Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-28 · 39 (28.9.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
39 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021696--15761-3040545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 39 Zeitalter der Horden. Sie sind viel mehr als jeder andere zu energischen Schritten legitimiert. Von Portsmouth her, wo Sie der russischen Regierung so große Dienste erwiesen, und von Newyork her, wo Ihrem Reiche die geängsteten russischen Juden als Auswanderer in Massen Zuströmen. Vor allem aber als Amerikaner und als Theodor Roosevelt. Als ein Bürger und Mann, der eine Ehre darein setzt, den Forderungen des Rechtes und der Kultur zum Siege zu verhelfen Machen sie es den Staaten nicht nach, die gebeten wurden, der russischen Inquisition, der Schande des zwanzigsten Jahrhunderts, ein Ende zu bereiten. Diese Staaten leben von Vorsicht und Rücksicht, von Verträgen und Verträglichkeiten, vom Abfall der Staatskunst, Amerika aber lebt von seiner inneren Stärke, dem Reichtum seiner Arbeit, der Klugheit und Redlichkeit aller Bürger. Amerika verschmäht nach seiner Tradition schwächliche Ausreden, wenn Ideale kraftvoll geschützt sein wollen. Elf Millionen Juden schauen auf Sie, Herr Präsident, damit Sie sechs Millionen von ihren bangen Sorgen befreien, ihnen Sicherheit vor dem Zarismus geben und mit dieser weltgeschichtlichen Tat der Menschenliebe die Meteorenbahn Ihrer Regierung glänzend abschließen. Wohl drängt Kuba und die neue Präsidentenwahl. Trotzdem bittet die Not von sechs Millionen um Vorrecht und Vortritt. Ein ganzes Volk bittet Sie, Herr Präsident, einen Teil der Kraft, die Sie in Portsmouth gezeigt haben, für sein Leben und seine Freiheit großherzig zu verwenden. J. Upfimny. Gin honetter Zahler. Wird wohl keiner vermuten, daß der honette Zahler das „Deutsche Volksblatt" ist. Aber wahrhaftig, die Tatsache ist unbestreitbar und in unserem Gerechtigkeitssinne sind wir sogar gezwungen, sie zu beweisen. Bekanntlich betreibt das „Deutsche Volksblatt" das Lügen als Sport und schlägt meist am Sonntag den Weltrekord, während in der Woche seine geistige Arbeit vollständig ruht. Der Erfolg ist ganz unabwendbar, da der Antisemitismus die Denkart des Kleinhirns ist, in dessen Besitz sich die meisten Parteigenossen befinden. Mit der Kraft eines unermüdlichen Wiederkäuers zermalmt man wieder einmal die Juden, und zwar find diesmal die auswärtigen dran. Da man Sonntag gern ein Extrabratl hat, werden die russischen Juden zusammen mit der französischen Alliance serviert, garniert mit den Krautblättern aus dem Gehirn des Leitartiklers. Haben wir Dich endlich, Du verflixte Alliance? Du mußt her, und wenn's Deine letzten Haare kostet. Hochausipritzende Federn schrieben zuerst den zweiten Artikel mit dem „Tatbestand". Das heißt, es wurden ein paar gutabgelegene Originaltelegramme der Judenpresse schön zusammengekleistert, wo Revolutionäre standen, steht jetzt der jüdische Bund und dazwischen wurde geschrieben, man hätte schriftliche Beweise dafür gefunden, daß die „Alliance" aus Paris die russische Revolution von New-Iork aus mache. Hätte der Schmierant noch etwas Phantasie gehabt, so hätte er in die „Korrespondenz aus Petersburg" auch noch ebensogut hineinschreiben können, daß die beschlagnahmten Papiere das Siegel des Großrabbinats und die Unterschrift von Hilsner getragen haben. So aber bleibt die Erfindung für den Ochsenstall ziemlich jämmerlich und der darauf wie ein stolzer Narrenturm aufgebaute Leitartikel entspricht dem Ganzen. Also diese niederträchtige „Alliance" will nichts Geringeres als das weite Rußland erobern. Wozu wird allerdings nicht gesagt. Wir vermuten aber, um Dreyfus zum Zaren zu machen und zur Befreiung Hilsners Oesterreich mit Krieg zu überziehen. Zu Eroberungszwecken find die jüdischen Revolutionäre an der Arbeit. „Was sind die männermordenden Feldschlachten, die Verheerungen großer Seuchen gegen die Greuel der „Alliance", die kalten Blutes Tausende in den Tod schickt, während ihre Presse salbungsvoll über Zivilisation und