Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 666 Vr. Bludfö WortzenlÄrrift. Nr. 40 Beweise dafür, daß man auch über das Thema „Sittlichkeit" die Wahrheit kennt, wenn man aus den antisemitischen Journalen das strikte Gegenteil herausliest. Der Herbstregen der Ereignisse hat einige besonders schmutzige Pfützen zurückgelassen. Da war der Pfarrer eines Ortes in der Bretagne, des französischen Lanostriches, wo mau unter Führung der Geistlichkeit besonders scharf gegen die gesetzlich beschlossene Kircheuinveutur revoltierte. Der Abbe, ein besonders großer Eiferer für Frömmigkeit und gegen Andersgläubige, war eines Tages verschwunden. Man fand von ihm nur Hut und Fahrrad an einem Wege. Die Geschichte wurde zum Sensalivusfall für Paris. Zeitungen setzten Preise für die Auffindung der Leiche aus, indische Fakire und Tierbändiger mit dressierten Hyänen suchten die Gegend nach der Leiche ab — umsonst, sie blieb verschwunden. Hatten vielleicht die Juden (!) den Abbe umgevracht und seine Leiche in Form von schwarzen Kügelchen an ihre Rabbis versandt? Schade, daß sich der Fall nichts in Oesterreich abgespielt hatte! Hier wäre es für Haus" Arnold Schwer eme Kleinigkeit gewesen zu beweisen, daß es sich nur um einen Rituatmord handeln könne und daß niemand anderer als Dreyfus (!) der Täter wäre, der schon auf der Teufelsinsel gesagt habe, er müsse noch die Hose Mit den zwei roten Streifen (!) kriegen. (Die Judenblätter wollen natürlich glauben machen, daß damit die Majorshose (!!) gemeint gewesen sei.) Vielleicht war die Wiener Gericytskommissiou aus dem Autisemitenhofe schon am Wege, als sie zu ihrem größten Bedauern erfuhr, daß der Abbe einfach Frömmigkeit, Heuchelei und Zölibat satt bekommen habe und nach Brüssel geflüchtet sei mir einer tlerikaleu Lehrerin, die seit drei Jahren seine Geliebte gewesen war. In demselben frommen Milieu spielen die sehr galanten Geschichten aus dem Grazer Nonnenkloster, dessen weibliche Zöglinge und Novizen sich für ihre angestrengte Frömmigkeit ber Nacht mit Hilfe des Wächters und der Aufseherinnen in einer benachbarten Villa entschädigten, wo sie etlichen jungen Herren das Anbeten beibrachten und sonst noch Dinge trieben, über welche einflußreiche Mächte schnell und mit Gewalt den Mantel christlicher Nächstenliebe breiteten, damit sie kein Jourualisteuauge erblickte. Jede Geheimnistuerei aber wurde durch die Oeffentlichkeit des Gerichtsverfahrens im Innsbrucker Prozesse Rutthoser verhindert. Welch ein Sittenbild aus der Hochburg des österreichischen Antisemitismus wurde uns enthüllt, als über die Mörderin ihres Gatten verhandelt wurde. Diese Idylle öeutschuational-christlichsozialer Sittenreiuyeit wurde von keinem Hauche jüdsichen Geistes gestört. Lauter trotzige Kraftgestalteu, Hüter und Träger des Luegerschen Hocygedaukens treten uns in ihrer ganzen Schönheit entgegen. Da ist das Opfer der Laudesrat, der seine Geliebte heiratet, weil sie für die Lösung der Liebschaft zu viel verlangt, und der sich einen Schein unterschreiben läßt, die Frau werde chm trotz Verlust seiner Jugendkräfte treu bleiben; der Geliebte, der sich von der ältlichen Frau materiell unterstützen ließ und sie dafür bei der Verhandlung schonungslos belastet; da ist endlich die Täterin, die nach bewegter Vergangenheit um der Versorgung willen einen entnervten Mann heiratet, junge Burschen verführt und au der Leiche des Opfers kaltblütig frühstückt und Toilette macht. Welch ein Triumphgeheul hätte die antisemitische Preßmeute augestimmt, wenn jemals auch nur ein solcher Fall sich in jüdischen Kreisen abgespielt hätte! Und diese drei von vielen anderen haben sich in einer einzigen Woche in und um Pflegestätteu streng katholischen Geistes ereignet. Fällt es uns deswegen ein, zu Hetzen und Rubriken voll (!) gegen eine bestimmte Klasse einzuführen? In diesem Falle würde man schon wissen, wie das Gesetz lautet, das von Aufhetzung gegen einen Stand oder eine Konfejsiou spricht. Aber