher nur dadurch Verdienste erworben, daß er mit seinem Geld die freialldeutsche Partei in Mähren künstlich aufrecht hielt und das Erscheinen des Nordmährer-Blattes, eines Organes für Ritualmord und „kauft nicht bei Juden!", ermöglichte. Es ist sicher, daß mau nicht einmal im Traume daran gedacht Hütte, einen solchen Mann im Bezirke als Abgeordneter vorzuschlagen, als man noch die Tschechen zu fürchten hatte. Wie aber die Juden als Hilfstruppen überflüssig wurden, verriet man sie sofort, und nur ein Rest von Schamgefühl, mehr aber noch schäbiger Eigennutz der Pseudo-Liberalen und Heilo-Germanen veranlaßte sie, den Stoß vor den Kopf der bisherigen Bundesgenossen etwas sanfter auszuführen. Die Sozialdemokraten zogen nämlich bis an die Zähne bewaffnet in den Wahlkampf für ihren Führer, den Brunner Advokaten Dr. Oech, der in Ostrau kandidiert. In diesem Wahlkreis sollen ungefähr 3000 jüdische Wähler sein und die könnten doch vielleicht dem Gegner zu einem Siege verhelfen. Ans diesem Grunde war dem Dr. Freister und seinen Protektoren der Sitz im Landtag eine Erklärung wert und der unentwegte Alldeutsche stellte denu.auch daweil seinen Antisemitismus in den Schatte.! der Wahlurne, indem er im Zeutralwahlkomitee und rach, er in einer Wählerversammlung ein überaus gewundenes, nichtssagendes Bekenntnis ablegte, in welchem er ausführte, die freialldeutsche Partei in Mähren hätte ihren Antisemitismus nie in den Vordergrund gestellt und im Landtag werde letzterer schwerlich zur Betätigung kommen, weil hier nationale und wirtschaftliche Fragen zur Lösung gelangen würden. Dieser freialldeutsche Schraubengang des Gedankens ist unwahr für die Vergangenheit und irreführend für die Zukunft. Massen unserer jungen Leute, die einen Beruf ergreifen wollen, Juden aller Stände können zu Hunderten als Zeugen dafür angerufen werden, mit welcher tötlichen Gehässigkeit sie der mährische Antisemitismus bisher verfolgt hat. Sehr schön von Freister, daß er im Landtag keine antisemitischen Brandreden halten wird, daß er ein Antisemit im Hintergrund ift und nicht im Vordergrund. Hat er aber auch nur dem blutrünstig judenfeindlichen Nordmührer Blaut seine Unterstützung gekündigt, ehe er um jüdische Stimmen werben ging? Mit der versprochenen eventuellen Schweigsamkeit in der Judenfrage mag er Dorfhammel gewinnen gehen. Die judenfeindliche Gesinnung macht den antisemitischen Lumpen,und jeder Anhänger, den Freister schweigend protegiert, jedes bischen Einfluß, das er immer noch schweigend ansübt, ist ein weiterer Verlust für das Judentum. Abgesehen davon, daß Taten mehr zu sagen haben als Worte, ist Antisemitismus auch mit den weitestgehenden Konzessionen noch immer eine Frechheit, ein ungesetzliches Verbrechen und die Juden lassen sich auch den Schatten davon nicht gefallen, geschweige denn, daß sie ihn noch dazu belohnen sollen. Genug denn von dem freialldeutschen Gefasel, dem gesprochenen Fliegenleim, auf dem sich gar nichts fängni wird. Denn der gesunde Sinn der Ostrauer Juden hat sich sofort mit aller Schärfe gegen ihre eigenen Vertreter gekehrt, weil diese nicht gleich im Zentralwahlkomitee. Her frechrn Zumutung geharnischt entgegeug^treten sind. Das wäre viel besser gewesen, als daß die Schuldtragenden, wie. sie es taten, erst in der Wählerversammlung viel zu zahmen und höflichen Protest eingelegt haben. Kein Wort wäre zu stark gewesei , um diese nicht nur ehrlose, sondern auch schreiend dumme Prostitution zurückzuweisen. Mit der einen Impertinenz, der Kandidatur, war es aber noch nicht abgetan. Als muu sah, daß man die Inden nicht für politische Helotendieuste gewinnen könne, erließ man ein offizielles Manifest, sie sollten sich der Wahl enthalten und wenigstens dem Gegner Freislers nicht zum Sieg verhelfen. Aber auch der zweite Draht der Marionetten muß reißen, sie lassen sich nicht in den Winkel werfen l Har

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