Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 41 (12.10.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
41 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021698--15799-3040585
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 41 Wr. Liocv s Mocbenscvrin. Seite 887 kann? So ein Dorado, das kann man jetzt schon als Tatsache festlegen, gibt es überhaupt nicht. Wo immer eine stärkere, ungleichartige Bevölkerung eine jüdische Massenzuwanderung bemerken würde, würde sie sehr wahrscheinlich zum schärfsten Widerstande übergehen. Wer aber könnte welches Reich immer daran hindern, sich genau so streng gegen arme jüdische Einwanderer abzuschließen wie Deutschland? Für alle Erwägungen der Vernunft bliebe darum als Bestes für unsere Emigranten ein menschenleeres Land voll Arbeitsmöglichkeiten. Diese Sehnsucht fände Befriedigung, wenn wir irgendwo einen zur Landarbeit geeigneten Erdstrich hätten mit der einfachsten Vororganiiatiou für raschen Absatz der Produkte und für die erste Ernährung der Arbeiter. Besondere Achtsamkeit müßte dem Umstand zugewendet werden, daß die Oberherrschaft des Landes eine Garantie bieten würde, daß unter ihr die Juden nie mehr an Gnade oder Ungnade auch nur zu denken brauchten. Die Juden müßten mit einem Wort dem Beispiel der Buren, Mormonen und Quäker folgen. Die bisherigen Ausführungen sind nur eine kurze Begründung des von der Majorität unseres Volkes angenommenen Grundprinzips, welches lautet: „Die jüdische Auswanderung sei zu fördern und zwar in ein Land, welches Arbeit und möglichste Unabhängigkeit bietet." Worüber noch zu debattieren ist und wofür sich Parteien gebildet haben, ist nur die Wahl des Landes. ' In Betracht kommt ein englisches Gebiet, das Zangwill und seine „Jto" (Jewish Territorial-Organisation) zwar noch nicht besitzt, aber von der Regierung mit Wahrscheinlichkeit zu erreichen hofft. Ferner das von der „Jca" (Jewish Colonisation Association) protegierte Gebiet um die argentinischen Judenkolonien und das von den politischen Zionisten, den Palästinafreunden (Chowewe Zion) und dem Hilfsvereiu deutscher Juden angestrebte Palästina und seine Nebenländer. Zangwills Projekt, ursprünglich ein zionistisches, das erwogen und vom Kongreß abgelehut wurde, hat als stärkste Empfehlung die ausgedehnte Selbstverwaltung und Unabhängigkeit, die vom britischen Ministerium schon einmal geboten wurde und nochmals gewährt werden dürfte. Dagegen werden in jedem ganz neuen Gebiete die Schwierigkeiten der Untersuchung und der Vororganisation enorme sein und auch die Lage in Afrika oder Australien ist nicht empfehlenswert. Realer ist bis jetzt der Gedanke an Argentinien. Hier sind Vermessungen, Untersuchungen rc schon gemacht, landwirtschaftliche Erfahrungen schon gesammelt worden. Wir wollen von wichtigen Argumenten, die trotzdem dagegen sprechen, hier absehen und nur eines feststellen: Mit den Kolonien in Argentinien geht es uicht recht vorwärts. Glicht etwa, weil die Juden keine tüchtigen Landwirte abgeben können — Gegenbeweise hinter dem Pfluge gibt es zu tausenden — sondern weil die Leiter der Kolonisation eine wichtige historische Erfahrung außer acht gelassen haben. Jede Kolonisation ist nämlich ein Krieg. Ein Krieg gegen den Boden, gegen die Nachbarn, gegen die Behörden, ein Krieg mit allen seinen Krankheiten und Strapazen. Kriege werden aber nur von jenen gewonnen, welche eine gerechte, hohe Sache führen und von ihr im Innersten bewegt sind. Diese Grund- und Hauptbedingung des Gelingens, verbunden mit den vergrößerten Vorteilen aller anderen Projekte, ist nur in einem Land vorhanden: In Palästina. Die Feinde Palästinas haben sich im Laufe der Jahre bedeutend zum Vorteil des Judentums geändert. Von einer grundsätzlichen Gegnerschaft sind sie bis zum nachgiebigen Standpunkt gekommen, daß die jüdische Besiedlung des Landes wohl sehr wünschenswert und schön wäre, über einen unerfüllbaren Traum aber nicht hinausreiche. Und um ihre wichtigsten Beweisgründe gleich ins Vordertreffen zu schicken: Der Sultan werde niemals das Land ausschließlich