Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021696--15763-3040547
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Str. 89 Dr. JBlocb’s MlocbenscbrlN. «eite 653 damals mit fünf Stimmen gegen eine zum Tode durch Erschießen und in die Kosten verurteilt, bald darauf aber zu 6 Jahren Zellengefängnis begnadigt, welche Strafe er in Bruchsal verbüßte. Nach seiner Entlassung fand eine Begegnung Corvins mit seinem früheren Verteidiger Kusel statt. Ueber dieses Wiedersehen schreibt Eorvin: „Der gute Dr. Kusel besuchte mich. Ich dankte dem braven Kusel nochmals heimlich für die uninteressierte menschenfreundliche Teilnahme, welche er mir und meiner Frau während dieser Jahre bezeigt, konnte aber nicht halb ausdrücken, was ich wirklich fühlte. Kusel ist ein Israelit, wie die meisten derjenigen Personen, welche mir und meiner Frau die meiste und herzlichste Teilnahme und Hilfe erwiesen. Es ist dies kein Wunder. Die Juden haben so lange unter ungerechtem Drucke gelitten, und dahat ihre Herzen besonders teilnehmend für Unglückliche und Verfolgte gemacht. Teilnehmend und hilfreich fand ich sie überall, iu Baden, Frankfurt, in Berlin, in Hamburg, in Amsterdam und iu Sonbon.' Rußland nnd Europa. Gin Gesuch an den deutschen Reichskanzler. Berlin, 20. September. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Berlin hat am gestrigen Mittwoch an den Reichskanzler Fürsten Bülow ein Telegramm gesandt, indem er ihn ersucht, soweit es die Interessen des deutschen Vaterlandes zestatten, den bedrängten Juden in Rußland seinen Beistand zu gewähren. Vorstellungen der englischen Regierung. London, 22. September. Das Bureau Lassan meldet: Der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes, Sir Francis Hardingue, empfing Montag eine Abordnung hervorragender, englischer Juden, die ihm beunruhigende Meldungen über die Entstehung der Judenmetzeleien in Siedlce und ihre Anstifter, sowie über bevorstehende neue Pogroms in Warschau und anderen Orten vorlegten. Der Inhalt dieser Informationen machte auf den Unterstaatssekretär so tiefen Eindruck,' daß er an den britischen Botschafter in Petersburg, Sir Arthur Nikolsohn, telegraphierte, er solle in der Sache sofort dringende Vorstellungen bei der russischen Regierung erheben. In London betrachtet man es als Beweis für die außerordentlichen Gefahren, die den russischen Juden drohen, daß das britische Auswärtige Amt sich zu solch einem bedeutungsvollen Schritt entschloß. Eine Protestversammlung in Mailand. Mailand. Im Festsaale des hiesigen Kunstvereines fand hier am 20. September eine von dreißig Abgeordneten der Linken einberufene und von 2000 Personen besuchte Protestversammlung gegen die Greueltaten des russischen Despotismus statt. Viele Teilnehmer des Weltfriedenskongresses waren anwesend. Der französische Philosoph und Friedensfreund Charles Richet wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die Reden der italienischen Parlamentsmitglieder Turati und Mirabelli-Fera, sowie der russischen Revolutionärin Angelika Balabanow erweckten stürmischen Beifall. Zum Schluß wurde eine in den schärfsten Ausdrücken abgefaßte Erklärung zugunsten der russischen Revolution einstimmig angenommen. Die französischen Freimaurer für die Revolution. Paris, 21. September. Dem augenblicklich hier tagenden Großkonvent der französischen Freimaurerlogen wohnte heute ein Mitglied der aufgelösten russischen Duma, Herr Kesrine, bei. Er wurde von den sozialistischen Abgeordneten Dr. Meslier der Versammlung vorgestellt, bei welcher Gelegenheit der französische Abgeordnete unter anderen folgendes sagte: „Ich glaube der Dolmetsch aller hier Versammelten zu sein, wenn ich die Haltung . der ftanzösischen Bankiers und Kapitalisten, wie die aller europäischen Bankiers und Kapitalisten brandmarke, die sich durch die Unterzeichnung der letzten russischen Anleihe zum