Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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tzsette 688 rr-c. Biocb's Mocbenscbnn. Nr. 41 tapfer in die Kolonien, um unter Entbehrungen und Mühen dem schönsten jüdischen Besitz noch eine Scholle Erde zu gewinnen. Praktische und idealistische, aber lauter zustimmeude Argumente unterstützen die verdienstvolle Arbeit des Jüdischen Kolvnisationsvereines für Palästina in Wien. Er will energisch mittun, um der wilden Jagd des jüdischen Elends ein endgiltiges Ziel zu setzen, den Juden ein ewig offenes, ewig freies Amerika zu sichern. Denken wir an die Möglichkeit, ob nicht ein Urenkel von uns selbst in die Lage kommen könnte, solch eine Zufluchtsstätte zu brauchen. Zugleich sollen aber auch die Juden allen Beschimpfungen entrinnen, indem sie werden, was sie waren: ein schlichtes, tapferes Baueruvolk. Hand in Hand damit ginge die körperliche Wiederherstellung der Rasse. Dazu ist weiter nichts nötig als Land. Kluge Päne, es auszunützen, haben jüdische Nationalökonomen, wie Franz Oppenheimer in Berlin, schon festgestellt, ausgezeichnete Kräfte, glühender Wille ist vorhanden. Es ist verfluchte Pflicht und Schuldigkeit eines Jeden, der es nur halbwegs vermag, da mitzutun. Der Kolonisationsverein bietet Gelegenheit zu edlen Werken ohne parteimäßiges Bekenntnis. Da müssen eben alle Juden heran. Vorderhand scheint es, daß sie nur eine Tat der Barmherzigkeit üben. Aber sie mögen bedenken, daß auf den Weizenfeldern Palästinas, die sie erwerben halfen, als herrliche Ernte auch ihre eigenen Güter heranreifen werden: Die jüdische Kraft und die jüdische Ehre. I Uprimuy. Etwas vom „Polnischen Inden". Im Anhang ein sehr beherzigenswerter Vorschlag zur galizischen Hilfstätigkeit. Wenn die Erinnerung uns nicht täuscht, war es vor un* gefiihr zwei Jahren, als die Berliner „Allgemeine Zeitung des Judentums" durch den Artikel eines Rechtsanwaltes Mayer sehr unliebsames Aufsehen erregte. Der schneidige Rechtsanwalt zog nämlich bitterböse gegen die östlichen Juden los, denen er ein endloses Sündenregister vorhielt, um am Schluffe zu sagen, er sei zwar Jude, fühle sich aber mit derlei Leuten in keinerlei Zusammenhang. Es ist nun sehr löblich von der „Allgemeinen Zeitung", daß sie wenigstens jetzt eine gründliche Revision des deutschen lokalen Urteiles vornimmt über die polnischen Juden, unter denen alle unsere Brüder aus dem Osten verstanden sind. Spät kommt die Reue, doch sie kommt, und zwar rückhaltlos. Und was in dem Chotofi-Artikel gesagt wird, mögen auch bei uns einige Herren bedenken, die gerne die in Wien geborene Nase rümpfen, wenn von polnischen Juden gesprochen wird. Die „Allgemeine Zeitung" verfolgt ungefähr folgenden Gedankengang: Die westlichen Juden behandeln die östlichen ungefähr so, wie sie selbst von den Spaniolen oder gar von den Antisemiten behandelt werden. Man müsse aber die wenigen unangenehmen Aeußerlichkeiten der ewigen Verfolgung und Bedrückung ihrer Besitzer zuschreiben. Wie sollten ewig gehetzte, gepeinigte, gedrückte Leute daran denken, einen Manierenkodex zu erwerben und sich anzueignen? Daß ihre äußere Vernachlässigung nicht chre eigene Schuld ist, bemerkt man an der ungeheuren Veränderung zum Guten, die sie in besseren Verhältniffen sofort durchmachen. Es ist wunderbar, welche Fähigkeit und Zähigkeit sie nach der Auswanderung in der Fremde entwickeln, um geistig, wirtschaftlich und sittlich vorwärts zu kommen. Auch Christen geben zu, daß jüdische Eltern aus Galizien und Rußland selbst die größten Entbehrungen leiden, um nur die Kinder in sauberer Kleidung in gute Schulen schicken zu können, und es ist erstaunlich, mit welchem Talent sich diese Kinder die Bildung ihrer neuen Heimat aneignen. Der jüdische Arbeiterführer Brandes, der 20 Jahre im East-End von New-Aork lebte, setzte dem Präsidenten Roosevelt in einer Audienz auseinander, was für tüchtige Elemente die jüdische Einwanderung aus dem Osten brächte, wie die Immigranten nach Bildung streben. Auf 75.000 Einwohner des East-End kommt nur eine