Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 678 Dr. Block) s Mocbenscdrlrr. Nr. 40 Eine Drohung des Generals Kaulbars. Petersburg, 28. September. Aus Odessa wird gemeldet: Durch die Mordtaten und Ueberfälle der „Schwarzen Bauden" aufs Aeußerste beunruhigt, sandten die Juden eine Abordnung zu dem Chef des Militärbezirkes, General Kaulbars. Dieser versprach, für die Aufrechthaltung der Ruhe zu sorgen, fügte aber drohend hinzu: „Kommt auch nur ein Mitglied des Verbandes der russischen Männer zu Schaden, so wird Blut in Strömen fließen." Die Lage ist somit die, daß jeder Agent provocateur eine Metzelei Hervorrufen kann. Die Revolutionäre ihrerseits drohen damit, daß sie bei einem neuen Pogrom ihre Verteidigung mit äußerster Erbitterung führen würden, auch wenn dabei ganze Teile der Stadt zu Grunde gingen. Infolgedessen befindet sich die Masse der arbeitsamen Bevölkerung in verzweifelter Lage. Utteutatsplan gegen Lord Rothschild? London, 28. September. „Evening Standard" meldet: Große Aufregung herrscht unter den Russen und Polen im Ostende von London, da plötzlich das Gerücht auftauchte, die Polizei habe einen Bombenanschlag gegen Lord Rothschild entdeckt. Es verlautete, die russischen Revolutionäre wollten die Bombe werfen, wenn Lord Rothschild zur großen Synagoge am Versöhnungstag fahre, und zwar sei das Attentat geplant gewesen, weil Rothschild an dem Zustandekommen der Russenanleihe mitgeholfen habe. Die Polizei erklärt, daß vor Wochen schon solche Gerüchte auftauchten, doch sei damals trotz eingehendster Durchsuchung der Russenquartiere nichts entdeckt worden. Die Polizei hat für alle Fälle zahlreiche Geheimpolizisten in die Nähe der Synagoge beordert, um zumindest eine etwaige Demonstration zu verhindern. Eines der hervorragendsten Mitglieder der Londoner Judengemeinde erklärt, nur ein Verrückter könnte einen Anschlag gegen Lord Rothschild Vorhaben, gegen Rothschild, dessen Ansichten über die russischen Autokraten zu bekannt sind. Rothschild selbst äußerte, er schenke dem Gerücht nicht den geringsten Glauben, umso weniger, als er weder an der Russenanleihe mitgeholfen habe, noch überhaupt russische Papiere besitze. Die Wahl des Chacham-Baschi in Jerusalem. Aus Jerusalem kornmt^ die Nachricht, daß Rabbi Jakob Meir zum Chacham-Baschi gewählt sei. Die Wogen des Wahlkampfes gingen hoch und die Entscheidung kam überraschend schnell. Noch bedarf die Wahl des Chacham-Baschi der Bestätigung der Regierung in Konstantinopel. Ob diese Bestätigung erfolgen wird, bleibt abzuwarten. Ob dann der Kampf ruhen wird, ist zweifelhaft. Die siegreichePartei rühmt sich, zum erstenmale eine Rabbiner-Wahl durch die „Stimme des Volkes" herbeigeführt zu haben. Während früher nur die Rabbiner gewählt hatten, ist diesmal die Wahl des Chacham-Baschi durch fünfundsiebzig Wahlmänner aus dem Volke erfolgt. Die unterlegene Partei wiederum macht geltend, daß diesmal „Terrorismus" das Wahlresultat gezeitigt, daß man sich des Einflusses bei den lokalen Behörden und der Abhängigkeit, inwelcher ein auf Unterstützung und zinsfreie Darlehen angewiesenes Publikum gehalten wird, bedient habe, um einen Parteikandidaten durchzubringen. Eines steht fest: Die Wahl des verstorbenen Chacham- Baschi war, wiewohl weniger formell als die jetzige, eine einhellige. Sowohl Aschkenasim als Sephardim haben die Autorität des verstorbenen Großrabbiners Eljaschar anerkannt und die maßgebendsten Kreise allerorten sahen in ihm den religiösen Repräsentanten der jüdischen Gemeinden Palästinas. An der diesmaligen Wahl haben sich die Aschkenasim nicht beteiligt. Es heißt, daß die Aschkenasim durch verschiedene Manöver von jeder Beteiligung ausgeschlossen wurden. Tanger. Wie dem .,Matin" aus Tanger berichtet wird, zwang der Kaid Anflous in Mogador die jüdischen Familien, sich in die „Mellah", wie in den marokkanischen Städten das Ghetto bezeichnet wird, zurückzuziehen, und verlangt, daß die als Dienstboten in jüdischen Familien beschäftigten Araber dieselben verlassen sollen. Anflous belästigt nicht nur die marokkanischen Juden, sondern auch diejenigen, welche unter dem Protektorat der zivilisierten Mächte stehen. Das diplomatische Korps in Tanger hat seinen Doyen, den italienischen Gesandten Malmusi beauftragt, Schritte bei Mohammed el Torres wegen Aufrechterhaltung der Ruhe in Mogador zu tun. Mohammed el Torres hat die Absendung von 300 Soldaten nach Mogador versprochen. Der französische Gesandte hat dem Kreuzer „Galilei" Befehl gegeben, nach Mogador zu dampfen, um nötigenfalls die dortigen Franzosen, die französischen Schutzbefohlenen und auch andere Fremde gegen den Kaid Anflous zu beschützen. Der „Galilei" sowie zwei englische Kreuzer haben sich bereits nach Mogador begeben. Der Wunderrabbi von Sadagora. Aus Ezernowitz wird berichtet: Der Wunderrabbi von Sadagora, Israel Friedmann, ist dieser Tage seiner Krankheit erlegen. Der Berstorbene war Repräsentant jenes Geschlechtes, das den sogenannten Chassidims eine Reihe von Rabbis gab, an denen sie seit ungefähr der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts mit außerordentlicher Liebe und Verehrung hingen. Der Stammsitz des Geschlechtes ist in dem kleinen russisch-podolischen Städtchen Mezybosch zu suchen. Der Urahne Friedmanns, der nach einem Zwist mit der heimischen Gemeinde in die Karpathen flüchtete und dort in der Gegend zwischen Kutty und Koszow als Holzfäller lebte, ist der Begründer der chassidistischen Richtung. Sadagora. Czortkow, Husiatyn, Bojan, Kopeczynce, Mezybosch in Rußland und Stefanestye in Rumänien sind Sitze dieses Wunderrabbigeschlechtes. Als eigentliches Mekka galt aber zu allen Zeiten Sadagora, das, eine halbe Stunde von Ezernowitz entfernt, seit nahezu l00 Jahren ungeschwächte Anziehungskraft auf die strenggläubigen Juden des Ostens ausübt. Der Rabbi von Sadagora ist der Rabbi von v.az' £toyrp. Viele hervorragende deutsche Schriftsteller haben Sadagora' und seinen Rabbi zum Gegenstand interessanter Schilderungen gemacht. Familienereignisse im Hause der Rabbis von Sadagora sind Fest-, beziehungsweise Trauertage der ganzen orthodoxen Judenschaft des Ostens. Kein Wunder deshalb, daß die Krankheit und der Tod d:s Rabbis von Sadagora im gewissen Sinne ein Ereignis von weittragender Bedeutung für seine Anhänger ist. Der Rabbi ist Berater seiner Anhänger in allen Lebenslagen, fein Gebot hat die Kraft eines unverletzbaren Gesetzes und wohl tausend- und mehr als tausendmal ist es schon borgekommen, daß einzelne reiche Juden für Witwen und Waisen, die sich an die Rabbiner gewandt hatten, große Beträge spendeten. Die langwierigsten und schwierigsten Prozesse wurden nach seinem Gebot außergerichtlich erledigt und die großen Summen, die er einnahm, wurden wieder größtenteils zu Wohltätigkeitszwecken verwendet, obgleich der sehr kostspielige und luxuriöse Haushalt ganz exorbitante Summen, die nach Hunderttausenden von Kronen beziffert werden können, zu verschlingen pflegte. Tausende von Wallfahrern, die sich namentlich während der hohen Feiertage beim Rabbi einzufinden pflegten, werden auf seine Kosten bewirtet. Das Schloß des Rabbiners ist ein weitläufiger prächtiger Herrensitz, dessen innere Ausstattung mit manchem adeligen Schloß erfolgreich wetteifert. Die im gemeinschaftlichen Haushalt lebenden zahlreichen weiblichen Angehörigen der Familie sind hervorragende Modedamen, die ihren Toilettenbedarf in Paris und Wien decken. Der Familienschmuck bildet eine hervorragende Sehenswürdigkeit. Der verstorbene Israel Friedmann hat aber außer dem Familienvermögen wohl wenig hinterlassen, einerseits weil er, wenn man so sagen darf, unter der Konkurrenz der Nachbargemeinden zu leiden hatte, andererseits weil er Wohltätigkeit im großen Stile übte, überdies beeinflußten die russischen Wirren seine Einnahme in nachteiliger Weise. Der verstorbene Rabbi wurde vor ungefähr drei Wochen aufs Krankenlager geworfen, er litt an einem chronischen Nierenleiden, das sich allmählich verschlimmerte; es traten zum akuten Nierenleiden weitere Komplikationen hinzu, die den Eintritt der Katastrophe als unmittelbar bevorstehend erscheinen ließen. Die Aerzte, welche seit einer Woche Tag und Nacht am Krankenlager weilten, versuchten noch ein letztes Mittel an dem Schwerkranken, indem sie ‘>2 Blutegel dem Körper anlegten, der Rabbi erlangte für einige Momente das Bewußtsein, und als sein Hausarzt Bürgermeister Dr. Runes ihm Trost zusprach und ihn fragte was er wünsche, antwortete er: „Nichts, nur Heilung!" Dieses Wort wiederholte der Rabbi dreimal, dann verlor er das Bewußtsein, nach 10 Uhr abends trat der Tod ein. Das Schloß des Rabbiners war seit nachmittags von einer mehrere Tausende zählenden Menge umlagert, die händeringend und weinend stundenlang dastand und sich um das Befinden des Rabbi erkundigte. Als vom Krankenzimmer die Allergetreuesten des Rabbiners in der späten Abendstunde den im Hofe harrenden Anhängern die Todesnachricht meldeten, brach die Menge in Jammer und Wehklagen aus. Die lauten Aufschreie einzelner Ehassidim und besonders vieler Weiber waren weithin in ganz Sadagora und Umgebung hörbar; solche vehemente Ausbrüche des Schmerzes wiederholten sich in der Nacht, so oft jemand von der Familie des Rabbi am Fenster des Wohnhauses sich zeigte oder irgendwelche Vorbereitungen für die noch