Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 41 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 686 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 41 land bewahrt man stolz die Tradition, der Antisemitismus sei ^mack« in behandelt die eigenen Juden mit gewalttätigem Hochmut uud hält die fremden so ängstlich ferne, als wären es preußische Kolonialbeamte. Sprechen wir nicht von Oesterreich, wo mau für Judeufresserei kaiserlicher Rat wird und wo immer mehr kräftige Arme beim jüdischen Armenamt anklopfeu müssen, weil ihnen die arischen Werkstätten nicht aufgetan werden. In Ungarn nehmen sich auch schon einzelne Politiker kein liberales Tagblatt vor den Mund, der Wahlkampf wird stellenweise mit Schlagworten gegen die Juden geführt, die einen buchstäblichen Sinn haben und eine eigene Grenzpolizei sorgt dafür, daß nicht allzuviele jüdische Beweise der christlichen Nächstenliebe ins Land kommen. In der Schweiz selbst ist der Antisemitismus unter dem Namen Nusseufnrcht ausgebrochen und nicht nur die Wohnungsgeber sondern auch die Behörden kündigen den ausländischen jüdischen Studenten die Quartiere. Die Pariser Bonapartisten uud Orleanisten - sind bald stärker, bald schwächer; mancher gute jüdische Junge im Heer ist durch sie dem Degenstich eines antisemitischen Raufboldes, mancher algerische Jude dem meuchlerischen Revolverschuß eines antisemitischen Banditen zum Opfer gefallen. Marokko uud Persien vervollständigen den Läuderkreis diesseits des Ozeans, in welchem die Masse unseres Volkes wohnt, und dessen Geographie die Gevg aphie unseres Elends ist. Wir finden innerhalb dieser Grenzen alle Abstufungen des jüdischen Leides: vom Angriff auf unsere Ehre bis zum Angriff auf unser Leben, von der Schädigung unserer ehrlichen Arbeit bis zur Plünderung unseres Besitzes. Der erbitterte Kampf, den wir gegen die Ursachen dieser schweren Not zu führen gezwungen sind, ist nach einer Seite hin für lange Zeit, völlig aussichtslos, soweit wir ihn nämlich gegen die Massen unserer Gegner uud deren eingesressene Vorurteile führen. Der schleichende Antisemitismus Mittel- und Westeuropas wird in naher Zukunft nicht schwinden. Da ist das Gegenteil viel wahrscheinlich! r. Denn das soziale Elend mit seinem historischen Bedürfnis nach einem Sünd ubock wird immer größer und für die Rolle des letzteren sind wir Juden wirklich das auserwählte Volk. Der russische Zar aber, der rumänische König, der persische Schah und der marokkanische Maghzen werden den akuten tobsüchtigen Judenhaß nicht hindern wollen oder können. Lassen wir die salbungsvollen Hoffnungen der Satten von stürzenden antisemitischen Ruinen, aus denen neues jüdisches Leben blüht! Die antisemitischen Festungen sind neu und stark, sie werden von ganzen Völkern bewacht. Wir können unmöglich hoffen, sie bald einnrhmeu zu können uud müßlen alle Illusionen darüber allzu teuer bezahlen: Mit den blutige» Leichen der Pogroms, mit den viel zahlreicheren, lautlos sinkenden Opfern des Hungertyphus im Norden, mit schwerer Einbuße an jüdischem Vermögen hüben und drüben. Nur ein politischer Stümper hält sich an das Naturgesetz, daß auch Lueger und Pobiedouoszew sterben müssen. Was nützt es, wenn sie in ein für uns viel besseres Jenseits eiugehen? Der Lueger stirbt, aber die Luegers sterben niemals aus, uud wenn ihnen auch das Schreien zu fad und zu anstrengend wird, so werden sie doch noch lange mit Zustimmung der unausrottbaren Plebejermaffe ini Volke das Erwerbsuud Wirtschaftsleben mühelos nach ihren Wünschet! gestalten. Wer zielbewußte jüdische Politik treiben will, richtet sich nach einem anderen Naturgesetz, das uns sagt, der Antisemitismus wachse mit der Zahl der Juden. Dieses Faktum sieht jeder auf den ersten Blick, der von Rußland bis Italien mit dem Bleistift nachrechnet. Der Antisemitismus kann nur bekämpft werden, indem man ihm die Juden weguimmt, wenigstens ihre auffallende Zahl, indem man unser Schicksal bekämpft, das uns in die Hand erbitterter Feinde gegeben hat. Auswanderung in möglichst großem