Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Vr. jbiocd'ö Wlocbenscbrtn. Seite 697 Blattes „Narodna Obrana". das anläßlich des vor zwei Jahren in Osijek abgehaltenen ersten zionistischen Kongresses, unter der Leitung des einflußreichen Politikers Dr. Ivan L o r k o v i c, der jetzt das fortschrittliche Organ „Pokret" redigiert, dem Zionismus äußerst sympathische Artikel in seinen Spalten einräumte. Die Reden wurden mit großem Beifall aufgenommen. Der Verein „Zion", der unter der Leitung seines verdienstvollen Präsidenten Herr Leopold Stein steht, verspricht einen schönen Aufschwung zu nehmen. Das Ritualmordmärchen spukt wieder. Aus Kaschau wird berichtet: Unter den hiesigen Juden herrscht infolge einer böswilligen Verleumdung furchtbare Aufregung. Zwei Arbeiterinnen erstatteten verflossenen Samstag, dem jüdischen Versöhnungstage, bei der hiesigen Stadthauptmannschaft die Anzeige, daß die Juden gewaltsam einen Christenknaben in ein orthodoxes Bethaus der Vorstadt geschleppt und dort abgeschlachtet hätten. Um zu eruieren, was an der Anzeige Wahres sei, entsandte der diensthabende Polizeikonzipist zwei Polizisten und zwei Detektives an den von den Anzeigerinnen bezeichnten Ort. Während die Juden in dem Gotteshause dem feierlichen Gottesdienste beiwohnten, wurde der ganze Tempel und die in der Umgebung desselben befindlichen jüdischen Wohnungen durchsucht, ohne daß auch nur die geringste Spur eines angeblichen Verbrechens gefunden worden wäre. Die Durchsuchung des Tempels hatte selbstverständlich die denkbar größte Aufregung unter den Andächtigen hervorgerufen. Die Empörung der jüdischen Gemeindemitglieder steigerte sich ins Ungemessene, als die beiden Anzeigerinnen in einer Schar auf der Straße spielender Kinder den vermißten, angeblich ermordeten Knaben erkannten. Die hiesige Kultusgemeinde beabsichtigt, gegen die Polizeiorgane, welche in das Bethaus eingedrungen waren, die Strafanzeige wegen Religionsstörung zu erstatten. Pisek. Am 17. Oktober d. I. findet in Prag im Hotel Bristol die Trauung des Herrn Robert F a n t l, Sohn des kais. Rates Jakob F a n t l aus Pisek, mit dem Fräulein Anna B e r m a n n, Tochter des Herrn Moriz B e r m a n n aus Zlonitz, statt. Abbazia. (Die hohen Feiertage in Abbazia.) Auch dort, wohin Erholungsbedürftige und Kranke sich flüchten, ist Gelegenheit geboten, dem Judentume treu zu bleiben, dem einzigen Gotte zn dienen und unsere hohen Feiertage mit Würde und Andacht zu feiern. Bei riesiger Beteiligung eines zahlreichen und distinguierten Publikums ist auch heuer der Gottesdienst während der hohen Feiertage in dem großen Saale der „Pension Bremer" abgehalten worden. Unterlautloser Stille und musterhafter Ordnung verrichtete Herr I. Grün, Kantor des Hauses, die erhabenen Gebete und während des Maskirs, beim Rezitieren des LI mole rachamim für die ermordeten russisct-en Juden, wurde die Stille durch das Schluchzen der Andächtigen unterbrochen. Berlin. Hermann Bamberg, i. Fa. Gebr. Mannheimer, wurde zum Kommerzienrat und Bankier I. Abraham, i. Fa. G. Moebius und Abraham, zum Kgl. preußischen Lotterie- Einnehmer ernannt. München. Landgerichtsrat Dr. Theodor Engelmann ist zum Staatsanwalt beim Oberlandesgericht ernannt worden. Feuilleton. Der importierte Krantigam. Roman ans dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. (Fortsetzung.) VIII. Kapitel. „O, Vater, wirst denn Du noch immer dieser Sache nicht ein Ende bereiten! Du weißt ja, daß ich ihn nie heiraten werde!" „Zwing' ich Dich denn?" erwiderte der Alte. „Was geht der Knabe Dich an? Er ißt Dir Dein Mittagessen nicht fort. Stelle Dir vor, er wäre