Schenke, dagegen unzählige Schulen für Jung und Alt, wo selbst 60jährige Taglöhncr am Abend hinkommen, Bücherläden und Bibliotheken mit wissenschaftlichen Werken. Alle Dachstuben sind voll von Privatstudenten, die unsere Bewunderung verdienen, weil sie mit Feuereifer bestrebt sind, sich vom Schmutze des Ghettos, wie sie nur zur Besinnung kommen, zu befreien. Ein starkes Vorurteil gegen die östlichen Juden ist auch durch ihren Gebrauch des Jargons entstanden. Er gibt jedoch ebensowenig Grund zum Spott wie die bäuerischen und plattdeutschen Dialekte. In der östlichen Heimat ist er ein Kulturbedürfnis, wird aber in den überseeischen Ländern sofort über Bord geworfen, weil er sich als Hindernis erweist beim Studium der nationalen Kultur der Wirtsvölker. In jeder Hinsicht verdienen die „polnischen Juden" nichts weniger als Spott und Verachtung. So weit die „Allg. Ztg.". Wir könnten noch hinzufügen, zu welchen großen Errungenschaften ein gewanderte polnische Juden in allen Berufen überall gelangt sind, welche großen Dienste sie dem Staat, der Gesellschaft, der Wissenschaft und Kunst, der Industrie und dem Handel geleistet haben. Am interessantesten ist aber wohl die Tatsache, daß ein polnischer Jude sich speziell um die Landwirtschaft der ganzen Welt verdient gemacht hat — eine feine Ironie des Schicksals, nachdem man die Juden, so lange. vom Grundbesitz 'ferngehalten hat und ihnen noch heute Begabung und Neigung für den Ackerbau abspricht. David Lublin hat das berühmte internationale Institut für Landwirtschaft gegründet. 1849 in Polen geboren, ist er in frühester Jugend nach New-Aork gekommen. Erst Kommis, dann Hausierer, wurde er später — Landwirt, und — man sollte es kaum glauben — der Jude, der polnische Jude, der Hausierer, machte mehrere für die Landwirtschaft sehr nützliche Erfindungen, so erfand er unter anderem einen zweckmäßigen Pflug und steht jetzt im Begriff, sich um die Landwirtschaft der ganzen Welt ein epochemachendes Verdienst zu erwerben. Um die amerikanische Landwirtschaft hat er sich bereits sehr verdient gemacht durch seine erfolgreiche Agitation für die Ermäßigung der Frachten. Sein jetziges Streben geht dahin, eine korrekte internationale Feststellung der Ernteerträge der ganzen Welt zu ermöglichen, um so einerseits eine Uebervorteilung des konsumierenden Publikums zu verhindern und andererseits den Landwirten mehr den ihnen zukommenden Verdienst zu sichern. Nachdem er sich vergebens bemüht hatte, den Präsidenten der französischen Republik, Loubet, für seine Idee zu gewinnen, gelang es ihm, wie seinerzeit bereits kurz mitgeteilt, durch Vermittelung eine Audienz bei dem jetzigen König von Italien zu erlangen, der gleich auf die Idee Lubins einging und veranlaßte, daß etwa eine halbe Million Lire zur Begründung des von Lublin vorgeschlagenen internationalen Institutes ausgeworfen wurde. Jetzt befindet sich Herr Lubiu in Washington, um mit dem Präsidenten Roosevelt und den Senatoren für die Schaffung eines internationalen Kongresses zu konferieren. Das Streben nach jeglichem Fortschritt erwacht aber in dem vielgeschmähten, polnischen Juden nicht erst nach der Auswanderung. Es gibt viele denkende Köpfe unter ihnen, die gerne das heimatliche Ghetto reformieren möchten, wenn nicht jeder ihrer Schritte durch die Not vereitelt würde. Uns liegt ein Vorschlag von kolossaler Bedeutung vor, welcher der größten Aufmerksamkeit wert ist. Er bezweckt die ökonomische Hebung Galiziens und die Ausführung des Planes wäre unserer Ansicht eine lohnens- und lobenswerte Aufgabe des jüdischen G e m e i n d e b u n d e s, der ein Tätigkeitsfeld sucht, und von besonderer Wichtigkeit für alle Organisationen, die sich mit dem galizischen Hilfswerk befassen. Welches sind die Wurzeln des galizischen Elends? Neben der ökonomischen Not gibt es noch eine Menge Nebenursachen, denen beizukommen fast unmöglich erscheint. Vor allem lernen die Kinder keinen Lebensberuf und man heiratet zu stütz. Da ist auch die Baron Hirsch-Stiftung machtlos. Uns ist nun folgende gute Idee eingesendet worden: