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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-05 · 40 (5.10.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
40 (5.10.1906)
Date
1906-10-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 668 Dr. Bloch's Wochrnfthrrfk. Nr. 4v Wenn nun der Angriff sowohl gegen die Raffe als auch gegen die Religion versagt, so beruft man sich gewöhnlich, und dies geschah auch heute, auf allgemeine volkswirtschaftliche Grundsätze. Der Jude sei ein wirtschaftlicher Schädling. Ja, meine Herren, wenn man in einer Zeit der wirtschaftlichen Depression zu dem schlichten Manne hintritt und ihm, der eine Erklärung sucht für das Uebelergehen, sagt: „Der Jude ist an Allem Schuld", wie man früher in religiöser Beziehung auf ihn den größten Einfluß genommen hat, so muß man ein sehr leichtes Spiel haben. Das scheint sehr eindringend zu sein, wenn man sagt, der Jude ist an der wirtschaftlichen Depression schuld. Es würde den engen Rahmen einer parlamentarischen Rede zersprengen und es fehlt mir an Verständnis ebensowohl als an der Gelegenheit, jene Gründe für die wirtschaftliche Depression anzuführen, welche vorhanden sind, des Umstandes nicht zu gedenken, daß die wirtschaftliche Depression vielfach überhoben und vielfach übertrieben wird. Aber nur auf eines möchte ich aufmerffam machen. Wenn jene, die wirklich im Dienste der Aufklärung und Wiffenschaft stehen, vor das Volk hintreten würden mit der Frage: Haben die Juden es verschuldet, daß die überseeische Konkurrenz des Getreides stattgefunden hat? Verschulden etwa die Juden den Umstand, daß der Friede zwischen den Nationen in Europa nicht vollkommen hergestellt sei? Sind die Juden schuld daran, daß die Maschine eine derartige Macht bekommen hat und infolge dessen auf das Handwerk drückt? Wie könnte auf diese Frage anders geantwortet werden als: „Nein"? Aber man hütet sich wohl, diesen Punkt anzuführen, man muß eben durch das ewige Verschweigen des wahren Grundes der wirtschaftlichen Depression, durch den Hinweis auf die Juden den Fanatismus der blinden Massen erzeugen, und wenn man ihn erzeugt hat, dann beruft man sich wieder darauf, daß er ein Zeugnis für den Antisemitismus ist, und so geht es in einem ewigen, meines Erachtens fluchwürdigen Kreisläufe der Geschichte immer weiter fort, indem man zuerst den Antisemitismus zeugt und dann aus diesem Antisemitismus auf die Berechtigung desselben hinweist. Das sei im allgemeinen erwähnt. Ich werde mir nun aber auch erlauben, die speziellen Vorwürfe, soweit sie greifbar aus jenem Tosen hervortreten, in einigen Punkten zu besprechen. Da haben wir vor allem andern einen Vorwurf, den wir auch heute gehört haben, den Vorwurf, daß sich die Juden rasch und allzuviel vermehren. Allerdings umspielte bei diesen Worten ein Lächeln mehrere Zuhörer und auch jetzt noch. Denn liegt es nicht nahe, was für eine Gefahr darin liegt, wenn man auf solche Dinge hinweist? Ist es richtig? Es ist nicht richtig! Die Vermehrung in Deutschland um fünf Millionen in ganz kurzer Zeit beweist, daß von einer Uebervölkerung seitens des semitischen Stammes gar keine Rede sein kann. Allein, meine Herren, ich werde die Verteidigung gegen einen solchen Vorwurf gar nicht führen. Wenn wir einmal auf jenen niedrigen Rassenstandpunkt, auf jenen niedrigen Punkt des Materialismus kommen, daß wir die Zeugungsverhältnisse der einzelnen Völker und Klassen regulieren, dann wird neben dem Judentume noch manch anderer Organismus der Welt zum Opfer fallen. Es ist etwas Unerhörtes, daß man diesen Punkt hervorhebt und ihn als einen Vorwurf den Juden entgegengestellt. Sollen die Juden, um diesen Vorwurf zu widerlegen, etwa weniger heiraten, oder sollen sie — ich will es gar nicht aussprechen. Es ist etwas Furchtbares, daß dies zur Sprache gebracht werden kann. (Bravo!) Der zweite Vorwurf, der gegen die Juden erhoben wird, ist der, daß sie zu Verbrechen und Vergehen hinneigen. Ein wichtiger Vorwurf, und wenn mich nicht eine gewisse Rücksicht zurückgehalten hätte, ich wäre auf denselben schon ftüher eingegangen. Ich gebe den Antisemiten das Recht, jeden ernsten Borwurf zu erheben und ich spreche mir, der es mit dem Judentume ehrlich