Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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sitilc *>7- > Dr Dtocb s Mlocvenscvrm. Nr. 40 gerechtfertigten, aber immerhin vorhandenen Vorwand und Anlaß zum Antisemitismus zu entfernen. Aber, geehrte Herren, man hat auch vom Reichtum der Juden gesprochen, und da will ich Ihnen den Beweis geben, in welcher Weife die Berichte über den Reichtum der Juden Zustandekommen. Der Redner, der heute vor mir sprach, hat bei einer früheren Debatte hier im vollen Hause drei schwerwiegende Behauptungen für den Reichtum der Juden angeführt, Behauptungen, die natürlich in die Blätter übergehen, und wenn es auch dahin gekommen ist, die Rede dieses Sprechers von der äußersten Linken zu belächeln, ich muß gestehen, ich weiß, daß diese Rede außerhalb dieses Hauses großen Eindruck machen wird. Mir vergeht das Lachen, und das, worüber wir lachen, wirkt auf einem anderen Boden sehr intensiv. Mir fällt es nicht ein, Seine Exzellenz den Herrn Präsidenten darauf aufmerksam zu machen, daß, als im deutschen Reichstage der Antisemit Dr. Böckel ein einzigesmal nicht von den Juden im Parlament, sondern von jüdischen Viehtreibern sprach, er zur Ordnung gerufen und ihm das Wort entzogen wurde. Ich freue mich, daß wir hier eine solche Freiheit haben, diese Freiheit ist aber mit einer gewissen Gefahr verbunden. Nun, ich kehre zu dem Beweise über den Reichtum der Juden zurück. Damals sprach dieser Abgeordnete Folgendes aus: „Rothschild besitzt in Böhmen achtmal soviel Großgrundbesitz als die kaiserliche Familie". (Lebhafte Heiterkeit.) Das ist die erste Behauptung. Das haben wir alle gehört. (Rufe: Jawohl!) Zweitens behauptet er, die Juden besäßen in Galizien 80 Prozent des Großgrundbesitzes, und mehr als die Hälfte der polnischen Großgrundbesitzer seien Juden. Eine dritte Behauptung war, ein gewisser Popper, ich glaube, er ist geadelt worden „de Podhragy", besitze mehr als die Hälfte des Neutraer Komitats und sei Patron von mehr als 50 katholischen Kirchen. Die eine Behauptung bezüglich des Reichtums Rothschilds in Böhmen bezüglich des Großgrundbesitzes, der achtmal so groß ist, als der des kaiserlichen Hauses, diese Gegenüberstellung ist das Entsetzlichste, was es geben kann. — Diese Behauptung war der Herr Abgeordnete so freundlich selbst zu berichtigen, aber in einer äußerst originellen Weise, indem er die Behauptung in das stenographische Protokoll nicht aufnahm. Sie wurde hier gesprochen, findet sich aber nicht im stenographischen Protokoll. Nun warten aber die Zeitungen nicht aus das stenographische Protokoll, sondern sie bringen die Reden nach der ReichsratskorrePondenz, oder wie sie sie gehört haben. Es fand sich also die Geschichte von Rothschild bezüglich des Grundbesitzes in Böhmen anderen Tages in den antisemitischen Blättern, und ob die antisemitischen Blätter aus jene Berichtigung des Herrn Abgeordneten Milncr, die er selbst am anderen Tage vorgenommen hat, eingegangen sind, ist mir nicht bekannt; ein so fleißiger Leser der antisemitischen Journale bin ich nicht. Dieser Bericht überging vor nicht langer Zeit in ein Blatt, das sonst weniger antisemitisch ist und das als Blatt der Adelssraktion gilt; auch da hieß es, Rothschild besitze achtmal so viel Grundbesitz in Böhmen als das kaiserliche Haus. Nun besitzt Baron Rothschild in Böhmen nicht einen Baum und nicht ein Haus (Lebhafte Heiterkeit), und wenn er — ich weiß nicht, ob Baron Rothschild Lust hat, meiner Bitte zu folgen — aber wenn er dies will, so erwerbe er auch nichts in Böhmen. Es ist gar nichts Angenehmes für uns, mit stimm Namen in Verbindung zu stehen, und ich möchte ihn dringend gebeten haben, seine Latifundien anderswo zu erwerben, damit in Böhmen jener ziemlich erträgliche Zustand weiter herrsche, der heute besteht. Die zweite und dritte Behauptung hat der Herr Abgeordnete der Troppauer Landgemeinden im stenographischen Protokoll stehen lassen. Ich freue mich, auch deren Richtigkeit wesentlich anfechten zu können. Die Behauptung, daß die Juden in Galizien 80 Perzent Grundbesitz