Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40 Dr. Blocb’s MocbenscdrM, Sette 671 erklärlich ist, hervorhebe und von diesem Gesichtspunkte will ich die Stellung der Juden in religiösen Fragen behandeln. Ich leugne nicht, daß die Juden bei Besprechung religiöser Fragen, insbesondere anderer Religionen nicht immer jenen Takt und nicht immer jene notwendige Reverenz und notwendige Zurückhaltung beobachten, die absolut geboten ist. Ich halte es für eine Verpflichtung, dem Glauben, dem 200 Millionen Katholiken angehören, äußerlich volle Achtung zu bezeugen. Diese Verpflichtung ist absolut für jeden vorhanden, und ich muß gestehen, daß ich manchmal mit Verdruß wahrgenommen habe, daß Schriftsteller jüdischen Glaubens Festtage und Mysterien christlichen Glaubens in einer Weise behandelt haben, die ich absolut nicht billige, und sie zum Gegenstände des Spottes gemacht haben. Ich möchte aber bitten,, zu erwägen, ob dieser Vorwurf auch jenen Juden trifft, der in religiöser Beziehung am Judentume festhält. Man hat uns so oft Heine vorgeworfen; aber die Bemerkungen, die Heine über die Religion machte, werden dem Judentume mit Unrecht vorgeworfen, denn es wird dabei vergessen, daß, als Heine diese Bemerkungen machte, er sich bereits vom Judentume losgelöst hatte. Der Jude Heine hätte sich wohl jene Bemerkungen nicht erlaubt, wiewohl sie andererseits seinen dichterischen Ruhm nicht schmälern. Moses Mendelssohn, ein Mann von großer Gelehrsamkeit und Bedeutung, dem jetzt in Dessau anstandslos ein Monument errichtet wird, während das Monument für Heine in Düsseldorf große Anfechtungen erfährt, weiß von solchen Angriffen absolut nichts, und ich muß aufrichtig gestehen, auf die Gefahr, als Dunkelmann verschrieen zu werden, ich muß es mißbilligen, wenn jüdische Schriftsteller in dieser Weise sich bezüglich der christlichen Glaubensgesetze aussprechen. Man kann seine freie Ueberzeugung, seine freie Anschauung haben, man muß aber nach außen der Religion die Ehrerbietung zollen, die sie verlangt, und ein Vorwurf dieser Kategorie wäre der einzige, der zulässig ist. Wenn aber die großen Vorwürfe in ihrer Wesenheit geschwächt oder widerlegt sind, Pflegt man sich anderweitig zu helfen und sich darauf zu berufen, daß die Juden für gewisse Erscheinungen die Hauptschuldigen seien. So bringt man die Juden mit den Journalen, mit der Börse, dem Wucher und dem Konfektionsgeschäfte in Zusammenhang. Was die Börse betrifft, so werde ich mich darüber nicht weiter ergehen. Ich gebe zu, daß heute die Juden zum Teile an der Börse zu tun haben, aber es wäre verfehlt, anzunehmen, daß Nichtjuden an der Börse gar nicht beschäftigt find. Ich verweise auf den berühmten Börsenschwindel, der in Preußen im Jahre 1872 stattgefunden hat und wo an der Spitze der Börsenspekulanten gestanden hat der Herr von S a g a n, der Herzog von U j e st und Herr Geheimrat Wagen er, Namen, die doch gewiß nicht jüdischen Ursprungs find, während Lasker, der Jude Lasker es war, der mit aller Entschiedenheit gegen jenen Börsenschwindel aufgetreten ist. Man wirst den Juden vor, daß sie rasch reich werden bei den Journalen. Ich erinnere mich, daß vor einigen Jahren ein Herr August Z a n g, Besitzer der „Presse", ein Arier, starb und, wie man angab, ein Vermögen von acht Millionen Gulden hinterließ, und das war kein Jude. Ein gewisser Baron S o t h e n hat sich vom kleinen Spiclkartenhändler bis zum Millionär und Baron hinaufgebracht und das war kein Jude. In Amerika und diesfalls zitiere ich den antisemitischen Schriftsteller Löher — wie ich überhaupt nur Antisemiten zitiere — sind die Juden am entferntesten von jedem Börsenspiel und find es die Iankees, welche am meisten damit zu tun haben. Man kann also unmöglich diese Organismen bloß mit den Juden in Verbindung bringen, denn auch dort, wo Juden nicht find, sind diese Organismen vorhanden. Und wenn bezüglich der Presse Klagen laut werden, so muß ich sagen, auch dort, wo die Presse sich nicht in jüdischen