Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 39 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021696--15760-3040544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 660 Dr. Llocb's MocbenscbrLtt- Nr. 39 alle, die vom Sklavensinn der Menschen leben. Immer straffer wurden die Zügel angezogen, immer russischer wurde es auf unserem Festland. ... Da kamen die flinken, gelben Japs und befreiten uns furchtlos von dem kosakischen Goliath, der mit den Füßen auf den Küsten zweier Meere steht und seine Hände überall hatte. Jeder Schritt Nogis und Kurokis über den Ialu, über das Gebirge von Dental war ein Sturmschritt unseres Glückes und unter dem eisernen Griff Oyamas wäre unser Bedränger gewiß verröchelt, wäre nicht statt Chardin und der Entscheidungsschlacht Portsmouth gekommen, wo Hochdruck von außen die Japaner an Blüchers Trinkspruch vergessen ließ: Was die Schwerter uns erwerben, laßt die Federn nicht verderben! Die gelbe Gefahr, die nur allen Rückschrittlern gedroht hatte, war gebannt, der Friede wurde geschlossen. Dank Ihrer Güte, Herr Präsident, der Sie mit Feuereifer Ihre letzte Kraft an die Vermittlung gewendet hatten, konnte sich der Zarismus noch lebendig erheben. Die große moralische Tragödie wurde abgebrochen, bevor noch das Laster seine wohlverdienten Strafe empfing, bevor sich noch Tyrannei, Schranzenwirtschaft, feige Grausamkeit, kaltherziger Vaterlandsverrat, bevor sich noch mit einem Wort das jetzige russische Herrschertum verblutet hatte. Allerdings war etwas schon geschehen. Man hat in unseren militärischen Kreisen die freie Atmung zurückgewonuen und hält nach Besichtigung der zweijährigen chronischen Prügel für Rußland einen eventuellen Krieg mit den nordischen Meistern des Rückzuges nicht mehr für ein Unglück, sondern für ein Vergnügen. Das militärische Ansehen Rußlands war bereits verloren, als Sie eiugriffen, Herr Präsident, von diesem Unglück waren wir bereits befreit. Nicht so aber vom zweiten, vom moralischen Einfluß des Zarismus auf die Nachbarn. Auch hierbei hatten die Japaner Fortschritte geschaffen. Sie hatten den Leuten den Kampf erleichtert, welche, wie alle Unterdrückten, gerne bereit waren, Freiheit und Menschenrechte für Rußland, die ihnen von der infamsten Willkür verweigert wurden, mit ihrem Herzblut zu bezahlen. Mit diesem Fortschritt war es nun seit Portsmouth zu Ende. Die aus dem Osten heimkehrenden Trümmer zarischer Macht waren noch immer stark genug, um Arbeiter und Bürger, welche für das Vaterland im Angesicht des Todes gekämpft halten, um ihren Lohn zu betrügen und sie gewissenlos und brutal zu Sklaven am eigenen Herd zu machen. Höhnend führt man vor ihrem Geiste noch ein Puppenspiel von Verfassung auf. Aber Niemand in Rußland ist vor dem Belieben des nächsten Tschinowniks seines Leibes und seines Gutes sicher — der Zarismus hat in d r Mandschurei den Säbel verloren, nicht aber die Knute. Seit Ihrer Intervention, Herr Präsident, ist diese Knute wieder in entsetzlicher Ruhelosigkeit. Mit vielen Worten wahrt die Regierung mit einem letzten Rest von Scham den äußeren Schein vor der übrigen Welt, aber noch mehr Unglückselige schickt sie in die sibirische Hölle, deren unmenschliche Qualen Kenaau mit nüchterner Treue schilderte, die aber ob der uufaßbareu Zustände wie ein Roman anmutet. Frauen gehen lächelnd zum Galgen, wenn sie nur wissen, daß ihre Schüsse tötlich waren. Verzweifelte töten sich in Menge zusammen mit ihrem Opfer. Das leiseste Argument im russischen Verfassungskampf ist ein Revolverknall. Das ist nicht ein Krieg um Schall und Rauch, nicht der Trotz jugendlicher Exaltados, wie um ihren Besitz besorgte, fiden Lärm verdammende Spießbürger zu sagen pflegen. Denn jeder Mensch liebt das Läeu sehr und scheidet nur in Verzweiflung. Verzweiflung in ganz Rußland, Herr Präsident, verursacht durch die Rettung des Zarismus in Portsmouth! Ihre Person und Ihre Absicht in höchster Ehre, Herr Präsident. Die Kraft, die das Böse geschafft hat, hat das Beste gewollt. Sie mußten ja diesem Witte glauben und diesem Botschafter Cassini, die Ihnen das Himmelblaue vom Thronhimmel des Zaren für die Verfassung