Dein Bruder und kümmere Dich nicht weiter um ihn. Mir ist der Knabe so teuer geworden, daß er mir vorkommt wie ein eigener Sohn. Wirst Du Kaddisch nach mir sagen? Wirst Du Jahrzeit für mich halten? Gott hielt mich nicht für gut, einen Sohn zu haben, aber er sandte mir dieses heilige Kind, daß es die Stelle eines solchen einnehme. Wenn ich ihn die heiligen Bücher lesen höre, fühle ich es angenehm wie Honig. Es hat dem Allmächtigen gefallen, einen Bauer aus Deinem Vater zu machen. Nun, ich denke, er versteht seine Sache und ick will mich nicht erkühnen und Fragen an ihn stellen; doch er scheint Erbarmen mit mir zu haben und hat mir auf meine alten Tage einen Engel gesandt. Hast Du gehört, was die weisen Männer gesagt haben? Daß die Erhaltung eines Mannes, der die heiligen Bücher studiert, mehr ist, als Opfer darbringen. Ja, meine Tochter, Gott hat mir diesen Knaben gesandt. Er hat mich den weiten Weg nach Prawly machen lassen, um mir Gelegenheit zu geben, für meine Sünden zu büßen. Willst Du mich zwingen, ihn zu verstoßen? Nicht, wenn New-Aork sich umdreht!" „Aber Vater!" „Laß mich ausreden! Es wäre Sünde, ihn fortzuschicken! Er ist von Gott gesandt. Er ist so rein wie die Thora!?u bist meine Tochter, er ist mein Sohn. Ich jage Dich nicht mit dem Stock unter den Baldachin. Und wenn Gott die Heirat nicht wünschen wird, wird sie nicht sein." Dieses Gespräch fand vierzehn Tage nach der großen Debatte statt, Asriel lebte in der Hoffnung, daß, wenn Schaya etwas englisch und die Art und Weise Floras erlernt haben würde, sie sich mit der Zeit an ihn gewöhnen würde. Er konnte es nicht glauben, daß ein Mädchen einem solchen Mann nicht gut werden müßte, denn in seinen Augen war er der schönste junge Mann der jüdischen Kolonie. Er nahm einen Sprachlehrer für ihn auf und das Uebrige überließ er der Zeit. „Lehre iln englisch und unterweise ihn in den guten Manieren," befahl er dem Lehrer, „Aber merke Dir! Führe ihn nicht in die modernen Bücher ein, in die Werke der Gojim. Er braucht diese Eselkunststücke nicht, die man heutzutage den Kindern beibringt. Hast Du mich begriffen?" Flora hatte sich nach und nach an Schayas Anwesenheit im Hause gewöhnt, als ob er ein neu entdeckter Bruder sei, der in einer sonderbaren Weise erzogen worden war. Manchmal kam es vor, daß die beiden jungen Leute allein im Zimmer waren. Die Tür zwischen dem vorderen Zimmer, das jetzt Schayas Studierzimmer war, und Floras Boudoir war meist offen. Sie sprachen viel mit einander und sie neckte ihn wegen seiner Unmanieren und einmal, als sie dazugekommen war, als er laut englische Vokabeln lernte, lachte sie über seine schlechte Aussprache. „Warum machst Du immer so häßliche Bewegungen mit den Fingern? Das tut man bei uns in Amerika nicht, sonst wird man ausgelacht. Du solltest versuchen, ohne diese Gesten zu lesen!" „Ich bin vom Talmudlesen daran gewöhnt, hi, hi," kicherte er verlegen. Ihr Klavierspiel störte ihn nicht beim Studium, denn er war gewöhnt, in der Synagoge unter Lärm zu studieren. Er hielt auch oftmals inne, um dem energischen Anschlag Floras zu lauschen. Wenn die Melodie eine melancholische war, machten die ersten Akkorde ihn aufhorchen, und wenn er lange hinhörte, fühlte er Heimweh; er sehnte sich nach mehr Vertraulichkeit in dem Verkehr mit Flora. Wie gerne wäre er aufgestanden und hätte sich neben sie hingestellt, während sie spielte. „Ach, wie reizend," sagte er und fühlte sich wie in einem Paradies. „Was suchst Du hier?" frug sie ihn scheinbar überrascht. „Musik ist nichts für eine „heilige Seele", wie Ihr seid." Sie belustigte sich über den Lieblingsausdruck ihres Vaters.