Händen befindet, werden dieselben Klagen laut, so daß man sagen kann: nicht die Juden verderben die Presse, sondern die Presse verdirbt die Juden. (Lebhafte Heiterkeit.) Das ist festzuhalten. Der schwerste Vorwurf, der gegen die Juden erhoben wird, ist der des Wuchers. Ich erbiete mich dazu, zu erweisen, daß in Ländern, wo gar kein Jude ist, der Wucher in eminenter Weise vorkommt. In Belgien zum Beispiel, wo nur wenige Juden leben, mußten strenge Wuchergesetze erlassen werden. In Schweden und Norwegen, wo es gar keine Juden gibt, sah man sich zur Erlassung strenger Wucher gesetze genötigt. Was das Interessanteste ist, meine Herren, der gefährlichste Wucher, welcher jetzt vorkommt, der sogenannte Landwucher, ist in Spanien, wo vor vier Jahrhunderten die Juden verjagt wurden, am ausgebreitetsten. Wie man nun angesichts solcher statistisch nachgewiesener Tatsachen behaupten kann, daß wirklich alle diese Organismen mit den Juden im Zusammenhänge stehen, ist mir unerklärlich. Nun, meine Herren, kommt das Konfektionsgeschäft, und da muß ich auf die Gefahr hin, als reaktionärer Dunkelmann verschrieen zu werden, erklären, daß es einem wirklich sehr leid tun muß, wenn man hört, daß eine so große Anzahl von Handwerkern — wie zum Beispiel bei den Schustern in Wien 5000 — alle durch ein einziges großes Erwerbsunternehmen vernichtet werden sollen, und wenn heute ein Gesetzentwurf erlassen würde, um gewiffe taxativ aufzuzählende Gewerbe, welche sich mit den täglichen Bedürfnissen des Volkes befassen, vor dem Untergange durch einen Großkonfektionär zu schützen und diesem dafür eine Exportprämie für seine Ware zu geben, würde ich ihn sofort unterschreiben. Das läßt sich nicht mit einigen Worten abtun, daß man sagt, die Leute müssen eben billigere Waren liefern; das läßt sich nicht damit abtun, daß man sagt, sie sollen sich andere Absatzgebiete suchen, denn hier ist ein jäher Verfall und die Frage des Konfektionsgeschäftes, welches in anderen Ländern und insbesondere in Amerika, wo nicht so rasch ein Zufluß von handwerksmäßigen Arbeitskräften zu erwarten ist, so große Erfolge aufweist, ist von großer Wichtigkeit. Wie man aber das Konfektionsgeschäft nur den Juden zur Last legen kann, ist mir unfaßbar. Ich habe früher gesagt, daß die Unterbrechungen unserer Sitzungen uns gestatten, vielfach Spaziergänge durch Wien zu unternehmen und in den Straßen einherzugehen. Nun bitte ich, sich der Mühe zu unterziehen und zu sehen, wie beispielsweise ganze^Gewerbe durch bestimmte Großindustrien vollständig aufgehört haben. Mir füllt es nicht ein, die Firmen Viktor Schmidt und Söhne und Bonsaing, die ich da zum Beispiel ins Auge fasse und die 11 oder 22 Niederlagen in Wien haben sollen, irgendwie zu beschuldigen, Gott hüte mich davor, aber tatsächlich kann kein Konfiseur mehr bestehen neben derartigen großen Fabrikanten. Der größte Konfektionär Berlins, Rudolf Herzog, ist zugleich der größte Antisemit, wie allgemein bekannt. Ueberall ist das Konfektionsgeschäft auch in der Hand von Andersgläubigen. Warum man es gerade den Juden vorwirst, ist mir also gleichfalls unbegreiflich. Ich habe kein Vergnügen daran, daß die Mödlinger Schuhfabrik sich eine Niederlage in Prag errichtet hat. Bei der dem Zeitpunkte der Niederlassung nachfolgenden Landtagswahl wurden sofort 220 antisemitische Stimmen abgegeben. Aber verbieten kann man es eben Niemandem, wenn er sein Geschäft legal betreibt. Nun ist es ja möglich, daß Sie trotz meiner Rede, die gewiß nicht überzeugend wirkt, wenn sie auch aus der Tiefe meines Herzens kommt, der Anschauung fein werden, daß einzelne Schwächen den Juden ankleben und daß einzelne Personen unter ihnen nicht so handeln, wie sie handeln sollen. Ja, ist man darum berechtigt, die Juden im allgemeinen unter diesem Vorwurfe leiden zu lassen? Lassen Sie auf diese Frage nicht mich antworten, da ihnen diese Antwort vielleicht parteiisch erscheinen könnte, sondern jemanden, von dem ich im vorhinein sage, daß er auf dieser