Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021697--15786-3040571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 40 Dr. Dlocv's Mocvenscdrrn. Seite 675 Der Staatsanwalt hatte aber alle drei Zeugen wegen falscher Zeugenaussage angeklagt und mit Stern vor die Geschworenen gestellt. Die Geschworenen sprachen die drei wegen falscher Zeugenaussage Angeklagten frei, fanden aber Stern mit acht gegen vier Stimmen des Mordes schuldig, so daß die Beantwortung der Totschlagssrage, welche der Gerichtshof von amtswegen an die Geschworenen gestellt hatte, entfiel. Gegen das Todesurteil, daß diesem Verdikt gemäß gefällt wurde, erhob Stern durch Universitätsprosessor Dr. Rosenblatt aus Krakau die Nichtigkeitsbeschwerde. Vor dem Kassationshofe wies Professor Rosenblatt auf zahlreiche Mängel des schwurgerichtlichen Verfahrens und auf auffallende Widersprüche zwischen den Angaben des Kronzeugen Balawander in der Voruntersuchung und seiner Aussage in der Hauptverhandlung hin. Der Kassationshof verwarf zwar aus formalen Gründen die Nichtigkeitsbeschwerde, hob jedoch wegen erheblicher Bedenken über die dem Urteile zugrunde liegenden Tatsachen nach § 362 St.-P.-O. das Urteil zur Gänze auf und ordnete die Durchführung einer neuerlichen Verhandlung vor dem Kreisgerichte Rzeszow an. Zur Faffung dieses Beschlusses ist bekanntlich die einhellige Zustimmung sämtlicher Senatsmitglieder und die Zustimmung der Generalprokuratur erforderlich. Sistierte Ausschreibung einer Oberlehrerfteüe. Die Ausschreibung der Oberlehrerstelle an der Volksschule Werdertorgasse 6 erregte bekanntlich vor kurzem lebhaftes Befremden, weil die Ausschreibung für katholische Bewerber erfolgte, obwohl die Majorität der Schüler dieser Anstalt der israelitischen Konfession angehört. Die seltsame Berechnung der Schülermajorität hat Abgeordneter Dr. Ofner auch zum Gegenstände einer Interpellation im Reichsrate gemacht. Infolge einer Beschwerde der israelitischen Kultusgemeinde hat der niederösterreichische Landesschulrat nunmehr die Sistierung der Ausschreibung angeordnet. Ein jüdischer Deutschweifterveteran. Die Feier der Enthüllung des Deutschmeisterdenkmals gibt Gelegenheit, der noch lebenden ältesten Veteranen zu gedenken. Zu diesen alten Veteranen gehört der ehemalige Deutschmeistergrenadier Ignaz Fischer, der schon seit vielen Jahren als Privatier bei seinem Sohne und seiner Tochter in Wien lebt und gegenwärtig im zweiten Bezirk, Hafnergasse 3, wohnt. Herr Ignaz Fischer hat schon sein achtzigstes Lebensjahr erreicht, erfreut sich aber trotz dieses hohen Alters noch des besten Wohlseins und seine hohe Statur läßt noch jetzt den ehemaligen Grenadier erkennen. Er dürste überhaupt einer der ältesten noch lebenden Veteranen des Deutschmeister-Regimentes sein, in welches er schon im Jahre 1845, in welchem Jahre die Dienstpflicht in der österreichischen Armee auf acht Jahre herabgesetzt worden war, eintrat. Da er das Grenadiermaß besaß, wurde er in das bis 1850 bei jedem Infanterie-Regiment bestehende Grenadier-Bataillon eingereiht. Fischer gehört noch zu den Radetzky-Veteranen, da er im Regiment Deutschmeister 1848 und 1849 den Feldzug in Italien und auch einen Teil der Kämpfe in Ungarn mitmachte. Das Avancement war damals für die Mannschaft in der Dienstzeit sehr gering, da zu Unteroffizieren nur alte Diener befördert wurden. Ignaz Fischer hat sich aber in seiner Dienstzeit sehr gut gehalten, wie aus seinem „Abschied" hervorgeht, der ihm ausgestellt wurde, als er nach nahezu zehn Jahren den Militärdienst verließ. Es heißt in dem „Abschied": „Hoch- und Deutschmeister-Regiment Nr. 4. Vorzeiger dieses Abschieds, der österreichische k. k. Grenadier Ignaz Fischer, gebürtig aus Neu-Rausnitz in Mähren, 29 Jahre alt, israelitischer Religion, ledigen Standes, Schneider von Profession, hat bei dem österreichischen k. k. 4. Linien-Jnfanterie-Regiment durch 9 Jahre, 7 Monate, 26 Tag als Gemeiner und Grenadier treu, redlich und tapfer gedient. Er hat am 18. Juni 1855 seine Entlassung aus dem österreichischen k. k. Militärdienst erhalten und wurde ihm der Abschied zur Bestätigung seiner Dienstzeit und seines Wohlverhaltens erteilt." Durch diesen „Abschied" wurde Herr Ignaz Fischer zum Tragen der Kriegsmedaille berechtigt. Prag. Unter dem Titel „Konfessionelle