Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 40 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021697--15776-3040561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
K aLStZtrt’lZ.'JLiZrtlSes. racaKa*s^: Ur. 40 Dr. Bloch’s Jahrgang 1X111 Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 5. Oktober 1906. Lrs «Leint jeden Freitag. Brief-Adresse: TEHtlen, IX/1, SJerggasse 39. Telegramm-?ldresse: WloOb's TMocbensefcrlft, Wllten. Inhalt: Leitartikel: (!). — Hafcat Professor Dr. Alois Zucker. — Jahrmarkt: Aaskunstsbureau für jüdische Auswanderer. Ein Fiasko der Schächthetzer. Die Familie Dreyfns (Trifas) in Baden und der Schweiz. Dante, Petrarca, Boccaccio Plagiatoren. — Korrespondenzen: Heimtückischer Mord. Kassierung eines Todesurteiles. Sistierte Ausschreibung einer Oberlehrerstelle. Ein jüdischer Deutschmeisterveteran. Kommerzialrat Adolf Kantorowicz. Jüdische Geschworene. Zur russischen Judenfrage. Stolypins Stellung zur Judenfrage. Ein Glückwunsch des Verbandes russischer Männer. Eine Drohung des Generals Kaulbars. Attentatsplan gegen Baron Rothschild? Die Wahl des Chacham-Baschi in Jerusalem. Die deutschen Kolonialskandale. Das. Ritualmordmärchen spukt wieder. Ein Aufruf für die Opfer von Siedlce. Der Wunderrabbi von Sadagora. — Vermischtes: Jahresbericht der israelitischen Knaben- und Mädchenschule in Brody für die Jahre 1903—1906. Die Palästinareise der Zionisten. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien. Wien. Palästinareise des zionistischen Zentralvereines in Wien. Spenden zugunsten der Opfer der Judenmassakres in Rußland. Neu-Sandeg. Oedenburg. Klattau. Eywanowitz. Teplitz. — Feuilleton: Der importierte Bräutigam. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »-S B. ft. Pofisxarft«flrn-Aint Glearing-Werftebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/l, Werggasse Iflr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©-ft 0---« Bezugspreis für Oesterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. ©-ft (Y In diesem Zeichen siegten die Antisemiten, so wenig man ihren Erfolg hätte erwarten dürfen. Waren es doch gerade die schäbigsten Subjekte, Leute, mit denen der Staatsanwalt kokettierte, politische Desperados, die ohne den Judenhaß niemals aus der Verborgenheit ihres Nichts aufgetaucht wären, und Hohlköpfe in Bezug auf Bildung, deren einzige Fähigkeit die Fähigkeit zu jeder Gemeinheit war, welche in Mitteleuropa die schmutzige Fahne der Verleumdung erhoben und durch die Bastionen des Gesetzes gegen die Juden vordrangen. Klerikalismus und Feudalismus, die geförderten Förderer der antisemitischen Bewegung, gaben ihr gerne eine Presse als vergiftete Waffe, sehr erfreut darüber, daß die Schlachtordnung der Völker von ihnen weg gegen einen anderen Feind gewendet wurde. Diese Presse bahnte nun den Strauchrittern der Politik, die nichts schaffen und nichts Nützliches arbeiten, sondern nur vom Angriff leben, von Mord und Brand, den Weg in die große Oeffentlichkeit mit einem verblüffend einfachen Mittel. (!) war das antisemitische Ei des Kolumbus. Man garnierte mit diesem leicht verständlichen Zeichen des Aufrufes zum Kampf, zur Entrüstung, zum Haß jedes jüdischen Namens, dessen Träger sich irgend eines kleineren oder größeren Vergehens schuldig gemacht hatten, jeden Bericht, der über allgemeine Verbrechen des Judentums Zeugnis geben sollte. Man hatte nicht viel Nachrichten über wirkliche Tatsachen, in welchen man viele Zeichen zur Aufregung und Empörung hätte unterbringen können. Das war aber die geringste Sorge. Denn der Generalberichterstatter der antisemitischen Zeitungen in der ganzen Welt, der Mann im Mond, lieferte Artikel und Notizen genug, in denen das (!) gleich reihenweise aufmarschierte. So lenkte man den Blick des künstlich in Erregung gebrachten Kleinbürgers vom übrigen Welttheater ab, indem man die Juden in den Vordergrund stellte; in der Maske feindseliger Betrüger, die allen Idealen und allen billig und gerecht denkenden und lebenden Menschen höchst gefährlich wären. Die antisemitischen Journalisten, meist Schablonenstücke aus grobem Holze, erhoben sich zum Range von Sprachgelehrten, um Bezeichnungen für alle bösen Eigenschaften der Juden zu finden. Jede Eintrittsberechtigung für eine Strafanstalt — von den Antisemiten fleißig erworben und gründlich ausgenützt — wurde den Juden (!) angedichtet. Jeden Schmutz, den es im Gesellschaftsverkehr, in der Moral, in der Kultur gibt, wollten antisemitische Erfinder an uns entdeckt haben. Die Schwindler brauchten sich dabei mit der Zusammenstellung des Tatbestandes keine allzu große Mühe zu geben. Sie verwandelten einfach das antisemitische „Haben" zu einem jüdischen ..Soll". Sie schrieben die wirklichen Tatsachen aus dem auffallend starken und lebhaften antisemitischen Verbrecherleben den Juden zu. Bei dem riesigen Konto unserer erdichteten Sünden ist es wohl selbstverständlich, daß unsere Geschlechtsmoral die allerverwerflichste sein soll. Das ist ein Lieblingskapitel der antisemitischen Presse, das sie nicht genug mit Massen von (!) versehen kann. Man sieht förmlich, wie den Redakteuren das Schmalz des fetten Bratens vom Munde läuft, wenn sie ihre Notizen vom jüdischen Wüstling und jüdischen Lüstling mit Behagen am Gegenstände abfassen. Mit Stolz können sie behaupten, daß man ihnen diese Nachrichten selten berichtigen kann; wie sollte auch der Wüstling und Lüstling widersprechen, da er gar nicht existiert? Umso fester aber wird der Glaube der antisemitischen Horde an die Verfolgung der christlichen Dienstmädchen durch jüdische Arbeitgeber, an jüdische McU'chenjäger in jeder Gestalt. Dem antisemitischen Massenbedarf an Lügen ist eben keine Wahrheit heilig, sollte sie auch noch so erwiesen und durch Zeugen erhärtet sein, wie die sittliche Höhe der Juden, deren körperliche Zähigkeit durch die Reinheit und Heiligkeit des Familienlebens hervorgerufen ist. Unsere Ehemänner machen keine Späffe mit Dirnen beim Wimberger, verführen nicht die Töchter ihrer Gastfreunde, brennen nicht mit den Frauen ihrer politischen Kameraden durch; unsere jungen Leute versaufen nicht die Mitgift ihrer Bräute und flüchten dann nach Amerika, unsere Mädchen lassen sich von ihren verheirateten Vorgesetzten nicht Mäntel und Blusen schenken. Dies sind alles Taten antisemitischer Größen und ihrer Sprößlinge ans der nahen Vergangenheit, und erst die letzten Tage brachten sehr viele