Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 Vr. Bloch's Wochenschrift. Gelte 869 Also, meine Herren, zu einem nichtjüdischen Meister! Ich bitte, die Sache vom menschlichen Standpunkt recht ins Auge zu fassen. Unsere Jugend wird bei den antisemitischen Allüren einesteils der Lehrerschaft schon heute in den Volks- und Mittelschulen äußerst unglimpflich behandelt. (Sehr richtig!) Ich will diesfalls nicht weitergehen als ich muß. Ich könnte mit Tatsachen dienen. Wie würde es einem jüdischen Lehrling, wenn er bei einem nichtjüdischen Meister eintritt, ergehen? Wir hatten vor nicht langer Zeit Verhandlungen, die, ich mochte fast sagen, einem ins Herz schnitten, über Mißhandlungen, die ein Judenknabe, der bei einem nichtjüdischen Meister untergebracht war, von den Gesellen zu erleiden hatte; er wurde in furchtbarer Weise gequält und gemartert. Bei dem Tone und der Sitte, die in einer derartigen Werkstätte manchmal herrschen, dürfen wir uns nicht so wundern. Fassen Sie wohl ins Auge, ob es einem jüdischen Vater leicht ist, sein Kind bei einem nichtjüdischen Lehrherrn unterzubringen, ferner die Frage der Beköstigung und anderes, und Sie werden mir zugeben, daß die Anforderung, die Juden mögen sofort zum Handwerkerstande übertreten, eine Forderung ist, die nicht leicht erfüllt werden kann. Nun sagt man weiter, die Juden scheuen die Arbeit. So allgemein läßt sich dies wohl nicht behaupten. Ich glaube, die Herren aus Polen werden mir bestätigen, daß in Polen die Juden stark beim Handwerkerstande vertreten find, ebenso in Rumänien. Ich berufe mich auf die schweren Arbeiten, welche jüdische Arbeiter in den Seehäfen, insbesondere bei den Landungsplätzen leisten. In Pest insbesondere, so hat man mir über mein Befragen mitgeteilt, repräsentieren sie die großen Lastträger, die schweren Lastenträger, welche bei dem Landungsplätze die schwersten Lasten tragen. Der Jude ist der schweren Arbeit nicht abhold, und es dürfte vielleicht von einigem Interesse sein, wenn wir eine Schilderung aus einem antisemitischen Blatte — ich werde ein philosemitisches Blatt nicht zitieren — hören, welche uns bezüglich einer Stadt, die uns auch noch aus anderen Gründen näher steht, nämlich bezüglich Salonichi, gegeben wird. Die „Kölnische Zeitung" schreibt in folgender Weise. Der Korrespondent konstatiert nämlich ein Uebergewicht der Juden in Salonichi über die anderen. Wenn sich gewisse Träume, die wir einem Oesterreicher ja gönnen dürfen, verwirklichen, so wird die Besorgnis, einen Zuwachs an Juden zu bekommen, noch eine größere werden. In Salonichi begegnen wir sehr vielen Juden, und zwar Juden, welche dort gewissermaßen eine imponierende Stellung einnehmen. Der Korrespondent konstatiert das Uebergewicht der Juden in Salonichi und sagt (liest): „daß fie arbeiten, mühselig arbeiten, das verleiht ihnen im Zusammenhänge mit ihrer ziffermäßigen Mehrheit jene in der neueren Geschichte des Stammes nicht zweimal verzeichnete Stellung. Der Jude ist hier Lasträger, Bootsmann, Handwerker, Dienstbote. Der Türke arbeitet hier wie anderwärts nur in einem beschränkten Sinne, so weit eben seines Lebens geringe Notdurft es erfordert; der Grieche ergibt sich dem verhältnismäßig leichten oder mühelosen Geschäft, er ist Inhaber der zahllosen Kaffeschänken, Koch, Zuckerbäcker, Droschkenkutscher, Barbier, Friseur, er bildet den Vermittler auf jedem Gebiete, kurz, er betreibt in der Hauptstadt alles, was ohne übermäßige körperliche Beschwerden sich tun läßt." Sie sehen, daß man dieselben Vorwürfe, die man dem jüdischen Stamme hier macht, wieder in einem anderen Orte ganz genau und wörtlich gegen einen anderen Stamm erhebt und daß dort der Jude, wiewohl er doch der jüdischen Rasse angehört, steißig und tätig arbeitet und zu den fleißigen und tätigen Leuten gehört. Ich glaube daher, daß auch in dieser Beziehung der Vorwurf, wenn auch nicht vollkommen widerlegt, doch wesentlich entkräftet sei. Der vierte Vorwurf, der so hingeworfen wird und der gangbarste ist und der auch heute mit einem gewissen Wohlbehagen zitiert worden ist, ist