Maße. Das wäre das richtigste Heilmittel für unsere Leiden. Wir haben allerdings kein Geld für eine Apotheke, in welcher man dieses Mittel bekommt, uud müssen es unseren Kranken überlassen, sich die Medizin zu verschaffen, bis nicht einmal ein Weltverein jüdischer Millionäre die Sache in die Hand nimmt oder die Mittel der Jca mit denen der Alliance multipliziert werden. Aber eines müssen wir, müssen wir. Wenn wir ans Armut den Strom der jüdischen Auswanderung auch nicht so groß und stark machen können, daß er das glückhaft Schiff des Judentums tragen kann, so müssen wir ihn doch mit allen Opfern regulieren, damit er auf seinem Weg nach überseeischen Gebieten nirgends stecken bleibe und eine Ueberschwemmungskatastrophe bei uns verschulde. Wenn wir es aus Liebe zu unseren östlichen Bcüdern nicht tun wollen, so doch aus Furcht vor ihnen. Denn zwischen dem Pogrom- Antisemitismus uud dem Lueger-Antisemitismus besteht ein Zusammenhang in geradem, arithmetischem Verhältnis. Je höher die Wogen der Judenfeindschaft im Osten gehen, desto mehr Verfolgte überschreiten die Grenze und bleiben in den Nachbarländern stecken, wenn ihre Mittel nicht weiter reichen. Dadurch entsteht ein Riesenzirkel von Unglück. Die Ankömmlinge — und sie fragen mit vollstem Menschenrecht keinen Teufel, ob sie aukommeu dürfen — vermehren automatisch durch Erhöhung der Aufmerksamkeit den Antisemitismus. Dieser drückt auf den Erwerb der Juden. Der verkürzte Erwerb muß mit den Einwanderern geteilt werden, welche die Energie eines hungrigen Wolfsrudels haben. Die Emigranten sind jedoch bereit, unser mageres Gebiet zu schonen und in die Ferne zu wandern, wo Arbeit und Brrck noch nicht in Minimaldosen zugeteilt werden. Daher ist jede Unterstützung in Wort und Tat jeder Organisation für jüdische Auswanderung ebenso eine Aeußerung des Edelmutes, wie verständiger Eigenliebe. Wir bemerken beifügend, daß diese Organisationen verstärkt und vergrößert werden müßten und ihnen daher jeder vollste Fürsorge angedeihen lassen soll. Denn der Ueturschuß an Geburten wird bei den Juden keines Landes durch die Auswanderung wett gemacht und ihre Zahl ist überall im Zunehmen begriffen. Nun ist aber etwas eingetreten, was den Lauf des Auswandererstromes trotz allen Opfern hemmt und die Gefahr einer Ansammlung jüdischer Massen in unserem Breitegrade näher rückt. Amerika und England haben das Asylrecht für die Juden verkürzt und mit Gesetzen gegen die Einwanderung begonnen. Diese Gesetze sind speziell gegen die Juden gerichtet. Das Datum ihrer Entstehung sind die Pogromjahre, wo geängstete Massen sich in Rußland auf den Weg machten. Ob Italien und Ungarn mehr oder weniger Leute schickten, war immer ganz gleichgiltig gewesen. Es hat in den überseeischen Ländern die ersten antisemitischen Demonstrationen gegeben, das Naturgesetz von der Judenfeindschaft, die mit der Zahl der Juden wächst, begann zu wirken, und man hat alle Ursache, diesem Gesetz durchaus nicht Genüge zu tun. Die Sperrung der großen Seehäfen hat viel mehr als die einfache Ablenkung der Auswanderung zur Folge. Der Auswanderer hat nämlich meist nicht viel mehr Geld als zur Ueberfahrt und ist angewiesen, sofort nach der Landung in ein dicht bevölkertes Gebiet zu kommen, wo er seine Arme rasch verwerten kann. Sperrt man bei den Angelsachsen ab, dann sind nur zwei Möglichkeiten offen: Ueberfüllung des kleinen Teiles von Europa, der den Juden nicht versperrt ist, oder ein wahrer Zusammenbruch unseres Volkes in verzweifelter Armut. Gefühle und Gründe gibt es genug, die uns davor für unsere Brüder und uns zittern lassen. Große Korporationen, edle Juden von großem Herzen haben sich in der Sorge um die Gefahr der Verhinderung überseeischer Auswanderung schon wiederholt versammelt und im Prinzip einstimmig ausgesprochen, daß die Emigration womöglich eine andere Richtung anzunehmen habe. Das ist leichter gesagt als getan. Denn wo ist das Land, wo der einfache jüdische Arbeiter sofort .nach der Ankunft das Werkzeug zur Hand nehmen und sein Brot verdienen