haben und die Hälfte der Großgrundbesitzer ausmachen, hat mich veranlaßt, ein Büchlein unseres verehrten Kollegen Szczepanowski mir anzuschaffen, wo Sie auf Seite 116 eine Erklärung über die Verhältnisse zwischen Christen und Juden finden, welche besagt, daß die Juden in Galizien weniger Grundbesitz haben, als auf die Zahl der Bevölkerung entfällt; von 88 Prozent oder von der Hälfte der Großgrundbesitzer ist keine Rede, sogar noch weniger, denn die Juden haben, so weit ich in diesem Buche gelesen habe, nur 7«, des Grundbesitzes, während sie, wie ich glaube, der Bevölkerung repräsentieren. Also auch diese Ansicht dürfte jedenfalls vollkommen unbegründet sein. Die dritte Behauptung, auch ziemlich interessant, bezieht sich auf Baron Popper-Podhragy, der 54 Kirchen im Neutraer Komitate haben soll, mehr als die Hälfte. Bekannte Freunde aus Ungarn, an die ich mich gewendet habe, haben in einem Verzeichnisse mir diejenigen angegeben, welche im Neutraer Komitate 100 fl. Steuer zahlen, und es ist ein umfangreiches Verzeichnis; der Name des Baron Popper befindet sich nicht darin (Heiterkeit); mit anderen Worten, Popper besitzt im Neutraer Komitate nichts, so wenig als Rothschild in Böhmen etwas besitzt. Er soll in anderen Komitaten einige Güter haben und auch Patron einiger Kirchen sein, aber die hochwürdige Geistlichkeit ist mit dem Walten ihres Patrons vollkommen zufrieden; denn er ist sehr munifizent, und ich glaube nicht, daß sie geneigt sein dürfte, den Vertreter der Troppauer Landgemeinden als ihren Vertreter gegen Baron Popper geltend zu machen. Das sind, meine Herren, die drei Behauptungen. Das wird im Reichsrate gesprochen, das wird weiter verbreitet, und das liest das Volk. Ja, dann kann man sich wirklich nicht wundern, wenn die Stimmung im Volke eine immer ärgere und verbittertere wird. Ich sage daher, die Behauptung, daß die Juden Geld besitzen, ist ein äietum tralatitium; sie verwenden nur das Geld in einer auffallenden Weise, sie tragen es. zm.-sthr zur Schau und das macht ihnen die Sache unangenehm; aber was den Vermögensbcsitz anbelangt, ist eine Gefahr für die Arier noch gar nicht vorhanden; man muß vielmehr sagen, daß der Besitz der Juden, einzelne Persönlichkeiten ausgenommen, sich aus jener Höhe erhält, die eben angemessen ist. Angesichts der Tatsache, daß den Juden bis jetzt, trotz der Zusicherung der Staatsgrundgesetze und einzelner Bemerkungen, die ich heute gehört habe, dennoch der Zugang zu den Aemtern wesentlich erschwert ist und daß sie von anderen Stellungen abgeschnitten sind, ist es kein Wunder, daß sich die Juden mehr mit dem Handel beschäftigen und daher eine gewisse Versierlheit darin besitzen. Man verweist ja die Juden auf diesen Besitz, das einzige, was ihnen noch irgend eine erträgliche Existenz bietet. Aber es ist nach meiner Ueberzeugung ganz unbegründet, daß das zu derartigen Vorgängen Anlaß gibt. So viel über das Vermögen. Ich gelange nun zu einem etwas heiklen Punkte, nämlich zu dem Vorwurfe, der gegen die Juden bezüglich ihrer Haltung in religiösen Fragen erhoben wird, und ich muß von meinem Standpunkte aus, unbekümmert um die Folgen, alles so zu sagen, wie ich es denke, auch hier aussprechen, was gegen die Juden vorliegt. Ich muß sagen, es haben ängstliche Persönlichkeiten, die eine Ahnung davon hatten, wie ich heute sprechen werde, zu mir gesagt: Du wirst doch nicht gegen die Juden sprechen, Du wirst doch in einer solchen Zeit keine Vorwürfe gegen sie erheben. Ich muß gestehen, ich sehe die Berechtigung dieser Forderung nicht ein. Wenn ein Nichtjude das tut und einige Vorwürfe oder Bedenken gegen die Haltung der Israeliten in einzelnen Fragen vorbringt, so wird man ihm gewiß sagen: Du bist ein Antisemit und infolge dessen wird die Kraft der Vorwürfe abgeschwächt. Wenn ich es aber tue, dem Sie gewiß das Zeugnis geben werden, daß ich sonst mit warmen Herzen für die Sache meiner Glaubensgenossen eintrete, so will ich doch sehen, - ob mich der Vorwurf des Antisemitismus treffen kann wenn ich irgend eine Schwäche der Juden, die vielleicht leicht