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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 694 Dr. Lwco s MlocoenscbrtN. Nr. 41 Berlin. Dr. Richard Bier, der Geheimrat von Bergmann nach Konstantinopel begleitet hatte, erhielt vom Sultan den Großkordon des Osmanie-Ordens, nachdem er erst vor kurzem den Medjidje-Orden 1. Klasse, die Liakut (pour 16 msrite) in Gold- und die Jmtez-Medaille erhalten hat. Als Dr. Bier zum erstenmale in Konstantinopel war, wo er zwei Monate verweilte, wurde er ebenfalls mit Titeln und Geschenken förmlich überhäuft. Der Sultan ernannte ihn zum Honorar-Professor an der „Hamidiä", überließ ihm eine eigene Jacht zu Fahrten in den Bosporus und verehrte ihm zwei kostbare Buchara-Teppiche und ein goldenes Zigarren-Etui. Beim Abschied machte der Sultan ihm den Vorschlag, als sein Leibarzt mit einem jährlichen Gehalt von 60.000 Francs in Konstantinopel zu verbleiben, was Herr Dr. Bier aber ablehnen mußte. — Doktor Richard Bier wurde 1865 in Münster geboren. Er ist ein Enkel des erst vor kurzem im hohen Alter verstorbenen Rabbiners Philipp Heidenheim in Sondershausen. Seine Studien hat er in Münster und Würzburg gemacht. 1895 kam er an die Universitätsklinik nach Berlin als Volontär und bald darauf wurde er zum Assistenten des Herrn Geheimrates von Bergmann ernannt, den er auf seinen verschiedenen Reisen nach Rußland, der Türkei usw. fast stets begleitet hat. London. Der große Rat der jüdisch-territorialistischen Organisation (I. T. O.), die zur Aufgabe hat, die aus Rußland fliehenden jüdischen Massen in autonome Siedlungen zusammenzufassen, hat unter dem Vorsitz Israel Zangwills hier getagt. Es lag eine Reihe von Projekten und Anerbietungen vor. In Frage kommen Teile von Britisch-Ostafrika, Mesopotamien, Argentinien, bestimmte Distrikte Australiens und verschiedene Striche Nordamerikas. Auf den Antrag der Herren Dr. Klee (Berlin) und Professor Mandelstamm (Kiew) wurde beschlossen, sämtliche Projekte einer Fünfer-Kommission zu übergeben, die aus den angesehensten Inden der Welt bestehen soll. Unter Anderem haben sich zum Eintritt in die Kommission bereit erklärt die Herren Dr. Nathan (Berlin) und Oskar Strauß (New-Iork); der frühere amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Lord Rothschild, unterstützt die Bestrebungen der I. T. O. aufs Wärmste. Der englische Philanthrop Fels hat dem großen Rat eine Spende von einer halben Million Franken zu Landkäufen überwiesen. Der Präsident des australischen Einwanderungsamtes, Arthur, befürwortet namentlich eine Einwanderung ackerbautreibender Juden nach Australien. Schreckensnachrichten ans Sibirien. (Erzählungen einer Augenzeugin.) Asch, 7. Oktober. Eine junge Dame aus Asch, die seit einem Jahre in Irkutsk bei der Familie des dortigen Advokaten Turitschew als Sprachlehrerin der Kinder angestellt war und die gestern wieder in ihrer Heimat eintraf, erzählt von furchtbaren Ereignissen. deren Schauplatz die Städte Irkutsk und Tomks an der transsibirischen Eisenbahn waren und über die bisher keine Nachrichten in die Oeffentlichkeit gelangten. Nach ihren Darstellungen hätten diese Ereignisse sich im August und September dieses Jahres abgespielt. Das Scheußlichste geschah in Tomsk, dort wurde ein gräßliches Blutbad unter den Juden angerichtet. An dem Pogrom, der an einem Freitag Nachmittag ausbrach, beteiligten sich auch die Kalmücken, Bucharen und Ostjaken. In den Abendstunden wurden mehr als 400 Juden, unter ihnen viele Frauen, in das Gebäude einer großen Seifensiederei getrieben, das Gebäude sodann versperrt und an mehreren Stellen zugleich angezündet. Alle kamen in den Flammen um. Viele sprangen durch die Fenster ins Freie, wurden aber sofort