der Vorwurf wegen des Geldbesitzer wegen des Reichtums, und da wird derselbe, wie es auch heute geschah, mit einem oder zwei jüdischen Namen drapiert, und es wird hingewiesen aus jenen Reichtum zweier oder dreier jüdischer Firmen, die eben Alles andere überschatten. Geehrte Herren! Gegenüber diesem Vorwürfe, wenn er überhaupt als Vorwurf bezeichnet werden muß, möchte ich doch anführen, daß die Vermögensverhältnisse jener bekannten Weltfirma. wie man sie nennt, nämlich Rothschild, in neuerer Zeit vollkommen überschattet worden sind. Ich erwähne da die Petroleumprinzen in Amerika, die Silberminenfürsten, die Kohlenkönige, den Gould, Makai, Vanderbilt, Stieglitz in Petersburg Baring in London, Duca di Galliera in Italien. Meine Herren, neben dem Vermögen der Juden lasten sich die Vermögen der Nichtjuden ganz gut sehen, von dem Umstande abgesehen, daß es auch blutarme Juden gibt (Sehr richtig!) und daß diese unter der antisemitischen Bewegung am meisten leiden; das ist das Betrübende an der Sache. Der reiche Jude vielleicht gibt den Anlaß zum Antisemitismus, aber büßen muß es der arme Jude. Der reiche Jude ruft nach Polizei, er fitzt in der Stadt, der arme Jude, der seinen Binckel von Sonntag bis Freitag schleppt, büßt die Sünden Anderer. (Sehr richtig!) Schon dieses Unrecht im Antisemitismus sollte dahin führen, den Antisemitismus mit anderen Augen anzusehen. Aber wir wollen einen Punkt weitergehen, wir wollen die Vermögensfrage ins Auge fassen und wir kommen zu einem anderen Resultate. Meine Herren! Die Art und Weise, wie jetzt die Sitzungen in größeren Zwischenräumen aufeinanderfolgen, gestatten uns, hie und da vielleicht einen Spaziergang in der Stadt zu unternehmen, und da würde ich Sie einladen, einmal das Haupthandels-Emporium der Wienerstadt, nämlich den sogenannten Quai zu besichtigen, wo die sogenannten Quaifirmen eine ganz bedeutende Rolle spielen. Da wurde mir nun von einer Seite, der zu vertrauen ich allen Anlaß habe, ohne daß ich aber dafür vollkommen einstehen will, erklärt, es gäbe hier 500 sogenannte Quaifirmen; unter diesen 500 sogenannten Quaifirmen befinden sich 50 nichtjüdische und 450 jüdische Firmen, und da sagen nun die Leute, diese 50 nichtjüdischen Firmen haben zehn- und zwanzigmal so viel Vermögen, als die 450 jüdischen. Und wenn man die Namen liest, welche sich da repräsentieren: Faber, Fellmayer, Ganal, Geipel, Schmidt, Genzel, Liebig, Mattausch, Leitenberger, Vonwiller und mehrere andere, so muß man zur Erkenntnis kommen, daß sich das große Vermögen nicht so sehr in den Händen der Juden, als vielmehr in den Händen der Nichtjuden konzentriert, nur daß die Juden — auf welchen Punkt ich sofort zurückkommen werde — nicht selten einen sehr unlöblichen Gebrauch von ihrem Vermögen machen bezüglich der Aeußerlichkeit, bezüglich der Toilettenpracht, der Einrichtung der Wohnung. Die Sachen find volkswirtschaftlich recht gut, aber in einer solchen Zeit, wie die jetzige ist, täten die Juden gut daran, und ich fordere fie in einer solchen Stunde, wie ich eben jetzt zu sprechen habe, dazu aus, sich auf die größte Einfachheit und Schlichtheit zu beschränken und es zu vermeiden, Aufsehen zu erregen, in schönen Kleidern einherzugehen, Gesellschaften zu geben. Es ist dies eine gebieterische Pflicht. Besitzen jüdische Familien ein Einkommen, welches größer ist, als des Lebens Notdurft erheischt, so mögen fie in einer solchen Zeit lieber Wohltaten üben. (Bravo! rechts.) So sehr auch der antisemitische Haß gestiegen ist, daß der Jude Sinn für Wohltaten hat, das hat ihm denn doch noch Niemand bestritten, und bei der Frage nach Geld hat man nie gefragt, woher das Geld stammt, wenn es sich um Wohltun handelt. (Beifall.) Ich rate dringend meinen Glaubensgenosten, die zum Teil auch jetzt meine Leidensgenoffen find, denn jeder denkende Jude, der sich seines Judentums nicht schämt, empfindet die Schmach, die ihm angetan wird und die in diesem Hause den Vertretern des Judentums so oft angetan wurde, daß er berechtigt ist, zu bitten, daß Alles geschieht, um den, wenn auch nicht