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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-05 · 40 (5.10.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
40 (5.10.1906)
Date
1906-10-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 672 Dr. Blocb’s MlocbenscbrM Nr. 40 (rechten) Seite die allgemeinste Achtung hat und daß er auch auf jener (linken) Seite, wenn er auch nicht Ihre Gesinnung teilt, Anspruch auf Achtung hat. Derselbe sagte am 20. November 1888 im preußischen Abgeordnetenhause (liest): „Einer der Hauptpunkte, worüber die Juden bei der Verhandlung ihrer Angelegenheiten sich beklagen und beklagen können, ist nach meinem Dafürhalten der, daß man, wenn ein einzelner Jude oder eine Mehrzahl von Juden, ein Teil derselben etwas getan hat, was mit Recht gerügt werden muß, daß man dies verallgemeinert und generell hinftellt, als ob es die ganze Judenschaft träfe. Das ist grundverkehrt und grundverletzend. Wenn man Klagen über Einzelne oder über einen Teil hat, so soll man die Einzelnen und diesen Teil konkret fassen, aber niemals die Sache generell hinstellen und die ganze Judenschast verletzen, unter der es die allerehrenwertesten Menschen gibt." Dies spricht kein Jude, kein Juden-Liberaler und auch kein Judenknecht, wie der feine antisemitische Jargon heute jeden nennt, der nicht an dem antisemitischen Strange zieht, sondern Herr von Windhorst, der Führer der katholischen Partei im Deutschen Reiche, und ich habe den Worten des gefeierten Parlamentariers nichts hinzuzufügen, sie erschöpfen im allgemeinen das Unrecht, welches den Juden zugefügt wird. Wenn ein Jude delinquiert, bestrafe man ihn recht streng; denn er delinquiert doppelt, einerseits gegen das Gesetz, welches ihm als Mitglied einer Minorität, die am meisten schutzbedürftig ist, am meisten teuer sein soll, und andererseits gegen die eigenen Glaubensgenossen, weil von einem jeden Delikte eines Juden ein Schatten auf die Glaubensgenossen fällt. Wenn Organismen hier sind, welche nicht richtig find, so kämpfe man gegen sie an; dazu ist das volle Recht vorhanden; aber jedem daraus einen Vorwurf zu machen, daraus Judenhetzen zu inszenieren, wie es die Antisemiten, die offenen wie die Kryptoantisemiten, tun, welch letztere mir noch gefährlicher zu sein scheinen, weil die ersteren aufrichtiger sind, dies scheint mir zu weit gegangen und in dieser Beziehung glaube ich, daß die Worte Windthor st s einmal in Erfüllung gehen werden. Der vorliegende Gesetzentwurf, meine Herren, schafft die Möglichkeit der Erweckung eines derartigen Bewußtseins der Juden im guten und bescheidenen Sinne des Wortes, die Möglichkeit des Bewußtseins der Anerkennung ihrer Rechte und Pflichten, und weil er eben eine solche Möglichkeit schafft, werde ich, meine Herren, den vorliegenden Gesetzentwurf nicht allein als Grundlage der Spezialdebatte annehmen, sondern auch mit Herzensfreudigkeit für das Eingehen in die Spezialdebatte stimmen. (Lebhafter Beifall rechts. — Redner wird beglückwünscht.) Vom Jahrmarkt des Lebens. Arrskunftsburearr für jüdische Auswanderer. Bafel, im September 1906. Dank der Initiative und den Bemühungen des hiesigen „Hilfskomitees für jüdische Auswanderer" ist es gelungen, in unserer Stadt unter dem Namen „Auskunftsbureau für jüdische Auswanderer" eine neue Institution ins Leben zu rufen, die für die vielen aus den Notstandsgegenden auswandernden Juden nach mancher Richtung hin von Segen werden dürste. Gegenüber der immer zunehmenden Zahl