herunterlogen, die Sie gewiß als einzig denkbaren Lohn für die Bemühung Ihrer freien und großen Persönlichkeit verlangten. Die geschmeidige Unterwürfigkeit der russischen Staatsmänner täuscht ja diesseits der Grenze sogar mißtrauische Finanzmänner. In Paris schaut sogar der Arbeitermörder Wladimir wie ein Europäer aus. Nun müssen Sie es wohl geschehen lassen, wie es der Großfürstenpartei gegen die Revolutionäre gefällt. Es ist undenkbar, in einem fremden Staate eine Verfassung zu verlangen und man muß die Entscheidung zwischen Martinigewehren und Ekrasitbomben einfach abwarten. Schließlich hat die Regierung wenigstens die Form der Notwehr für sich, wenn sie auch geraubtes Gut verteidigt, eine Kriegserklärung ist erfolgt, die Feinde kennen einander und in diesem Kampf steht Mann gegen Mann. Gar kein Recht, gar keine Form, keine Spur von Gewissen und Menschlichkeit aber beachtet der Zarismus in seiner krankhaften Blutgier, diesem Kennzeichen jeder sterbenden Tyrannei, bei der Inquisition des zwanzigsten Jahrhunderts, bei den Progroms. Bei der Inquisition wie jetzt der Glaube als Ursache der Verfolgung friedlicher Bürger. Nur das Verfahren summarischer, sonst alles wie einst unter den finstern Dominikanern und noch ärger. Zu den Martern, l:em Tod ia jeder schrecklichen Art, der Plünderung kommt jetzt noch dre Entehrung der Frauen und Mord an hilflosen Kindern. Wir erkennen das Unglück nicht anders, als wenn wir uns hiueindenken. Mit unserer kühnsten Phantasie, Herr Präsident, haben wir nur Träume der entsetzlichen Wirklichkeit, bei deren Vorstellung jedem wirklichen Menschen der Herzschlag stille steht. Mit dieser verzweifelten Wirklichkeit bedroht der durch Sie gerettete Zarismus fichs Millionen friedlicher russischer Juden und von Zeit zu Zeit tobt seine Kraft gegen die Schutzlosen sich aus. Gewiß ist es wahr, daß unter den Juden sich viele Revolutionäre befinden, wenn auch lange nicht so viel, als russische Telegraphenagenturen glauben machen möchten. Aber urteilen Sie, Herr.Präsident, bevor Sie verurteilen! Würde man in Ihrer Familie die jungen Leute, den Stolz und die Hoffnung aller, grundlos wegiühren, um ihnen vielleicht nach Jahren den Prozeß zu machen und sie nach Sibirien zu schicken; würde man sie im Ansiedlungsrayon von Erwerb und Bildung absperren, sie wie einen Paria behandeln, ihnen Räuber und Mörder unter dem Titel Polizei auf den Hals hetzen, sie mit jeder Art von Quälerei bis zum Wahnsinn verfolgen — niemand anderer als Sie, Herr Präsident, der glänzende Reiterführer, würde seine rauKÜ riders versammeln und mit der Büchse auf Leben und Tod kämpfen. Vielleicht sind Sie doch anderer Ansicht. Aber fällt man über die Georgier her, wenn ihre Söhne Revolutionäre waren? Was geschieht den Generalen, deren Söhne und Töchter die erfolgreichsten Bombenwerfer sind? Aber selbst diese Abscheulichkeit ist eine perfide Lüge, daß man die friedlichen Väter der kriegerischen Söhne wegen massakariert. Warum die schuldlos, u Frauen, warum um Gotteswillen die Kinder? Die Juden Rußlands sind nichts anderes als die Sklaven und werden von den Großfürsten wie von altrömischen Cäsaren in Massen ihren Günstlingen geschenkt, damit sie von ihnen zu blutigen Zirkusspielen verwendet werden. Das sind die Folgen von Portsmouth. Noch einmal sei es wiederholt — es ist nicht der Schatten eines Vorwurfes für Sie, Herr Präsident. Das jüdische Volk schätzt und verehrt Sie in größter Dankbarkeit für Ihre schon bewiesene edle Teilnahme. Es ist keine Schuld vorhanden, nur Folgen sind zu verbessern. Und darum werden Sie hiermit gebeten, Hwr Präsident. Im Namen von sechs Millionen Menschen, deren Masse keine anderen Ziele hat, als Arbeit, Brot und Frieden und in Rußland nichts anderes erlebt als Hunger und blutige Verfolgung. Wir kommen nicht als Bettler zu Ihnen; wir tun aus eigener Kraft soviel, als diese Kraft ausreicht, wir sind auf der Flucht vor der Mördergewalt und suchen eifrig nach unserem Amerika der Freiheit. Ihnen ist es ein Leichtes, Herr Präsident, unsere niedrigsten Rechte für jeden Fall zu wahren, die uns der Zarismus verweigert, als lebten wir noch im