Juden zuteilen. Das hätte nicht einmal die fürstliche Persönlichkeit Herzls erreicht, geschweige denn, daß es einem anderen gelingen werde. Uebrigens hätten schon viele Großmächte Hand auf Palästina gelegt. Das Land sei arm, unfruchtbar und nicht aufnahmsfähig für Massen. Die jüdischen Kolonien wären notleidend gewesen. Keines dieser Argumente kann einer unparteiischen Untersuchung auch nur einen Moment standhalten. Von einem Mißerfolg Herzls kann überhaupt nicht die Rede sein. Er hat nur nicht alles erreicht, was er wollte, und das war ihm zu wenig, um anzufangen. Herzl wollte zuerst den Charter, das ist etwa eine Zusammenfassung von Selbstverwaltung und Schurfrecht auf alle Bodenschätze, und dann das Land mit Juden füllen. Jetzt wird der Versuch auf d m umgekehrten Wege gemacht. Zuerst wird die jüdische Bevölkerung geschaffen und dann die gesetzliche Sicherung verlangt. Dieser Sultan oder ein anderer werden schon zur Einsicht kommen, welchen Vorteil der Zustrom der loyalsten Staatsbürger in eine leere Provinz ihm bringt. Nichts ist dafür besser, als daß so viele Großmächte sich um Palästina bemühen. Dem schwächsten Mitbewerber ist es am ehesten gegönnt und die Mächte werden zur Ueberlaffung Palästinas durch die so geschaffene Lösung ilirer einheimischen Judenfrage gewiß mit veranlaßt. Unfruchtbar ist weiters das Land uicht. sondern nur unbebaut. Wo man den Boden versucht hak, zeigte er die sproßende Triebkraft des Landes, »vo Milch und Honig fließt. Arm ist Palästina wohl; umso kleiner ist die Versuchung der Leute, sich in reichen Städten müheloser als im Dorf beim Handel herumzutreiben. Unterkommen können beim Landbau einige Millionen. Denn unbewohnte, fruchtbare Hinterländer schließen an Palästina au und harren der fleißigen Besitzer. Was aber die notleid-nden Kolonien anbetrifft, so haben sie die Kinderkrankheiten Hder Siedelung überstchen müssen. Aber nirgends ist eine Familie ausgewandert, alles hat standgehalten und diese Treue hat die Blüte unserer schönen jüdischen Bauerndörser in Palästina herbeigeführt, die Treue der Bewohner, die den Krieg um den Bvdeu ihrer Heimat mit dem heiligen Eifer der Buren und Quäker führten. Zu allen Vorteilen kommen noch einige von besonders großer Bedeutung. Palästina ist nämlich das Herz der Welt. Es liegt an der Grenze des Morgen- und des Abendlandes, der gemäßigten Zonen und der Tropenländer, am Landweg nach Persien und Indien, an der Levante zwischen den Dardanellen und dem Suezkanal, von dem Rudyard Kipling sagt, irgendwo müsse man einen Menschen doch endlich einmal treffen: In Shanghai oder in Portsmouth oder ganz sicher im Kanal von Suez. Welche Aussichten für eine geschickt geleitete Industrie, für umsichtige Kaufleute! Wie leicht wird es die Landwirtschaft haben, ihre Produkte abzusetzen! Die Erde Palästinas ist von der VorkoIonisation am meisten erprobt, dem Landmann genau bekannt. Versuchsfarmen genügen ihren Aufgaben, Elementar- und höhere Schulen für Juden geben schon die ersten Grundlagen bodenständiger jüdischer Kultur. Der jüdische Einwanderer trifft überall auf herzliche jüdische Brüder, der Araber anerkennt ein Recht der Juden auf das Land, und die Herrschaft des Sultans, sollte sie auch in ihrem vollen Umfange bestehen bleiben, ist für die Juden gerecht und gütig. Den Ausschlag aller fürsprechenden Gründe, die Krone aller Argumente für das Lano aber gibt die Tatsache, daß unsere Massen nach dem Laude gravitieren! Jüdische Bauern aus Argentinien wandern nach Palästina aus — das sagt alles. Man muß Kraft aufbieten, nicht um die Juden anzulocken, sondern um sie fernzuhalten, ehe genügende Arbeitsgelegenheit vorhanden ist. Unsere Leute sehnen sich darnach, ihren historischen Boden durch ihrer Hände Arbeit wieder zu erobern und sie geben die vollste Zuversicht, daß es ihnen gelingen wird. Palästina hat eine geradezu ideale jüdische Einwanderung, wenn man von den Wenigen absieht, die nur von den Segnungen der Chalukkah angezogen werden. Was aber Junges kommt, das geht ernst und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.