Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 660 Dr. Bloch's WochenschrM Nr. 39 Du bestimmst, o Herr, wer fürder dürfe in der Sorme Licht verweilen, Und wen jäh und unvermutet foll des Todes Ruf erelleu. Du verteilst des Lebens Lose, Du, o Herr, bestimmst allein, Wer erliegt des Hungers Nöten, niedersinkt in Durstes Pein, Wer in Fluteu grausig endet, wer verzehrt von Feuersglut, Wer durch Feiudesfchwert getötet, wer durch wilder Tiere Wut, Wer, vo« Glückesgunst getragen, feines Sehnens Ziel erreicht, Wer imuitten frohe« Höffens, in der Jugend Glanz verbleicht, Wer, beglückt mit allen Gütern, Wonnen erntet ohne Zahl, Wer eiu Lebe« steten Kummers fristet in der Sorgen Qual. Wer iu Frieden fürder wandelt, wer von Fährden wild gehetzt, Wem ein sanfter Tod beschiedeu, wem ein grauses Ziel gesetzt, Wer erniedrigt lief auf Erde», wer erhöht durch Kraft uud Glück, Du allem, o Herr, entscheidest jedes irdische Geschick. Aber Reu, Gebet und Wohltun wehren dem Verhängnis ab, Schützen uns am Lebenspsade, retten uns vor frühem Grab. Dein Erbarmen, Herr, verküuden Deines Namens heil'ge Töne, Daß der Liebe ewig" Walte« selbst den Sünder Dir versöhne. Schwer nur bist Dn zu erzürne«, zu versöhnen, Vater, leicht. Jedes Grolles finstere Wolke vor der Liebe Strahl verbleicht. Den« Du willst nicht, daß der Frevler in der Sünden Last verderbe, Willst, daß, seines Ziels gedenkend, er der Seele Heil erwerbe. Harrst geduldig seiner Buße uud noch au des Abgrunds Rand Reichst Du seiner späten Rene guadenvoll die Vaterhand. Du, der seinen Leib gebildet, ihn gebaut aus Fleisch und Blut, Herr, Du kennst des Meuschen Triebe, seiner Sinne heiße Glut. Staubgeboren, ftanbberfallen, ohne Aufhalt muß er schaffen, Von Gefahre« rings umlauert schweren Kampfes Brot erraffen. Sorg^uud Kummer find sein Erbe, erdwärts drängt sei« täglich' Streben, AllseiuGÜick, es ist zerbrechlich, einem Scherben gleicht sein Leben, Gleicht der Blume, die vom Froste einer Frühliugsnacht verblüht, Glicht der Flamme, die verzehrend selber sich zur Asche glüht, Gleicht der Wolke, die am Himmel als ei« dunkler Schatte« ziehet, Gleicht dem Odem unsres Mundes, der — eiu Hauch — vorüberfliehet. Gleicht dem Staube, de^verächtlich in die Lüste streut der Wind, Denn wie flüchtiger Traum enteilend unsre Lebenslage find. Du allein, o Allregierer, breitest schützend Deine Hände Ueber uns und unser Schicksal. Ohne Anfang, ohne Ende Lenkest Du der Welten Kreislauf, thronend über Raum und Zeit, Unverändert, schaffend, waltend, Gott, in alle Ewigkeit! Der importierte Driiutigam. Roman aus dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. (Fortsetzung.) Flora brach bei seinem Anblick in Freudentränen aus und herzte und küßte den Vater immer wieder, während er liebevoll ihr Haar glättete und sie bewundernd anblickte. „Ach, Du lieber alter Vater!" rief sie seelig. „Endlich bist Dn wieder gekommen." Asriel ermannte sich und dachte, es sei nun genug. Er wollte der Szene ein Ende bereiten und wie immer, wenn er verlegen war, machte er Witze. „Nun, Flora, was glaubst Du wohl, was ich Dir mitgebracht habe?" sagte er und wurde rot dabei. „Ich wette, Du errätst es nicht und wenn Du bis morgen ratest. Kein Mädchen hat je so ein Geschenk bekommen, seit Amerika besteht!" Floxas Augen tanzten vor freudiger Neugierde. Sie dachte an