hilfloser und ratbedürstiger Auswanderer, die ihren Weg durch Basel nehmen, ist die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung bei allen Beteiligten seit geraumer Zeit dringend empfunden worden. Denn nicht nur die verhältnismäßig Wenigen, denen die Fahrt bis zum Einschiffungshafen durch die großen Hilfsgesellschasten möglich gemacht wird, sondern auch die große Menge derer, die in der Lage sind, die Reisekosten aus eigenen Mitteln zu decken, erheischen in gar vielen Fällen energisches Eingreifen aufklärender und tätiger Fürsorge. Das ist nur die traurige, aber natürliche Folge der eigenartigen, ganz beispiellosen Verhältnisse, aus denen diese ungeordnete, zersplitterte, fluchtähnliche Volkswanderung entsteht. Die Lage unserer Brüder in Rußland, Rumänien und Galizien ist bekanntlich bereits seit Jahrzehnten eine ungemein trostlose. Aber trotz allen ständigen Leiden und Entbehrungen entschließt sich der Jude sehr schwer zur Auswanderung. So lange ihm die durch Gewohnheit liebgewordene Umgebung einigermaßen erträglich ist. überantwortet er sich und seine Familie nicht einer ungewissen Zukunft. Das Beharrungsgesetz bleibt in Kraft, bis nicht die Furcht vor dem Pogrom, das Entsetzen der augenblicklichen Lebensgefahr alle äußeren Schranken und seelischen Hemmnisse mit elementarer Gewalt niederreißt. Dann aber hält ihn keine Macht der Welt zurück. So unternimmt der weitaus überwiegende Teil unserer Auswanderer die große überseeische Reise in nervöser Hast, ohne jede Vorbereitung, Die treibende, zwingende Notwendigkeit, der grausamen Heimat, dem Lande voll Angst und Schrecken den Rücken zu kehren, läßt diese Armen nicht an die Plagen und Gefahren denken, die ihnen nun erst bevorstehen. Als besonderes Uebel macht sich sodann der vollständige Mangel jeder, auch nur der leisesten Vorstellung von der geographischen Entfernung und der so wesentlich geänderten Lebensweise der neuen Heimat iu hohem Grade fühlbar. Unkenntnis der allernotwendigsten Vorbedingungen zu einer solchen Reise und naive Vertrauensseligkeit ist auch der Grund für die unzähligen Fälle von Ausbeutung und Irreführung durch gewinnhaschende Schwindler jeder Art, denen gerade die jüdischen Auswanderer zum Opfer fallen. Sie sind das denkbar geeignetste Objekt für diese unsauberen Elemente. Schon in den heimatlichen, kleinen Städtchen und Dörfern machen sich betrügerische Agenten an sie heran, um ihnen Schiffskarten zu enorm hohen Preisen anzuhängen; sie werden dann oft wochenlang in Zwischenstationen aufgehalten, wo sie allerlei Entbehrungen unterworfen sind und körperlich ganz herabkommen. Und in diesem verelendeten Zustande sollen dann die Unglücklichen auf Schiffen letzter Güte und viel länger als notwendig der ersehnten, freiheitlichen Küste ihrer Träume zusteuern I Um diesem schrecklichen Zustande abzuhelfen, ist schon vielerlei in Angriff genommen und manches schöne Werk bereits auch durchgeführt worden. Auch das Arbeitsfeld des neuerrichteten „Auskunftsbureaus" liegt in dieser Richtung. Es soll dazu beitragen, das jüdische Reiseelend zu verringern. Das Bureau stellt sich die Aufgabe, Auswanderern möglichst verläßliche Auskunft mündlich oder schriftlich zu erteilen, sie über Reisestrecke und -Gelegenheit zu unterrichten und ihre Interessen nachdrücklich zu vertreten. Es wird die jüdische Auswanderung studieren und überall, wo Abhilfe oder mindestens Verbesserung geschaffen werden kann, diese zu erwirken versuchen. An der Hand einer regelmäßig