meint, die Pflicht zu, einem jeden Vorwurfe nahezutreten, beziehungsweise mich mit ihm zu beschäftigen, aber es muß ein gerechter Vorwurf sein. Man sagt und ein größeres antisemitisches Journal, die „Kreuzzeitung", war es, die vor mehreren Jahren die Notiz brachte, die wirklich jeden Forscher fast erschrecken mußte, daß sich die Juden bei Vergehen der leichtsinnigen Krida — Sie sehen, meine Herren, wie ich meinen Gegnern nahe komme, soweit es möglich ist — 19mal mehr verhältnismäßig beteiligten als die Nichtjuden. Meine Herren! Ich werde mich des Wortes „Nichtjuden" bedienen, nicht aus Hochmut, wie es für Unerfahrene vielleicht den Anschein haben könnte, sondern weil ich diesfalls mir eine Zurückhaltung zur Pflicht mache, denn bei meiner unstreitigen Ehrerbietung für das Christentum widerstrebt es mir, ewig und ewig den Namen im Munde zu führen und ich bitte daher aus der Nennung von Juden und Nichtjuden keine andere Konsequenz zu ziehen. Nun, man sagt, daß die Juden 19mal mehr sich bei Vergehen der leichtsinnigen Krida beteiligen als Nichtjuden. Dabei hat allerdings dieses Blatt anzuführen unterlassen, daß bei Diebstahl, Betrug, Raub, Brandstiftung die Verhältnisziffer für die Juden ungleich günstiger ist und wieder einen gewissen Vorzug für die Juden hervorbringt. Jndeß bleibt immer die Ziffer 19 beunruhigend und ich mußte daher diesfalls weitere Forschungen pflegen'. Die Erklärung für diese Ziffer ist einfach und leicht zu finden. Daß das Vergehen der leichtsinnigen Krida nur im Geschäftsleben Vorkommen kann, liegt auf der Hand. Nach der preußischen Berufsstatistik aus dem Jahre 1882 sind die Juden verhältnismäßig 15mal mehr am Geschäfte beteiligt als die Nichtjuden. Wenn sie nun die zwei Ziffern 15 und 19 zusammenstellen, so ergibt sich einfach und naturgemäß die Erklärung. Wenn man aus dem Begehen von strafbaren Handlungen irgend einen Rückschluß auf die Moralität einer bestimmten Klasse oder einer bestimmten Bevölkerung ziehen will, so ist es offenbar, daß man von den Gesammtverbrechen und Gesammtvergehen sprechen muß und von den Prozenten derDelinquierenden bei einer gleichen Anzahl von Gleichgläubigen. Wenn man sich dieser Mühe unterzieht bezüglich des Jahres 1886, so kommt man zu folgendem Resultate: Auf je 100.000 Personen gleicher Konfession delinquierten, und zwar bei 100.000 Katholiken im Jahre 1886 838, bei 100.000 Bekennern der evangelischen Konfession delinquierten 690, bei 100.000 Bekennern der jüdischen Konfession 603. Bewahre mich Gott, daß ich etwa philosemitische Schlüffe daraus ziehen wollte. Ich wünsche nur, daß man aus dem Umstande, daß die Juden nach dem Verhältnis am günstigsten stehen, folgern möge, daß man sie nicht als zu Verbrechen mehr hinneigend bezeichnen kann. Man muß sagen, daß die Juden — auch nach der österreichischen Berufsstatistik — ganz dasselbe Verhältnis bewahren und vielleicht ein bischen besser als die anderen. Dabei muß man denn doch bekennen, daß die Beurteilung eines Juden, sei es bei einem Richter von Beruf, sei es bei Geschwornen, gewiß nicht schwerer erfolgt, als die Verurteilung eines Nichtjuden. Wenn man daher aus der Kciminalstatistik etwas zu Ungunsten der Juden ableiten kann, ist und bleibt mir unklar. Der dritte Punkt, der gegen die Juden erhoben wird und auch heute erhoben worden ist, bezieht sich darauf, daß die Juden kein Gewerbe treiben, nicht arbeiten, nicht tätig sind. Ein schwerwiegender Vorwurf. Aber gestatten Sie mir, nur Einzelnes — nicht zur Rechtfertigung, so kühn bin ich nicht — aber zur Entschuldigung des jüdischen Volkes anzuführen. Wie man davon spricht, daß sich die Juden mehr dem Handwerk zuwenden' sollen, so, glaube ich, würde die Befolgung dieses Rates den Juden wenig Nutzen bieten, sondern ihnen nur eine neue Feindschaft des Handwerkerstandes zuziehen, von dem es bekannt ist, daß er am wenigsten den Juden freundlich gesinnt ist. Aber abgesehen davon, meine Herren, jüdische Meister gibt es verhältnismäßig noch wenige, weil vor 40 Jahren noch die Zünfte absolut den Juden verschlossen waren und seither, seit der Gewerbefreiheit, wenig jüdische Meister sich herangebildet haben.

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