Diamanten, Saphire, Perlen. „Ich habe Dir einen Bräutigam gebracht. Den feschesten, schönsten Burschen der Welt." „Wo ist er?" frug sie erstaunt. „O, ein prächtiger Junge, fest im Talmud und in den anderen heiligen Büchern. Er übertrifft alle Rabbiner Europas. Der reichste Mann in Prawly war hinter ihm her, doch ich habe ihn glücklich erwischt. Schaya, komm her!" Das Mädchen gaffte den Vater bestürzt und erstaunt an. War es Ernst oder Spaß? Schaya kam mit zu Boden gesenkten Blicken und hielt den Zeigefinger der rechten Hand ausgestreckt, wie er es immer tat, wenn er verlegen war, was übrigens selten der Fall war. Floras Atem flog. „Das ist Dein Bräutigam, meine Tochter! Einen feinen Geschmack, nicht wahr?! Hast Du Dir je so einen Liebsten erhofft? Nun, Kinder, jetzt muß ich mich um mein Gepäck umschauen gehen. Plaudert miteinander und werdet bekannt", sagte er und wandte sich rasch zur Tür. „Papa, Papa", schrie Flora ungestüm und wollte dem Vater nachlaufen, doch dieser hatte schon die Tür hinter sich geschloffen. In ihrer Verzweiflung ging sie direkt auf den Fremden zu, der noch immer seine Finger krümmte und krampfhaft den Teppich betrachtete, und sagte zu ihm: „Gehen Sie fort, mein Herr! Wenn Sie glauben, daß Sie mein Bräutigam sein werden, so irren Sie sich!" Sie sprach absichtlich jüdisch, aber ihre Aussprache war, besonders was den Buchstaben R anbelangt, echt amerikanisch, so daß es Schaya vorkam wie seine Muttersprache, und doch wie die Sprache der Fremden. Es war aber doch,, jüdisch und als er es von der imponierenden jungen Dame hörte, hatte er den Eindruck, einer biblischen Prinzessin gegenüber zu stehen. „Wo soll ich hingehen? Ich kenne Niemanden hier." Er sagte das mit so naiver Verzweiflung, daß des Mädchens Herz gerührt war. „Wo habe ich gefehlt?" fügte er demütig hinzu. Sie schaute ihn fest an, faßte ihn bei seinem bartlosen Kinn und brach in ein herzhaftes Gelächter aus. Schaya erbleichte und hielt den Finger wieder ausgestreckt, doch begann er bald auch zu kichern, ihre Heiterkeit hatte ihn angesteckt, ihr Jiddisch kam ihm vor wie das Geplapper eines Kindes. Flora amüsierte sich und war erfreut, wie überfein Kind. Schaya hatte auch das Gefühl, mit einem andern Knaben zu spielen. Unter all den Immigranten, die Flora kannte, war Keiner so nett, so drollig gewesen, wie dieser knabenhaft dreiuschauende Junge. Es war ihr der Gedanke nicht unheimlich, ihn in zwei oder drei Jahren zu heiraten, bis er englisch gelernt und sich die Sitten des Landes angeeignet haben würde. Doch dann erinnerte sie sich ihrer Freundinnen. Was würden die zu ihrer Verlobung mit diesem Menschen sagen. Sie hatte sich immer geprahlt vor ihnen, daß sie nur einen Doktor heiraten werde! Und das war nicht einmal ein Geschäftsmann! Nein, sicherlich war er ein orthodoxer Rabbi oder etwas dergleichen. Und bei Flora war das Wort Rybbi mit der Vorstellung eines ungekämmten, langbärtigen Mannes in einem Kaftan verbunden, eines Mannes, der Schnupftabak gebraucht, der nichts von der Welt weiß und der nur dazu da ist, um sich und den Andern das Leben zu verekeln. Nein, nein, komme was wolle. Sie würde nur mit einem amerikanischen Gentleman unter den Baldachin gehen. Und in ihrer Wut verließ sie so rasch wie möglich das Empfangszimmer, stürzte in ihr kleines Zimmerchen und gab sich hier ihrem Schmerz ganz hin.