Weltfrieden schreibt. . . . Wenn heute ein Künstler eines Borwurfes Seite 651 für den Geist der Vernichtung und blutiger Greuel bedurfte, erstünde ihm in der Gestalt Ahasvers, über Haufen von Leichen schreitend, ein grausiges Sinnbild der Pest." Also Leipzig, Mukden rc. waren nur ein Theater für ganz kleine Kinder gegenüber den Greueln der „Alliance", und wenn es noch lange so weiter geht, wird niemand mehr unsere Welt bewohnen als der Schreiber dieses Ahasverartikels, und wenn ihm jemand vom Mars mit einem Fernrohr auf den Kopf schaut, so wird er glauben, er sieht einen ausgebrannten Krater. Um sich gegen diese Eventualitäten zu schützen, verlangt der Artikelschreiber, der im edlen Zorne noch rasch die Lüge von sich gibt, Cremieux hätte auf den Kopf Wilhelm I. einen Preis ausgesetzt, man möchte einen internationalen Kongreß, der noch viel wichtiger sei als ein Weltfriedenskongreß, gegen die anarchistische Alliance einberufen. Pfui Teufel, das kann arg bös werden! Da kommt dann sicher Hans Arnold mit dem Ritualmordmesser, Ernst von Stampiglien mit Schulchan Aruch. Schießgewehr und Branntweinflasche, Karl der Zerfchmetterer und beginnen ihr Vernichtungswerk. Wer begnadigt wird, muß am Sonntag den Leitartikel des „Bolksblatt" lesen. Wir unsererseits ziehen den leiblichen diesem geistigen Tod vor. Nun gut, geistreich ist man im Antisemitenhof nie gewesen, aber gerieben. Wie wagt man es denn, sich der europäischen Meinung von der russischen Revolution so entgegenzustellen? Den wahren Grund erkennt man aus dem Umstand, daß man des Guten zu viel tut. Man begnügte sich nicht damit, die russische Revolution unermüdlich im Leitartikel als Werk der Juden hinzustellen, man ging in derselben Nummer auch unter dem Strich los. Da wird ein Revolutionär als Abschaum des Menschengeschlechtes hingestellt, ein russischer Polizeikommissär als strahlender Engel. O Du lieber Engel Du! Hast Du auch Obligationen gemaust, daß Du diese Protektion findest? Oder ist Dein in weitesten Kreisen unbekannter russischer Polizei-Edelmut nicht mit Rubelscheinen ausgestopft? In Rußland verspürt man sicher schon wieder einen kleinen Eisbärenhunger auf eine bescheidene Anleihe. Kein Pump ohne die Zuneigung der öffentlichen Meinung. Wer läßt sich aber seine Meinung jederzeit gegen Kassa abkaufen und wird gern Antisemitenhöfling der Kosakenregierung? Die Frage beantwortet jeder leicht. Da aber die Qualität nicht hervorragend war, so begnügte man sich am letzten Sonntag mit der Quantität und lieferte als honetter Zahler öffentliche Meinung in allen Rubriken offenbar nach dem Kilometer. —’J. Dom Jahrmarkt des Lebens. Die erdichtete Großrabbiner-Rede. Das antisemitische Demagogentum bleibt sich überall gleich, es ist international. In Hunderttausenden von Exemplaren wird von der russischen Geistlichkeit ein Flugblatt gegen die Juden verbreitet, das zum größten Teil der wörtliche Abdruck jener plumpen Fälschung ist, mit der die Liebermann v. Sonnenberg'sche „A n t i s. Korr." im Februar 1901 in Deutschland ihr antisemitisches Gift auszustreuen versucht hat. Das Blatt hatte damals sogar den traurigen Mut, die Nummer, welche die „sensationelle Enthüllung" enthielt, den Vorstandsmitgliedern des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus „als Angebinde" zu widmen. Man forschte nach: Wer ist denn dieser Großrabbiner? Wie heißt er? Wo hat er gelebt? Wo und wann hat er diese niederträchtige Rede gehalten? Ist er wirklich ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut gewesen? Nichts von alledem! Diese Rede, die nach der „Antisem. Korr." ein Großrabbiner in einer geheimen Versammlung „gehalten hat" (!!), ist nichts als eine widerliche, aus der Luft gegriffene Erfindung, aus einem Roman niedriger Gattung, der unter den Titel: „Gaeta, Warschau, Düppel" in Berlin im Jahre 1868 erschienen ist. Der Verfaffer dieses Romans ist der aus dem Prozeß Waldeck wohlbekannte Zeuge Rechnungsrat Hermann G o e d s ch e, welcher als Romanschriftsteller den Namen Dr. Llocb's MocbenscbrtN.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.