Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 698 Dr. Bloch's WochrnfchrM. Nr. 41 „Sage das nicht/ erwiderte er ihr vorwurfsvoll. „Warum lache ich Dich nicht aus?" Im Ganzen nahm Schaya die Situation ziemlich rücksichtslos. Er studierte seinen Talmud und die englische Sprache, ließ sich von Tamara mit Leckerbissen füttern und streifte aus den Straßen herum. In weniger als sechs Monaten kannte er die Stadt und deren Umgebung besser als Flora und er kannte auch die Bedeutung von zirka tausend englischen Worten. Flora staunte über seine Fortschritte und über seine rasche Austastung in Arithmetik und in der englischen Grammatik. In diesen beiden Gegenständen war sie nie sehr stark gewesen und das beleidigte sie. Es war ihr, als ob sie auf ihrem eigenen Boden von der „heiligen Seele" geschlagen worden wäre. Die neuartigen Dinge, die er lernte, waren für seinen Geist eine Delikatesse. Er übersetzte viele hebräische Gebete in die englische Sprache und sein größtes Vergnügen bestand darin, sich in Abwesenheit Asriels mit arithmetischen Problemen abzugeben. Immer mehr beschäftigte er sich mit den Wissenschaften der Gojim. „Bringe mir eine Geometrie!" flüsterte er seinem Instruktor zu. „Ja, ich werde Ihnen eine bringen, aber Herr Stroon darf nichts davon erfahren!" Die verbotene Frucht wurde geliefert und der Wunderknabe verschlang auch dieses Buch mit seltenem Eifer. „Wie herrlich! sagte er voll Enthusiasmus zu seinem Lehrer. „Nie hätte ich gedacht, daß es so herrliche Bücher gäbe auf der Welt!" „Und das ist nur der Anfang." sagte ihm der Lehrer. „Aber warte, bis Du tiefer eingedrungen bist in die Wissenschaft. O. Du wirst sehen, was es für herrliche Werke gibt. - „ Höre, junger Bursche," sagte Asriel zwei Wochen später zu Schayas Lehrer, „Ihr braucht nicht mehr zu Schaya zu kommen. Ihr geht mit dem Jungen zu weit vor.' Schaya fand keine Schmierigkeit dabei, die Probleme der Mathematik und Geometrie allein zu enträtseln, aber er sehnte sich nach seinem Lehrer und einige Zeit konnte ihn weder der Talmud noch die Geometrie trösten. „Rate, wo ich gewesen bin?" frug er Flora, als er eines Tages von der Straße kam. Er sprach yiddisch zu ihr und sie antwortete englisch. „Nun, wahrscheinlich in der Synagoge." „Nein, in der Astor-Bibliothek," flüsterte er. „So viele Bücher habe ich noch nie geseben, Flora, und Du sicherlich auch nicht. „Warst Du schon einmal dort?" „Nein!" gestand sie zurückhaltend und ein wenig beschämt. daß er schon besser Bescheid wisse, wie sie selbst. „Was habt Ihr dort getan?" „Ich besah die Bücher und dann suchte ich nach einer großen Geometrie. Dort findet man jedes Buch, das man verlangt. Aber sagen Sie es nicht dem Vater, daß ich dort war." „Natürlich nicht," sagte sie freundlich. „Können Damen auch hinkommen?" „Ja, gewiß und sie haben sogar eine eigene Abteilung und es waren viele Frauen dort anwesend, wollen sie auch einmal mitkommen?" „Ja, ich möchte mir diese Bibliothek auch ansehen." „Wollen Sie.? O, wenn Sie wüßten, wie schön es ist, dort zu sitzen und zu studieren. Ich vergaß mich, und als mir eine Stelle in dem Buche besonders gefiel, begann ich laut zu lesen, doch da kam ein alter Herr und stieß mich an, und sagte mir, daß das laute Lesen hier nicht gestattet sei." Flora brach in ein Gelächter aus. „Ich wette, Sie haben so gelesen, wie wenn Sie den Talmud studieren." „Ja," gab er naiv zu. „Ja. Und dabei habet Ihr