Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Lette 682 Dr. Dlocv s Mocvenscvrtrr< Nr. 40 Sports, aber sie merkte mit Befriedigung, daß er Sieger bt-e^. „Er weicht keinen Schritt," sagte sie sich. „Sechs alte Männer gegen einen Buben, das will etwas heißen." Asriel und Tamara, für die der Inhalt der Debatte auch unverständlich war, bewunderten voll Stolz ihren Jungen und nahmen gar nicht wahr, wie sich Flora dafür interessierte, wozu sie sich gratuliert hätten. Asriel war der Kontroverse mit Blicken gefolgt, als ob eine Gesellschaft von Königen sich bei ihm eingesunden hätte. Die Haushälterin schaute mit strahlendem Angesicht herum, und so oft einer der Patriarchen einen neuen Angriff wagte, nickte sie beifällig, als ob sie alles verstehen und billigen würde. Angeregt durch Floras Anwesenheit und aufgestachelt durch das Gelächter der Gegner, erwärmte sich Schaya bei der Debatte, bis er, nachdem er mit ironischer Geduld alle an gehört hatte, plötzlich sich an seinen Mann wendete. „Ist es so, wie Ihr die Stelle verstanden habet?" schrie er und lachte sich ins Fäustchen. Dann, indem er seinen lockigen Kops dem Gesichte des Gegners zuwandte und dabei aufgeregt gestikulierte, stürzte er einen wahren Schwall von verwickelten Syllogismen und Zitaten über diesen. Es war ein ganz anderer Schaya. Seine blauen Augen schossen Blitze, sein Körper bebte, sein Sing-Sang war voll melodischer Kraft. „Aber ich fürchte, daß Rabbi Aohanon das nicht gesagt hat und ich glaube, Ihr habt falsch zitiert." Es war der Strohhalm des Ertrinkenden. Selbst Flora, die die jüdische Erwiderung verstanden, sah es und ihr Herz freute sich. „Habe ich das, seid Ihr dessen sicher," frug Schaya mit knabenhaftem Uebermut. „Nun, wir werden sehen," sagte er und begab sich in das andere Zimmer. „Der Knabe ist ein gaon. (Genius)," sagte der alte Mann demütig. „Was für ein Kopf, was für ein Gedächtnis, was für ein Chariff! *) „Ja und wie belesen," fiel der Rabbi ein. „Man muß nur staunen, wann er bei seiner Jugend Zeit hatte, sich so viele Kenntnisse anzueignen." „Ja, er braucht ein Buch nur einmal durchzulesen und weiß es schon," sagte Asriel, „er hat alle Rabbis in der Gegend von Prawly in den Schatten gestellt." Diese bäuerliche Bemerkung reizte einige der Anwesenden zum Lachen, aber sie unterdrückten es. „Ihr habet einen kostbaren Schatz in diesem Jungen erwischt, Herr Stroon," sagte Reb Mendele. „Ja, Du hast Glück," sagte Asriel und strich seiner Tochter über die Haare. „Ihr wisset vielleicht, Herr Stroon," sagte der Rabbi, „daß der Talmud besagt, daß derjenige, der einen Kenner der Gesetze bei sich im Hause erhält, höher geachtet wird, als der, der Opfer darbringt. „Ich weiß," gab Asriel zurück. In der Synagoge zu Prawly hat der Prediger dasselbe angewendet. In diesem Augenblicke kam Schaya mit einem Stoß von dickleibigen Büchern unter dem Arm zurück. Er bewies nun seinem früheren Gegner, daß er korrekt zitiert hatte; obgleich er jetzt keiner Opposition mehr begegnete, hatte er sich schon zu sehr erwärmt für dieses Thema, als daß er es so schnell verlassen hätte, und er wagte auch eine extemporierte Rede darüber. Sein Antlitz war in diesem Augenblicke von überirdischem Glanze erleuchtet und seine Sprache war eine weiche, leidenschaftliche Melodie. Der alte Mann folgte seinen Worten mit väterlicher Bewunderung. Als er geendet und sich zurückgezogen hatte, blickte Schaya Flora triumphierend an. Das Blut schoß ihr in die Wangen und sie ließ den Schleier herab. Asriel näherte sich dem jugendlichen Helden des Abends. *) Chariff ----- Mann von großer Beredsamkeit. „O, Du lieber, kleiner Schatz," rief er und umfing ihn mit seinen Armen wie ein Baby. Tamara wischte sich ihre Augen und Flora wäre am liebsten geflüchtet, hätte sie sich nicht unbeobachtet gewußt, denn ihr Vater hatte eben seine Gäste eingeladen, sich nach oben zu begeben, um die Bibliothek zu besichtigen. Als die patriarchalische Gesellschaft das Spielzimmer verlassen hatte, näherte sich Schaya ihr und sagte: „Habe ich es ihnen gut gegeben?" Als Tamara und Flora allein waren, sagte die Haushälterin : „Du solltest Gott danken, daß Dir ein solcher Bräutigam beschieden ist." „Er ist nicht mein Bräutigam und er wird es nie sein. Ich kümmere mich nicht darum, daß Papa ihn ins Haus genommen hat," sagte Flora zornig. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Bachja und Juda Halevi. (Ein Vergleich ihrer Sutenlehre, dargestellt von Dr. Ao. Frankl-Grün, Rabbiner in Kremsier, gedruckt bei Ad. Alkalay u. Soyn in Preßburg.) Derselbe hat für die historische uno philosophische Literatur des Judentums bereits vor Jahren „die Ethik des I. Halevi" m markanten Zugen dargesrellt und auch in dreier Parallele wird I. Halevi nut Recht die Palme gereicht, denn mit bloßer Theorie und der rechten Gesinnung allein, wie e» Äachja im „Aoboth Jiallewowooth“ befürwortet, i|t der Welt und dem Judentums nlchl gedient, welches realistisch vorgeht — nach Arwsto und Maimonides während der Idealismus des Plato, beziehungsweise Phllos die Welt mchl ans den Angeln heben und zum Fortschritte in kultureller d. i. religiöser Hinsicht bringen kann. Darum ist auch oer Pietismus und Qiuctismuc-, »er Fatalismus der Muhamedaner zu verwerfen, weil er eben die Menschheit nicht zur Fortentwicklung zwingt — und gerade die praktischen Engländer und Amerikaner beweisen am besten dadurch, daß sie das jüdische Prinzip adoptierten, die Richtigkeit der jüdischen Weltanschauiliig, die sich durcy keinen Mißerfolg im Weiterarveuen helumen und hindern laßt, von der Theorie zur Tat schreitet — die richtige Lehre auch im.Leben, zu realisieren sucht — venu Pinzipien ohne rechte Praxrs und Ausführung haben wohl nur geringen Wert, und so wie rm „Kasan" veS I. Halevi zuletzt der Jude Jsak Schwageri über den christlichen uiid maurischen Philosophen siegte, so wird auch dereinst die jüdische Lehre definitiv den Sreg davontragen. —u— Neue Bücher. I. Rabbinowiez. Ein namenloses Kind. Trauerspiel in drei Aufzügen. E. Piersons Verlag in Dresden. Zionklänge. Sammlung jüdischer Operettenmusik. S ulamita: „Das X. Gebot"; Bar-Kochba: „Das goldene Land"; Blümale: „Sehnsucht nach Zion"; ä Mk. 1.50. Oskar Grünberg, Jassy (Rumänien). Krirfkasten. Böhmen. Die „Rarodny Listy" haben sich in Sachen der russischen Judeli niederträchtig benommen, obwohl sie angeblich von der politischen Intelligenz gemacht nurden. Sie haben den Pogrom von Siedlce so oargestellt, als wäre dort ein Aufstand der Juden erfolgt, oen die Regierung dann ui vollstem Recht mit Waffengewalt unterdrückte. Wenn die „3k. L." nicht den L)arstellungen der Wiener Blauer folgen wollten, so hätten sie doch den Berichten englischer und amerikanischer Korrespondenten folgen dürfen, welche voll Mitgefühl für die unschuldig verfolgten Juden und voll Entrüstung über dw Holigans waren. Ob bas Vorgehen des Blattes eine besonders warme Einladung an die mährischen mit) böhmischen Juden bedeuten soll, damit sich diese bei den kommenden Neuwahlen den Tschechen anschließen, ist uns unbekannt. Jedenfalls werden die Juden gut daian tun, starke Organlsatlonen zum Schutze ihrer Interessen zu bilden. Die Betätigung eules vesondes starken, einseitigen Rationalismus ist keineswegs zu empfehlen« Sie entspricht weder der persönlichen Würde, noch ist sie klug. Der Beschluß des deutschen Volksrates, die Deutschen möchten auch tschechisch lernen, ist entschieden der erste Schritt zu emer späteren Versöhnuttg und die Juden müssen besonders achtsam sein, daß sie nicht am Tage der nationalen Verständigung zum Freudenopfer dienen.