Berechtigung" schreibt das „Prager Tagblatt": Wir haben dieser Tage anläßlich der Aeußerung des Ministers P r a d e über den Mahnruf des Deutschen Volksrates die Bemerkung gemacht, daß beim hiesigen Oberlandesgerichtssprengel jüdischen Rechtspraktikanten die Ausnahme als Auskultanten verweigert wird. Es geschieht dies, wenn der Abgelehnte naiver Weise nach der Ursache frägt, mit dem verschämten Hinweise auf den Mangel einer unerläßlichen Gesuchsbeilage, nämlich des Taufscheines. Den jüdischen Medizinern geht es aber nicht besser als den Juristen, nur daß hier die Ablehnung nicht gerade verschämt begründet wird. Die „Wiener Klinische Wochenschrift" Nr. 36 und der „Casopis ceskych lökafü“ teilen mit, daß jüdische Studierende der Medizin, welche um Aufnahme in die militärärztliche Akademie ansuchen, ihre Gesuche zurückerhielten mit der Begründung, daß „Bewerber jüdischen Bekenntnisses in die Akademie nicht ausgenommen werden". Diese Abweisung, die dem Staatsgrundgesetz widerspricht, ist umso auffälliger, als es in Oesterreich jüdische Stabsoffiziere, sogar mit Generalsrang, gibt. Es liegt hier angeblich ein Zurückgreifen auf eine alte Bestimmung vor, die veraltet, aber durch die Zeitströmung wieder erneuert worden ist. Berlin. Der geschästsführende Ausschuß des Hilfsvereines der Deutschen Juden hielt am 16. September unter Vorsitz von Herrn James Simon eine Sitzung ab, in der zunächst Herr Dr. Paul Nathan über seine Reise nach Rußland, seine Unterredungen mit dem Ministerpräsidenten Stolypin und dem Finanzminister Kokowzew, die auf spezielle Aufforderung der Minister erfolgt waren, sowie über ' seine Rücksprache mit einer Reihe anderer einflußreicher Persönlichkeiten nähere Mitteilungen machte, die in einer sehr pessimistischen Auffassung über die nächste Zukunft des Zarenreiches gipfelten. In Kürze berichtete er sodann über die aus Anlaß der Uuglücksereignisse in Siedlce und des drohenden Pogroms in Warschau seitens des Hilfsvereines bei dem Ministerpräsidenten Stolypin und anderen Stellen unternommenen Schritte. Noch während der Sitzung traf ein Telegramm aus Petersburg ein, des Inhaltes, daß der Ministerpräsident zugeiagt habe, das Erforderliche zu tun zur Abwendung neuen Unheils. Die Versammelten sprachen den Herren James Simon und Dr. Nathan Dank für ihre zweckentsprechenden Maßnahmen aus. — Für Schulen wurde eine Reihe von Bewilligungen vorgenommen. Für die sechsklassige Knabenschule in Jaffa, die durch die starke russische Einwanderung gerade nach dieser Stadt stark in Anspruch genommen ist. wurden bis zum Ende des Jahres zunächst 1500 Frcs. zur Verfügung gestellt. Der Hilssverein hat sich bei diesen Verhältnissen auch veranlaßt gesehen, Mittel zur Eröffnung eines zweiten Kindergartens in Jaffa zu gewähren, der wiederum insbesondere den Emigrantenkindern zu Gute kommen wird. In Jerusalem wird neben den zwei bereits bestehenden Kindergärten des Hilssvereines ein dritter eingerichtet. Mittel hierfür sind bewilligt und die Eröffnung wird unmittelbar erfolgen. Für die Lämelschule in Jerusalem, die in diesem Jahre ihr 50jähriges Jubiläum feierte, hat der Hilfsverein eine Subvention von 5000 Mk. zunächst für das Jahr 1907 bewilligt. Es ist in Aussicht genommen, der Lämelschule eine neue Unterklasse anzugliedern für diejenigen Kinder, welche den Kindergarten absolviert haben. Ferner wurde beschlossen, in Jerusalem eine dreiklassige Mittelschule mit eingefügten kommerziellen Kursen so schnell wie möglich zu begründen als Fortsetzung der Lämelschule. Tie unterste Klaffe dieser insbesondere auf die höheren praktischen Berufe vorbereitenden Schule wird zugleich die Bermittlungsklasse zwischen der Lämelschule und dem Lehrerseminar. Da die Lehrer, die am Seminar ausgebildet worden find, zum erheblichen Teil in die jüdischen Kolonien gehen werden, so sollen auch ferner in kürzester Zeit theoretische und praktische landwirtschaftliche Kurse in ausgedehnterem Maße am Seminar eingeführt werden. Als Lehrfächer der Mittelschule mit kommerziellen Kursen find zunächst in Aussicht genommen Hebräisch, Religionsunterricht, Deutsch, und zwar Deutsch und Hebräisch als Unterrichtssprachen, im Uebrigen soll der Lehrplan dem der modernen deutschen Real- und Handelsschule entsprechen. Auch der Lehrplan der Knaben-