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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 42 (12.10.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
42 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 702 Nr 42 L)r. JBiocb s WlocDenscbnn. stellungen zurückzuweisen und das Lehrgebäude des Judentums auf Grund der Quellen wissenschaftlich darzustellen, ist die Aufgabe der vorliegenden „Jüdischen Apologetik" vom Oberrabbiner Dr. Moritz G ü d e m a n n, welche einen Teil bildet des „Grundrisses der Gesamtwissenschast des Judentums", den die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" herauszugeben unternimmt. (Verlag von Carl Flemming, Glogau 1906.) Das erste Kapitel behandelt „Die jüdische Religion als göttliche Offenbarung und als Produkt des jüdischen Volksgeistes". Grundzug der jüdischen Religion und ihre charakteristische Signatur bilden die Betonung der Einheit, Einzigkeit und sinnlichen Unvorstellbarkeit Gottes. Es war von Haus aus für das jüdische Bewußtsein unannehmbar, daß Gott in sichtbarer Gestalt erscheinen oder daß ein Mensch zur Vollkommenheit Gottes sich erheben .könnte. Pfleiderer bemerkt von der christlichen Trinttätslehre: „Die im kirchlichen Symbol fixierten Formeln sind zwar nach ihrem historischen Grund und Recht zu verstehen, enthalten aber unlösliche Widersprüche und entfernen sich so weit vom einfachen biblischen Monotheismus, daß sie nicht als befriedigender Ausdruck des christlichen Gottesglaubens gelten können." Friedrich Delitzsch sagt in seinem letzten Babel¬ und Bibelvortrage: „Zahlreich sind die Spuren, die darauf hiuführen, daß gleich den Philosophen Griechenlands und Roms auch die tieferen Denker Babyloniens hinter der Mannigfaltigkeit der Einzelgottheiten die ideelle Einheit der Gottheit ahnten." Das mag seiu. Aber sehr richtig wird in einer der ältesten rabbinischen Schriften bemerkt: „Eine Magd hat am Schilfmeer, durch das die Israeliten aus Egypten zogen, geschaut, was der Prophet Jecheskel und die übrigen Propheten nicht geschaut haben." Das ist für den Monotheismus des Volkes Israel entscheidend. Die Mägde nehmen hier die Stelle der „tieferen Denker Babyloniens" und der „Philosophen Griechentauds und Roms" ein. Träger des Monotheismus war in Israel das Volk und ist es auch trotz jeweiliger Verirrungen geblieben. Die Ergebnisse, welche die Erforschung des babylonischen Attertums zutage gefördert hat, machen es mehr und mehr zur Gewißheit, daß wir es in den biblischen Schilderungen der Patriarchenzeit nicht blaß mtt Sagenbildungen, sondern mit dem Niederschlag geschichtlicher Ueberlieferungen zu tun haben. Diesen zufolge ist also A b r a h a m, der Stammvater des Volkes, der erste gewesen, der Gott erkannt hat. Er hat dann diese Erkenntnis „seinen Kindern und seinem Hause nach ihm" als kostbares Vermächtnis, durch das aber auch alle „Familien der Erde gesegnet werden sollten," hiuterlassen. Mit diesen Worten ist das Volksmäßige der Entstehung der jüdischen Religion ausgedrückt, das heißt ihr Charakter als Produkt der Volkserziehung. Die zahlreichen, auf das Lehren und Lernen der Worte Gottes abzielenden Vorschriften, die für die jüdische Religion charakteristtsch find und nicht leicht anderwärts ihresgleichen haben, machen es zur Gewißheit, daß in Israel jeder Volksgenosse die Sache der Religion zur eigenen machte, daß jeder zugleich Schüler und Lehrer war, der das geistige Erbgut übernahm und wettergab, und wie etwa, wenn dieser Vergleich gestattet ist, gewiffe Industrien in bestimmten Disttiklen heimisch find und hier durch fortgesetzte Hebung und Pflege zu einer einzigartigen Entwicklung gelangen, so ist in Israel die Religion das Zentralgebiet gewesen, das alle anzog, dem alle sich zuwaudten und das dadurch seinen eigentümlichen Charakter und seine großartige Ausbildung erhielt. Man ist hierbei auf das Volksingenium angewiesen, das allein geeignet ist, diese Erscheinung zu illustrieren, das aber zugleich erklärt, weßhalb die jüdische Religion, obwohl sie auf der Offenbarung beruht, zugleich als ein Produkt des Volksgeistes bezeichnet werden darf. In interessanter Weise wird auf die Tätigkeit der