niedergemetzelt. Auch der große Basar, in welchem sich viele Juden befanden, wurde niedergebrannt. Wenige Tage vor der Abreise der Dame von Irkutsk war in der dortigen Garnison eine große Meuterei ausgebrochen. Am 16. September wurde zwischen den meuternden und den getreuen Truppen erbittert gekämpft. Die Meuterer wurden niedergeworfen, und schon am anderen Morgen wurde an 41 Rädelsführern das Todesurteil vollstreckt. Bei der Hinrichtung, die auf dem Damm bei der Mündung des Angara in den Jrkut vollzogen wurde, spielten sich grauenvolle Szenen ab. Die Verurteilten, unter denen sich sieben Offiziere befanden, wurden in fünf Gruppen aneinandergefesselt, niedergeschossen und ihre Leichen in den reißenden Angara geworfen. Mehrere der Delinquenten wurden noch lebend mit den Toten gemeinsam über den Damm geschleift und in die Fluten gestoßen. Auf der Heimreise von Irkutsk, die 17 Tage in Anspruch nahm, begegnete die Dame zahlreichen Deportationszügen, die Verbannte nach Sibirien brachten. Die Reisenden erkundigten sich stets bei dem Zugsbegleitungspersonal und erhielten fast jedesmal die Antwort: „Politische". Die Bilanz des Pogroms. lieber den Umfang der durch die Pogroms der letzten Zeit verursachten Schäden liefert das Petersburger jüdische Komitee folgende Zusammenstellung: Die Pogroms haben an 638 Orten stattgefunden; da der vorläufige Abschluß der Zahlen nur bis zum 1. September geht, so ist darin der Pogrom von Siedlce noch nicht inbegriffen. Betroffen wurden 37.075 Familien, die aus 158.101 Personen bestehen; der gesamte materielle Verlust betrug 51,094.703 Rubel. Die Toten zählen 937, die schwer Verwundeten 1190, und es blieb zu sorgen für 351 Witwen, 181 Vollwaisen und 1278 Halbwaisen. Eine jüdische Deputation aus Siedlee bei Stolypin. Petersburg, 3. Oktober. Heute wurde eine Deputation der Judengemeinde von Siedlce vom Ministerpräsidenten Stolypin empfangen. Im Verlaufe der Unterredung hat Stolypin der Deputation Erklärungen in. der Judenfrage gegeben, welche die Mitglieder der Deputation völlig befriedigt haben sollen. Petersburg, 4. Oktober. Das Kadettenblatt „Rjetsch" berichtet, baß Ministerpräsident Stolypin gestern beim Empfang einer Abordnung aus Siedlce erklärt habe, allem Anscheine nach liege kein Grund vor, die dort arretierten Juden dem Gerichte zu übergeben. Das Judenmassakre von Siedlee. Berlin, 5. Oktober. Aus Warschau wird der „Vossischen Zeitung" berichtet: In Siedlce leisteten am Vorabende des Versöhnungsfestes unmittelbar vor den: heiligsten aller jüdischen Gebete, dem „Kol Nidre", die in der Synagoge anwesenden Juden aus freien Stücken vor dem Rabbiner den Eid, daß weder sie selbst noch ihre Nachbarn oder Bekannten vor oder während des jüngsten Pogroms auf das Militär geschossen haben. An die Stelle des verabschiedeten bisherigen Militär- Kommandanten von Siedlce, des Obersten Tichanowski, der als der eigentliche Urheber des Pogroms bezeichnet wird, tritt der Oberst des Dubno-Regimentes, das sich an dem Pogrom nicht beteiligen wollte. Lernaan Zion. XVIII. Bericht. Unser Verein hat im Jahre 1905 aus Mangel an Mitteln seine Tätigkeit bedeutend einschränten Müssen. Wir haben indes nur solche Zweige unserer Arbeiten eingestellt, deren Ausführung entweder als nicht unbedingt notwendig sich erwiesen hatte oder inzwischen von anderen wohltätigen Institutionen übernommen worden ist. Für die Kranken wurde weiter gesorgt. In den unausgesetzt abgehaltenen Sprechstunden sind 28.063 Patienten behandelt worden (1904: 30.096, 1903: 24.698). Dagegen konnten wir die Krankenbesuche nur im ersten Semester honorieren, wir gaben dafür fast 3000 Frcs. aus. Die Apotheke

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