mit den Händen Euere gewöhnlichen Bewegungen ausgesührt und habet Euch das Leben aus dem Leib herausgeschüttelt," fuhr sie neckend fort. „Nein, das nicht, ich soll den morgigen Tag nicht erleben, wenn ich das getan habe. Es tut mir nur sehr leid, daß ich noch nicht so gut englisch sprechen kann," sagte er. „Als ich Bücher verlangte, hat man mich kaum verstanden." , „Ich verstehe alles, was Sie sprechen," sagte ihm F^ora zum Tröste. Seine im traurigen Tone gemachte Bemerkung rührte sie. „Ja, Sie verstehen mich, aber andere Leute nicht! Ich möchte so englisch sprechen können wie Sie! Lesen Sie, bitte eine Seite mit mir, wollen Sie? Soll ich das Buch holen?" „So eilig! Können Sie nicht warten?" Er war voll Ungeduld, die Sprache der Fremden zu erlernen, die Buchstaben, die Definition, die Aussprache. Die fremde Sprache schien ihm das große Hindernis, das sich zwischen ihn und die entzückende Welt, die sich vor ihm eröffnet hat>e, stellte. „O, Flora, lange sollen Sie leben, aber hören Sie ein wenig zu, wie ich jetzt lese." »Ja, ja," gab sie mit gütigem Interesse nach, weil sie sich geschmeichelt fühlte. Er las eine Weile laut vor. Dann wurde er zerstreut. „Sie haben eine Zeile ausgelassen," sagte sie ihm. „Ja, es ist möglich." Sie saßen in respektvoller Distanz von einander entfernt. Ihre schöne Figur spiegelte sich im Pfeilerspiegel wieder. Sie trug eine dunkelblaue Seidenbluse, die mit Rot geputzt war, im Haar trug sie eine rote Masche. Sie neigte sich ein wenig nach vorne über das Buch, um irgend ein Wort, das er schlecht ausgesprochen und sie nicht verstanden hatte, zu sehen. Für einen Augenblick hatten sich ihre Gesichter berührt. Ihre elfenbeinfarbigen Wangen waren plötzlich feuerrot geworden. „Wo hältst Du?" srug sie verlegen. Er konnte nicht antworten. Seine Blicke tauchten in Ihre Augen. Nach einer Weile sagte er: „Es ist sehr schwül hier!" Sie hatte den Impuls, ihr Gesicht fortzuwenden. Doch sie fühlte sich nicht frei. Er näherte sich ihrem Gesichte und sie fanden sich in einem heißen Kusse. Keines sprach ein Wort, doch ihre Herzen pochten wild. „Du schlechter Junge," sagte sie nach einer Weile. Dann brach sie in ein nervöses Gelächter aus. „Sind das die „frommen Seelen"?" „Sag das nicht, Flora. Du weißt, Du verletzt meine Gefühle". Ermutigt durch ihre Sanftmut, küßte er sie wieder leidenschaftlich. Als sie sich von seiner Umarmung befreit hatte, fühlte er sich um zehn Jahre älter, und als seine Augen auf den Bücherschrank fielen, fragte er sich, was diese glotzenden, massiven Bände da täten. „Wirst Du es Deinem Vater sagen, daß Du nun mit mir ei ".verstanden bist?" „Das weiß ich noch nicht! Höre, Schaya! Möchtest Du nicht Doktor werden?" „Aber Dein Vater würde mich ja fortjagen, wenn er es erfahren würde." „Aber nehmen wir an, er hätte nichts dagegen einzuwcnden." „O, dann würde ich gerne studieren und ein Doktor werden! Aber Reb Asriel wird das nicht zugeben." „Höre, kannst Du ein Geheimnis bewahren?" frug sie wie ein Schulmädel, das ein Komplott schmiedet. „Meinst Du darüber, daß ich Dein Bräutigam sein werde?" „Nein," widersprach sie ungeduldig. „Ich meine Dein Studium. Papa muß es ja nicht wissen. Bis es zu spät ist. Wenn Du einverstanden bist, können wir das Nähere besprechen." „Das will" ich. Und ich kann Geheimnisse bewahren." „Also, Schaya, ich wünsche, daß Du Doktor wirst! Wenn Du das werden möchtest, könntest Du mein alles