Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 674 Dr. Llocv s Mtocvenscortn. Nr. 40 Kolonymus den Kolonymus lebte im XIV. Jahrhundert, und zwar vollendete er das Buch „Eben Bachen" im Jahre 132 2, also, beiläufig gesagt, ein Jahr nach Dantes Tod, welcher im Jahre 1321 erfolgte. In diesem Buche „Eben Bochen" gibt Kolonymus auch zum Schluß die Namen seiner zehn Mitarbeiter an, welche als hervorragende Talmudisten der damaligen römisch-jüdischen Gemeinde entstammten. Alle von dieser literarischen Gemeinschaft geschriebenen Werke wurden in dem Garten des Kolonymus ben Kolonymus begraben, und zwar bis nach dem Ableben des Verfassers. Kolonymus war Sekretär des Königs Robert von Italien, er erfreute sich großer Beliebtheit und außerordentlichen Vertrauens beim König, und doch wagte er nicht, die von ihm verfaßten Werke in seinem Hause aufzubewahren. Für mich und meine Behauptungen aber ist das Buch „Eben Bochen" vom allergrößten Wert. Kolonymus ben Kolonymus bringt als achten seiner Mitarbeiter den Arzt Ehasdui Kak'ch, und dieser ist. nach dem Buche „Eben Bochen" zu urteilen, der alleinige Verfasser der Dante-Schriften . . Korrespondenzen. Heimtückischer Mord. Man möchte Simson sein und mit wutgestählten Armen die Säulen im Götzentempel der Gerechtigkeit zertrümmern, damit das Gewölbe uns mit all dem Gesindel zusammen begrabe, das vor dem gefesselten Gesetze seine Freudentänze aufsührt. Da lebte in Wien ein Stampiglienfälscher, ein Obligationendieb und ein Reporter, der Lügen über die Juden schmierte um fünf Kreuzer die Zeile. Die taten sich zusammen, verstärkten die Bande um einige Trottel und Schufte und erschlugen am hellichten Tage straflos einen Menschen. An ihnen liegt es gewiß nicht, daß Hilsner nicht gehängt wurde. Nun sitzt der arme Teufel in Stein, lebendig tot, seine Hoffnungen fliegen wie Noahs Vögel in die Sündenflut unseres Lebens, aber keine kommt mit einem Oelblatt des Friedens wieder. Schon liegt die Luft beklemmend auf seiner Brust, schwerer heben sich seine Lungen, das ermattende Herz geht der Verzweiflung, der sieche Körper dem Tode entgegen. . . . Eine Mutter weint und jammert. Eine Mutter . . . Sie spart sich ihre paar Bettelpfennige vom Munde ab und schreibt sich die Finger wund an Briefen, Briefen. Sie ist unermüdlich für den Sohn, der ihr einst nichts war als Last und Schande. Aber Blut ist es von ihrem Blute und in ihren Adern siedet derselbe Schmerz, wie ihn der Sohn erleidet, den das Unglück längst geläutert hat und den es nur mehr unschuldig peinigt. Was kümmert die Posaunisten angeblicher christlicher Nächstenliebe das Unglück des Menschen, den sie heimtückisch vor dem Ende seiner Jahre morden? Was schert die fleißigen Wallfahrer zur Jungfrau Maria mit dem siebenfach durchbohrten Mutterherzen der weinende Schmerz der armen Frau, der man den Sohn auf die Folter gespannt? Von dem Blute dieser zwei Menschen mästen sie ja den geschwollenen Bauch, der Ritualmord, den diese Brut begeht, schaffte ihnen Geld und Würden. Möge in jedem Moment ihrer schönsten Freude die Kerkerzelle vor ihren Augen stehen, in der ihr unschuldiges Opfer qualvoll zugrunde ging, möge Hilsners klagender Blick ihnen ewig in die Augen schauen. Aber wir! Wir, auf deren Männerehre und Menschenwürde der Unglückliche umso fester baut und bauen darf, als er selbst so schwach ist. Wir, auf deren Seite das blanke Recht, die Unterstützung jedes anständigen Menschen stehen, werden wir weiter mit dem leichten Achselzucken der bequemen Eigenliebe zum Kerkerfenster Hilsners hinaufschauen? Sind bei uns die Tränen der Mutter oder die Furcht vor dem Geheul der Meuchelmörder stärker? Handeln wir, bevor ein Grab sich öffnet und schließt. Leben wir nicht, um zu leben, sondern um schön zu leben. Unterstützen wir alles, was die „Union" und jeder machen, um Hilsner sein Recht zu schaffen, nachdem er für sein Judentum verurteilt wurde. Wir werden dann doch scheu, ob der Formelkram der Berufsjuristen das natürliche Recht ganz erstickt und wer stärker ist: das Gesetz oder der antisemitische Mord, eine Handvoll Banditen oder Millionen notorisch musterhafter Staatsbürger. Das hieße denn