Kanonsammler verwiesen, die Art, wie ESra und seine Genossen aus der vorhandenen religiösen Literatur die unS bekannten Schriften, weil sie in ihnen den unverfälschten Ausdruck d.r Religionswahrheiten erkannten, auswählten und sammelten, andere aber, die ihnen den Geist der Religion nicht unverfälscht wiederzugeben schienen, unterdrückten. Auf Grund welcher Vollmacht wurde nun diese redaktionelle Tätigkeit sowohl in positiver wie in negativer Richtung ausgeübt? Lediglich auf Grund gemeinsamer Kritik, die ihre Berechtigung aus sich selbst schöpfte. Dies wird aus späterer Zeit ausdrücklich bezeugt. Der Talmud weiß nämlich noch aus dem letzten Jahrhundert vor der Zerstörung des Tempels von einer Prüfung des Kanons zu berichten, der die Sprüche und der Prediger Salomos und sogar auch der Prophet Jecheskel beinahe zum Opfer gefallen wären, und es wird nicht etwa gesagt, daß hierbei die Hand Gottes im'Spiele gewesen sei, sondern in sehr nüchterner Weise wird bemerkt, daß die Weisen die vorgenannten Bücher, obgleich sie damals ohne Zweifel bereits für heilig galten, dennoch, und zwar aus dem Grunde zu unter, rücken beabsichtigten, weil sie Widersprüche darin wahrnahmen, und daß erst nach ermittelter Ausgleichung derselben die geplante Unterdrückung unterblieb. Wie man nun auch über diese Nachrichten urteilen möge, so geht doch aus denselben unzweifelhaft so viel hervor, daß man sich zu keiner Zeit im jüdischen Volke selbst denjenigen Schriften gegenüber, welche die Dignität göttlicher Eingebung für ihren Inhalt in Anspruch nahmen, des kritischen Urteils begeben habe. Die jüdische Schriftauslegung war weit entfernt von jenem Autoritäts- und Buchstabenglauben, den man ihr willkürlich angedichtet, und hat durch eingreifende Maßregeln bewiesen, daß der Buchstabe dem Geiste weichen mußte. Das alte Vergeltungsrecht (jus talionis) ist schon in der Thora selbst unter Anwendung dieses Prinzips beseitigt worden. Ebenso zeigen die Aufhebung der Wirkungen des Brachjahres, wie die Auslegungen und praktischen Behandlungen zahlreicher anderer Thoravorschriften, daß man einzig und allein den G e i st der Thora im Auge hatte. Freilich als die allegorisierende Exegese, die in Philo einen genialen und gewaltigen Vertreter fand, durch seine ungleich radikaleren Nachfolger nicht allein das gesamte Religionsgesetz in Luftgebilde aufzulösen, sondern, beeinflußt von der griechischen Gedankenwelt, die Reinheit des jüdischen Monotheismus zu trüben und zu verfälschen drohte, erkannte man die schweren Gefahren und begann entschlossen den Kampf für den einfachen schlichten Wortsinn des Bibeltextes. Wenn der Apostel Paulus den Juden zuruft: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist belebt", so hat er ihnen keine große Neuigkett gemeldet. Er unternahm mit Hilfe einer ausschweifenden Allegorie die neue Religion in den Kanon der alten unterzubringen und die Lehre zu verkünden, daß der Gottessohn, dessen Kreuzestod und Auftrstehung als göttliche Absicht und Notwendigkeit für die Aufhebung des Gesetzes und das Heil der Menschheit bereits in der alten Bibel vorausgesagt sei. Das konnte nur erreicht werden mit Hilfe einer Schriftdeutung, bei welcher das Wort jede Geltung verlor und sich willig der beliebigen Phantasie ausgeliefert sah. Dem gegenüber wehrten sich die Schriftgelehrten und verteidigten das Wort. Es war ein Kampf zwischen Geist und Geist, wobei der Buchstabe als Waffe oder Mittel für den Angriff wie für die Abwehr diente. Paulus kam es darauf an, den Buchstaben, d. h. den Wortsinn der heiligen Schriften des Judentums zu entwerten und mittelst der Allegorie derart zu präparieren, daß er ohne Schwierigkeit den Geist seiner Lehre darin ausgedrückt finden konnte. R. Akiba hat dadurch, daß er den Buchstaben, d. h. das klare Wortverständnis verteidigte, den Geist der jüdischen Religion, insbesondere den Monotheismus in seiner Reinheit erhalten. Dieser Tannaite hätte als Kampfruf denselben Ausspruch gebrauchen können, dessen sich später ein anderer in einem anderen Sinne bediente: „Das Wort sie sollen lassen stan!" (Fortsetzung folgt.)

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