fteiwilligen Mitschuldigen an der Erdrosselung des Volkes gemacht haben. Die Freimaurerschaft der ganzen Welt erklärt sich mit den Bemühungen und Kämpfen der russischen Abgeordneten solidarisch und spricht den Wunsch aus, daß die zaristische Autokratie recht bald aus dem Friedhof der Geschichte bestattet werde." Der Präsident des Konvents richtete ähnliche Worte an den russischen Abgeordneten. Er sagte unter anderem: „Ich hoffe, daß durch die Bemühungen der russischen Abgeordneten Rußland wieder in einen Zustand politischer und moralischer Ehrenhaftigkeit gelangen wird, die es erst in der richtigen Weise zum verbündeten Freund Frankreichs machen könnte." Budapest, 23. September. Auf Anregung des Rabbiners Dr. Julius Fischer beschloß die hiesige israelitische Kultusgemeinde, einen Weltkongreß der jüdischen Gemeinden nach Budapest einzuberufen, auf welchem die Schritte beraten werden sollen, durch welche die Mächte zu einer Intervention zugunsten der russischen Juden veranlaßt werden könnten. Die Teilnahme des Militärs an dem Pogrom von Siedlee. Berlin, 20. September. Aus Siedlce wird dem „Hilfsverein der deutschen Juden" über die dort verübten Grausamkeiten gemeldet: Daß der Pogrom ausschließlich vom Militär organisiert war, ergibt sich aus der Tatsache, daß nicht ein einziger Hooligan während des Pogroms auf der Straße zu sehen war. Dies wurde auch vom Gehilfen des Generalgouverueurs bestätigt. Im Juwelenladen von Solards, deffen siebzehnjähriger Sohn ermordet worden ist, war der erste ein Offizier, der sich die beste goldene Uhr genommen und in die Tasche gesteckt hat. Von vielen wurde Geld verlangt. Im allgemeinen sollen von den Juden an Offiziere, Soldaten und Polizeiwächter über 150.000 Rubel Lösungsgeld abgegeben worden sein. Wer kein Geld hatte, wurde unbarmherzig niedergemetzelt. Die Tvdten find so verstümmelt, daß sie vielfach nicht erkennbar find. Die meisten Wunden rühren von Bajonetten, Kugeln oder Kolbenschlägen her; Frauen wurden auf niederträchtigste barbarische Art vergewaltigt. Eine Frau wurde von den Mördern ihres Mannes unmittelbar nach seinem Tode geschändet. Ein Fall von Vergewaltigung wurde von einem Offizier des am Montag eingetroffenen Dubnaer Regimentes, Herrn Grigorenko, protokollarisch ausgenommen. Es sei hier bemerkt, daß das Dubnaer Regiment sich verhättnismäßig anständig benommen hat. Entsetzliche Szenen spielten sich in den Kellern ab, wohin die Unglücklichen geflüchtet waren. Montag wagte sich ein Jude aus dem Keller heraus, um seinen vor Durst fiebernden Kindern Waffer zu holen. Ein Offizier sah ihn das Waffer tragen und befahl, es auszugießen. Der Vater versuchte, noch einmal Waffer zu holen. Es wurde derselbe Befehl gegeben. Und zum drittenmale — da erlaubte endlich der Offizier, Wasser zu bringen, und als der Glückliche Waffer herbeigebracht hatte, stieß der Offizier eigenhändig den Eimer um und schüttete das Waffer aüs. Auch Offiziere nahmen an der Plünderung teil. Nach dem Pogrom ließ ein Offizier seinen bekannten jüdischen Schneider zu sich kommen und bot ihm eine ganze Menge von geraubten Kleidungsstücken zum Kaufe an. Er meinte dabei, der Schneider sei ihm zum Danke verpflichtet, denn nur durch seine Fürsprache sei er und seine Familie am Leben geblieben. Petersburg, 22. September. Der bekannte ruffische Soziologe und Führer der „Partei der demokratischen Reformen", Maxim Kowalewski, veröffentlicht in seinem Blatt „Strana" unter dem Titel: „Zum Pogrom in Siedlce" folgenden Artikel, der allgemeine Aufmerksamkeit erregt: „Der Pogrom in Siedlce, der an Grausamkeit alle anderen, deren Zeugen wir bereüs waren, übertrifft, veranlaßt einen Mitarbeiter der „Rjetsch", eine Parallele mit dem Mittelalter zu ziehen. Allein ich suche vergebens in der ganzen Vergangenheit Europas ein Beispiel

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.