Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 654 Dr. Fölocv's Mrocvenscbrltt. Nr. 39 dafür, daß die Behörden stumm und ruhig Greueltaten mitansehen, die in ihrem Namen verübt werden. Als im Jahre 1348 und in den darauffolgenden Jahren der städtische Pöbel Deutschlands, von Fanatismus und Unwissenheit getrieben, den Juden die Schuld an der verheerenden Pest zuschrieb, als dieser Pöbel daraufhin Masienverfolgungen der Juden veranstaltete, da traten Kaiser und Papst übereinstimmend als Verteidiger der Mischen Bevölkerung auf. Sie scheuten sich nicht, es gerade heraus zu sagen, daß Gewinnsucht das Leitmotiv der Plünderer war, nicht aber die Liebe zu Christus. „Sie wollten sich das Gold der Juden zu Eigen machen", sagt Kaiser Sigismund in seiner Kundgebung, die er damals erließ. Gleich den Kaisern suchen auch die Päpste des Mittelalters durch ihre Bullen den törichten Eifer der Plünderer zu zügeln. Dem mittelalterlichen Rom blieben Judenmaffakres fremd; der Papst empfing sofort nach seiner Wahl eine Deputation des jüdischen Ghetto, nahm aus den Händen des Rabbiners eine Bibel entgegen und versicherte die Bekenner des mosaischen Glaubens, „der die Wahrheit, wenn auch nicht die ganze", enthalte, seines Schutzes. Daß aber der heilige Synod an die griechisch-orthodoxen Pogromscziki die Aufforderung gerichtet habe, sich einer der Lehre Christi angemessenen Handlungsweise zu befleißen, davon ist mir nichts bekannt geworden. Wohl hörte ich von den russischen Geistlichen P. Afanasjew und P. Opnew aufrichtige, warme Fürsprache für die Juden, wohl war die Reichsduma von ihren wahrhaft christlichen Reden hingerissen, doch die Antwort des heiligen Synod war — die Entlassung dieser beiden Priester. In diesem Bürgerkrieg, der uns ausreibt, vernehme ich keinen Appell von Seiten derjenigen, in deren Händen das Hirtenschwert ruht,, sie unterlaffen es vielmehr, zum friedlichen Einvernehmen aufzufordern." „Echt russische Männer." Petersburg, 18. September. Gestern stand in der „Nowoje Wremja" folgendes Telegramm aus Kischinew, das die Kischinewer Abteilung des „Verbandes des russischen Volkes" an den Zaren gesandt hat: Großer Herrscher! Die Verfügung des Ministers der Volksainklärung über die Aufhebung der Prozentnorm bei Aufnahme von Juden in Lehranttalten hatte die russische Bevölkerung unvorbereitet genossen; viele Russen fanden in den Lehranstalten, keinen Platz, da diese von Juden besetzt waren. Durch diesen Umstand niedergedrückt, erkühnt sich der Vorstand der Kischinewer Abteilung des Verbandes des russischen Volkes, Dich, Herrscher, anzuflehen, den Minister zu rrchten, der aewagt, Deinem Willen zuwider zu handeln, und dadurch der Bevölkerung ein verbrecherisches Beispiel von respektwidriger Stellungnahme zum Gesetz zu geben. Das radikale Abendblatt „Szewodnja" meint, zu einer anderen Zeit wäre das eine lustige Anekdote. Ein Häuflein provinzialer politischer Kannegießer, meist stumpfe und fanatische Leute mit einem nicht mehr einwandfreien Renommee und mit immer „echtruffischen" Namen, wie Kruschewan, Jerchan, Schtscherban usw. lauter rumänische Emigranten, versuchen es, die Schicksale Rußlands zu entscheiden. Aber im Hinblick auf die Ereignisse der letzten Tage ist das Blatt geneigt, eine ernstere Stellung zur Auslassung der beßarabischen „Patrioten" zu nehmen. Es erinnert daran, daß der berüchtigte Purischkewitsch, auch ein Beßarabier, der den Posten eines Beisitzers des „patriotischen" Verbandes bekleidet, den Gouverneuren „Befehle" versandt und den Generalgouverneuren Verweise erteilt hat, die sich beeilten, ihm ihre Entschuldigung zu machen. Derselbe Purischkewitsch, der die Verfügungen des Stadthauptmannes ebenso ignoriert wie das Gesetz, hat seinerzeit einen gedruckten „Ukas" erlassen, in dem er jeden mit Körperstrafe bedroht, der cs wagen sollte, vor der hiesigen Teehalle des Verbandes zu demonstrieren. Graf Konownizyn, der Vorstand des Odefsaer Verbandes, erließ eine Bekanntmachung, in welcher er darauf hinwies, daß jede „verdächtige Persönlichkeit", die sich ihm auf der Straße nähern sollte, von seinen Leibwächtern niedergeschoffen werde. Ferner erinnert das Blatt auch an den Vorsitzenden des Kiewer Verbandes des russischen Volkes, Herrn Jusefowitsch, der an den Kaiser Wilhelm in einem Telegramm vor dem Grafen Witte warnte und eine Antwort bekam. Schließlich weist die „Szewodnja" noch darauf hin, daß das kleine Blättchen „Objedinenije" (Einigung) die oberste Gewalt mit Rache bedroht habe, wenn sie. nicht die Anschauung des „patriotischen" „Verbandes des russischen Volkes" teilen sollte. Diese Tatsachen, schließt das angeführte Blatt, veranlassen zu sehr ernstem Nachdenken und zwingen, selbst mit dem albernen Telegramm aus Kischinew zu rechnen, das Gericht über einem Minister fordert, der einen durchaus gesetzmäßigen Akt vollzogen hat. * Eine „Persönlichkeit in hervorragender Stellung" schreibt der „Russischen Korrespondenz" aus Petersburg, 19. d. M.: Die Nachricht vom Verbot des Kadetten-Parteitages und der Verweigerung, die Partei zu legalisieren, konnte nur diejenigen in Verwunderung setzen, die das politische Leben des Landes im letzten Monat gar nicht beobachtet haben. Mit jedem Tage offenbart die Regierung immer mehr und mehr ihre nahen Beziehungen zu den Organisationen der „Schwarzen Hundert". Es kostete große Mühe, Beweise herbeizuschaffen, daß die Pogrome des letzten Jahres alle mit Hilfe der Zentralbehörden der Regierung organisiert waren; wir haben aber Beweise in Händen, daß die Mitschuldigen anderswo zu suchen sind als unter den untergeordneten Beamten des Polizeidepartements. Es wird eine Zeit kommen, wo die ganze Wahrheit der erstaunten Welt vor Augen geführt werden wird. -i- * * Der Polizeichef des ersten Bezirkes der Stadt Bialystok, Scheremetiew, der an dec Organisation des jüngsten Pogroms in der Stadt stark beteiligt war, hat jetzt einen Posten in der Petersburger Polizei bekommen, also eine Auszeichnung! Wien. In einer längeren Abhandlung beschäftigt sich die „Allgemeine Rundschau" mit Judenfrage und Rassenantisemitismus. Das bis zum Ueberdruß erörterte und ebenso oft widerlegte Thema von Kapitalsanhäufung der Juden, Beherrschung des Geldmarktes, der Konkurrenz u. s. w., das in der genannten Zeitschrift breitgetreten wird, kann man füglich übergehen. Bedeutsam und objektiv aber ist folgender Passus: Könnten wir nur unsere kleinen Leute dazu bringen, sich des Juden Sparsamkeit, seine Rührigkeit, seinen Ordnungssinn, seine peinliche Genauigkeit, seine Glaubenstreue und Sorgsamkeit für die Angehörigen sich anzueignen, dann würde ihnen der Jude in seinen Schattenseiten sicherlich weniger gefährlich werden, als es jetzt der Fall ist. . . . Wollte man nur einmal das interessante Experiment anstellen, an einem Sonntage eine Kontrolle der Wirtshausgäste nach Stand und vermutlichem Vermögen, aber auch nach Zugehörigkeit zum christlichen oder mosaischen Bekenntnis vorzunehmen, so würde sich jedenfalls folgendes Resultat ergeben: Recht viele Wirtshausbesucher christe licher Konfeffion, die es viel nötiger hätten, zu sparen, anstatt beim Frühschoppen und bei der Jause eine für ihre Verhältnisse erhebliche Summe für Alkohol, Tabak und Spiel auszugeben. Juden in ähnlichen Verhältnissen würden vielleicht keinen einzigen Vertreter zum Frühschoppen stellen, und wenn doch, würde dieser höchstens mit einer Tasse Kaffee sich begnügen. . . . Man vergleiche auch wieder unsere jüdischen Geschäftsleute mit ihren christlichen Kollegen! Meistens hat der Jude die größere Auswahl, und dann, wie höflich und zuvorkommend ist der israelitische Geschäftsherr, wie unermüdlich im Vorzeigen seiner Waren! Auch rasche und prompte Lieferung findet man häufiger beim jüdischen, als beim christlichen Geschäftsmann. Kauft man auch nichts ein, bleibt er doch unverändert artig und liebenswürdig; er entbietet uns auf der Straße, selbst nach langer Zeit, noch einen ehrfurchtsvollen Gruß. Wie anders ist das oft mit Christen im gleichen Falle! Abgesehen davon, daß der