doch die Weltordnung zu sehr verkehren, wenn nicht nur offenbare Verbrecher nicht in Stein sitzen, wie Hilsners Mörder, unschuldige Opfer aber ja. Das wird und muß ein Ende haben. —y. Eine Mahnung an unser Gewissen und ein aufregender Notschrei sind folgende zwei Briefe von Hilsner und seiner Mutter, die bei unserer Redaktion einliefen: Stein an der Donau 1906. Libe tbeuere Mutter! Ich grisse dich vielmals und bin bei meinem alle Leiden, und Kummer sehr betriebt. Ich kränke mich viel darüber das ich muss Unschuldig die Strafe bisen, ich viele mich Unglücklich. Liebe theure Mutter, ich mache dir bekannt, und sei. so gut und wende dich an Herrn Dr. Bloch, er soll mein Vatter vorstellen, er soll sieh Erbarmen über mich und Rücksicht nehmen. Ich Bitte ihm Fussvelig er soll für mich Gnade biiten beim K. u. k. Justiz Ministerium, ich bin hier sehr leidend, die Luft in Prag ist besser als in Stein Er soll mit dem Hern Dr. Leopold Mandl davon sprechen, das ich nach Prag komme, ich weine Tag und Nacht das wir so Unglücklich geworden sind, muss leider U nschuldig meine bitere Jahren verderben ich befinde mich in einer sehr traurigen Lage. Liebe theure Mutter sei so gut und schreibe an Herrn Dr. Bloch, er soll diesen Brief von mir in der Zeitung lassen drucken, da jeder soll wissen meine Lage, für heute schliesse ich mein schreiben, und verbleibe dein treuer, Unglücklicher Sohn Leopold Hilsner K. u. k. Strafanstalt Stein Der Herr Dr. Bloch soll sich Erbarmen über mich und soll sich meiner annehmen mein Vatter und Retter vorstellen, ich Bitte ihm mit aufgehobenen Händen, er soll alles Mögliche für mich anweuden. Gross-Meseritsch, Mähren. Euer Hochwolgeboren! Ich bin gezwungen, und erlaube mir an Ihnen, Gnediger Herr Docktor zu schreiben da ich gar nichts höre und weis, wie es doch wird sein mit meinem Sohn, da ich sehe das der Herr Docktor Elbogen, wieder nichts macht und genzlich wieder eingeschlafen. Mein Sohn hat mir jetzt geschrieben vor 14 Tage das der Herr Docktor Aurednischek war bei im in Besuch er bittet man soll in wieder nach Prag geben da er dort sehr leident ist wegen die ungesunte Luft in Schtein. Es hat geheisen es wirt eine Wiederaufname sein. Gewiss sehe ich es ist nicht bewilikt geworden. Bitte ich Fusfelig die Sache zum Kaiser einzureichen ob ich kennte selbst zum Justits Ministerium nach Wien fahren, wir 2 haben, sich schohn gefreit, wir werden von den armen Ort weckommeu wir kennen dort nicht leben mit die 2 Kronen Monatlich man wirt den Leopold heraus bekommen wir drei wirt man was machen mit uns und in ein fremdes Land geben. Bitte ich Fusfelig Knient Ihnen Gnediger Herr Docktor 'schreiben Sie uns einen Brief auch bitte wie doch die Sache sein wirt und ob man was thut für im. Ich weis Sie nehmen Sich die Sache an. Bitte nochmals mir gleich darüber zu verständigen wie die Sache sein wirt der Herr Docktor Elbogen schreibt mir gar nichts. Ich krenke mich sehr darüber das leider mus mein Sohn umkommen dort in Stein. Das keine Hilfe schon ist. Somit zeichnet sich in Untertehnikeit Ihre ergebenste Dinerin Achtungsvoll Marie Himmelreich vormals Hilsner Gross Meseritsch, Mähren, Judengasse 7 Nr. Kassierung eines Todesurteiles. Der 80jährige Schankwirt Jakob Stern aus Bialobrzegi war vom Schwurgerichte in Rzeszow wegen Mordes an dem Bauern Valentin Grigar zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Am Morgen des 30. April wurde Grigar ein paar hundert Schritte von der Scheune Sterns entfernt mit zertrümmertem Schädel tot aufgefunden. Der Verdacht lenkte sich auf den Schankwirt, der mit dem Ermordeten am Tage vor der Auffindung der Leiche einen Streit gehabt hatte. Am 13. Juli stand Stern, der die Tat entschieden in Abrede stellte, vor dem Rzeszower Schwurgericht. Als Kronzeuge trat gegen ihn der Bauer Thomas Balawander auf, der behauptete, in finsterer Nacht auf hundert Schritte ganz genau den Angeklagten erkannt zu haben, wie er von der Stelle, an der am nächsten Tage der Leichnam gefunden wurde, zu seiner Schänke ging. Stern hatte drei Alibizeugen geführt, die bestätigten, daß er zu der von Balawander angegebenen Zeit bereits längst zu Hause war.