geführten Statistik will es in die Verhältnisse der Auswanderer Einblick gewinnen, und wo es nottut, durch die Presse uud aufklärende Zirkulare seine warnende Stimme erheben, sowie durch Besorgung des Geldwechsels die jüdischen Auswanderer vor materieller Schädigung bewahren. Um den vielen Uebervorteilungen nach Möglichkeit vorzubeugen, wird sich das Bureau auch bestreben, den Auswanderern nach vorheriger direkter Anfrage und Zusendung des nötigen Geldes billige Schiffskarten bei günstigen Fahrtbedingungen zu kaufen. Es soll überhaupt nichts außer Acht gelassen werden, was den jüdischen Auswanderern in irgend einer Hinsicht von Nutzen sein könnte. Allerdings werden all die hinlänglich bekannten betrübenden Umstände, die das allgemeine jüdische Auswanderungsproblem zu einem so komplizierten und fast unlösbaren gestalten, auch dem neuen „Auskunftsbureau" sehr hinderlich sein und seine Aufgabe ungemein erschweren. Dessenungeachtet dürfte es nach und nach gelingen, manchem Uebel zu steuern und das Maß der Opfer an Gut und Blut, die die Auswanderer zu bringen gezwungen sind, auf das Unvermeidliche herabzusetzen. Aber auch die geringsten Erfolge werden nur zu erzielen sein, wenn die breite, jüdische Oeffentlichkeit das Hilfswerk einsichtsvoll unterstützen und daran regen Anteil nehmen wird. Besonders verdienstreich könnte die Mitwirkung all derer werden, die mit den Auswanderern und den zur Auswanderung genötigten jüdischen Massen in Berührung kommen. Jüdische Zeitungen, Rabbiner, Gemeinde- und Vereinsfunktionäre, Lehrer, Melandim, Armenkassen, Hilfskomitees, kurz: alle, die Gelegenheit dazu haben, sollten es als unabweisbare Pflicht betrachten, sich über die zweckmäßigste Art der Auswanderung zu unterrichten, um gegebenenfalls den Auswanderern mit verständigen Ratschlägen und Hinweisen beistehen zu können. Das „Auskunftsbureau" seinerseits wird es nicht unterlassen, von Zeit zu Zeit weitere Kreise auf die Mängel und Fehler, die sich zeigen, aufmerksam zu machen und auf geeignete Mittel zu deren Behebung hinzuweisen. Aus den Erfahrungen, die bis jetzt gemacht worden sind, müssen den Auswanderern folgende Leitsätze zur Beachtung und Beherzigung dringend empfohlen werden: 1. Kein Auswanderer unterlasse es, sich vor der Abreise vom Arzte untersuchen zu lassen. Augen- und Haarkrankheiten ziehen ganz bestimmt Zurückweisung nach sich. Man verläffe sich nicht auf irgend eine List Ein jeder wird vor dem Landen untersucht. 2. Unerfahrene Auswander r sollten sich in keinem Falle Leuten anvertrauen, von deren Zuverlässigkeit sie nicht persönlich überzeugt sind. Geld und Wertsachen gebe man nur durchaus vertrauenswürdigen Personen in die Hand. 3. Mit Grenz- und Zwischenagenten lasse man sich nicht ein, und wo diese nicht zu vermeiden sind, ziehe man vorher Erkundigung ein. Uebertriebenen Versprechungen der Agenten schenke man keinen Glauben. 4. Man bestrebe sich, möglichst in größeren Gruppen zu.reisen, wobei man 1 bis 2 Intelligente zu Führern wähle, deren Anordnungen man befolge. Die kollektive Fahrt (30 Personen) ist von mannigfachem Vorteil; sie kostet dann auf den europäischen Bahnstrecken nur etwa die Hälfte. 5. Man unterlasse unter allen Umständen das Mitführen vielen Gepäckes. Man nehme nur das mit, was auf dem Wege unbedingt nötig ist. Viele Gepäcksstücke sind auf der Reise eine große Last und verursachen mehr Kosten als sie wert sind. 6. Das Bureau ist bereit

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