nicht aus Furcht vor den Folgen, sondern aus Verachtung antisemitischer Kamyfmanier unterlassen wir es, über die Grenzen einer notwendigen und anständigen Abwehr hinauszugehen. Wir sagen ausdrücklich, weil wir die Wahrheit lieben, daß die meisten katholischen Geistlichen hochanständige und tadellose Ehrenmänner sind. Wir wollen mit den angeführten Fällen, denen keine jüdischen gegenüberstehen, nur zeigen, daß die Behauptung verderbter Sittlichkeit speziell bei Juden unwahr und eher das Gegenteil richtig ist. Das ist nur eine rasch ergriffene Gelegenheit. Könnte man in der Gegenwehr so unermüdlich sein wie die Antisemiten in schwindelhafter Lüge und bei der Verleumdung, so ergäbe eine klare Rechnung deutlich, daß alle Erfindungen schwerer jüdischer Rassenfehler nichts als schamlose Frechheiten sind, sollten auch noch so viele (!) zu ihrer Stütze verwendet werden. Vielmehr erkennt der unparteiische Beobachter, daß seit Beginn der verrohenden, und in jeder Art verderblichen judenfemdlichen Agitation die Zahl der Verbrechen gerade bei Antisemiten erschreckend zunimmt. Wir Juden sind keine Engel, gewiß nicht. Wir waren es vielleicht einmal, aber das böse antisemitische Beispiel hat uns viele Leute verdorben. Sie mögen ihr Vergehen strenge nach dem Gesetze büßen. Aber die jüdische Solidarität mit den Verbrechern muß aufhören.- Wir sind mit keinem von ihnen solidarisch, sondern die antisemitische Presse macht uns mit jedem solidarisch haftbar, wälzt die Verbrechen einzelner Juden in hetzerischer Absicht zugunsten schmutziger Zwecke auf die ganze Judenheit. Dem ließe sich abhelfen, wenn die Behörden ihre Pflicht erfüllen wollten. Gerade der Schwächere braucht den größeren Schutz und findet den schlechteren. Herrscht Faustrecht in Oesterreich? Darf die Mehrheit tun, was sie will und kann? Die Mehrheit ist antisemitisch bis auf Widerruf des Staatsanwalts. Sie ist künstlich. Wenn man der Handvoll Desperados, die sich nicht gerade durch Ehrlichkeit auszeichnen, das System des (!), das Hetzen, Lügen nnd Verleumden unterbindet, so wird auch die Bevölkerung den Judenhaß verlieren, weil sie bei eigener, nicht durch (!) präparierter Beobachtung sieht, daß der Jude froh ist, seine eigene Existenz ruhig und bescheiden zu führen, und daß ihm auch der Schatten von Feindseligkeit fehlt. Vielleicht fürchtet der Staatsanwalt den antisemitischen Terror mehr als die Verletzung des Gesetzes. Nun, mein Herr, in Wien ist eine antisemitische Zeitung, welche die blutige Kosakenwirtschaft in Rußland aus durchsichtigem Grunde verherrlicht. Sie sagt, einer Regierung müßten alle Mittel erlaubt sein, um Gesetzmäßigkeit, Recht und Ordnung herzustellen. Herr Staatsanwalt! — uns Juden gibt der Wortlaut des Gesetzes Schutz und Gleichberechtigung, das Recht fleißiger Staatsbürger, die Blutsteuer und Abgaben zahlen, haben wir wohl, die Ordnung des Staates ist der Frieden — wir bitten also ausnahmsweise um Rücksichtslosigkeit im antisemitischen Sinne: Hinaus mit dem(!) und seinen Vertretern, folgen Sie dem oben wörtlich angeführten Grundsatz des Deutschen Volksblattes für Rußland in Oesterreich! _ I. Uprimny. Hofrat Professor Dr. Alois Zucker. Der Strafrechtslehrer an der tschechischen Universität, Hofrat Professor Dr. Alois Zucker, ist, wie uns aus Prag gemeldet wird, Montag den 1. d. M. während eines Spazierganges plötzlich gestorben. Mit ihm hat das böhmische Judentum einen seiner hervorragendsten Söhne, seiner vornehmsten und würdigsten Repräsentanten verloren. Hofrat Zucker war am 4. Juli 1842 zu Czkyn bei Winterberg als Sohn des nachmaligen Strakonitzer Fezfabrikanten Mathias Zucker geboren. Nach Absolvierung der Mittelschulstudien inskribierte er sich als Hörer der Rechte an der Prager Universität, wo er auch im Jahre 1864 promovierte. Er wandte sich anfangs der Advokatur zu, in welcher er sich sehr bald den Ruf eines der hervorragendsten Prager Barreauredner erwarb. In einer ganzen Reihe namhafter und damals