Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Sette 546 ü/c. JBiocb 3 tRUocbenöcbart Nr. 86 Herzen. Wer wollte dies leugnen? Und doch muffen wir sagen r Der Strahlenglanz des Judentums verklärte in jenen längstvergangenen Tagen die Hütte selbst des Unglücklichsten. Wo setzt Oede und Leere herrscht. Verlassenheit und Einsamkeit, da waltete in den Tagen der Vergangenheit Freude und Lust und Wonne, da war selbst das Häuschen des Aermsten erhellt vom Lichtstrahle, den das Feuer der Religion ringsum verbreitete. ... Ein Windstoß mahnt mich an die Gegenwart . . ich eile nach Hause . . noch gilt es, einigen Armen — solcher gibt es in der alten Gemeinde genug — eine kleine Gabe zu reichen, die ihnen ein wenig über die Not des Daseins hinweghelfen soll! . . . Mit dem nächsten Zuge begebe ich mich wieder in die Landeshauptstadt. . . . Während einiger Tage verklärt mir die Erinnerung an die Väter und Mütter, die längst dahingegangen, die Kämpfe der Gegenwart. . . . Welch eine Zeit ist angebrochen! Da morden sie wieder im Osten dieses alten Erdteiles unsere armen Brüder. Hat er nicht recht der alte «Prediger" mit seinem Worte? „Besser als der Gebuttsist der Todestag!" Im Elul 5666. Dr. Max G.d. Der importierte Krontigom. Roman aus dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. VI. Kapitel. Je mehr Asriel und der junge Talmudgelehrte sich Amerika näherten, desto mehr versank Prawly in einen goldenen romantischen Schimmer und desto höher im Ansehen stieg die große amerikanische Stadt; jeden Augenblick fielen ihm neue Vorzüge New-Iorks ein und immer teuerer wurde es seinem Herzen. Er kam nach Hause, das fühlte er jede Stunde inniger. Sandy Hook kam in Sicht. Kann es etwas Schöneres geben, etwas Erhabeneres, als den Anblick New-Iorks an einem schönen Sommertage, von einem fich nähernden Schiffe aus betrachtet?! Schaya erblickte in der entzückenden Wirkung der See und des Grüns und des Himmels eine neue Version seiner Vorstellung vom Paradies, wo fich hinter blühenden Gewächsen versteckt die rechtschaffenen, ehrwürdigen alten Männer über goldgebundenen Talmudbänden neigten. Doch überwältigt von der immer sichtbarer werdenden Größe dieser Riesenstadt überkam ihn das Gefühl der Verlassenhett nnd er klammerte sich an Asriel, indem er sich fest in ihn einhängte. Auf dem Deck war alles in Bewegung und ungeduldiger Erwartung. Der Dampfer brauste, die Passagiere putzten sich wie zum Kirchengang oder sie waren mit ihrem Gepäck beschäftigt und liefen mit nervöser Miene hin und her. Asriel zwinkerte mtt den Augen vor Freude und biß sich in die Lippen vor Ungeduld. „O, wie blau das Wasser ist", sagte Schaya wiederholt. „Amerika ist ein schönes Land, nicht wahr!" sagte Asriel. „Aber erst wenn Du meine Flora sehen wirst! Du mußt Dich bemühen, gut zu sein! Hatte fest am Talmud und kümmere Dich um nichts anderes. Und alles, was mir Gott an Reichtum gegeben hat, soll Dein sein. Ich habe keinen Sohn, der Kaddisch für mich sagen wird, wenn ich einstens tot bin, willst Du mein Kaddischl sein, Schaya? Wirst Du die Jahrzeit meines Todes halten?" frug er in flehendem Ton, wie. ihn der junge Mann noch nie vernommen. „Ja, das werde ich", antwortete Schaya wie ein gehorsames Kind. „Willst Du! Möge Dich Gott segnen, mögest Du lange leben! Ich werde Dir einen Palast zu wohnen geben und werde Dich behüten wie die Augen meines Kopfes. Ich bin nur ein Bauer, aber sie ist meine einzige Tochter, mein einziges Kind, mein ganzes Leben in dieser Welt." * * * Asriel hatte Flora im Ungewissen gelassen über den Tag seiner Ankunft, wie auch über den Namen des Dampfers. Nach erfolgter Landung ging er nicht dirett in seine Wohnung, sondern in ein großes Kleidergeschäft auf der Broadway, aus dem der Jllui ganz verwandelt herauskam. Statt seines schleppenden Mantels und der alten sonderbaren Mütze hatte er jetzt einen kostbaren „Prinz Albert" und den feinsten Strohhut und die elegantesten Schuhe, die im Geschäft zu bekommen waren. Eine steife Hemdbrust, ein hoher Kragen und eine fesche Kravatte hatten einen Anderen aus ihm gemacht. Asriel klatschte entzückt in die Hände und hielt ihn für den hübschesten und bestgekleideten jungen Mann der Broadway. „Es ist die Schechina, göttliche Allgegenwart, die auf ihn blickt", murmelte er zu sich selbst und führte den jungen Mann an der Hand wie einen Schulknaben. Dann strich er ihm die Seitenlöckchen, die in kleine Polstern ober den Ohren gewickelt waren, weg und hielt ihn nun für vollkommen amerikanisiert. Der Wunderknabe selbst fühlte sich furchtbar beengt in seinen neumodischen Kleidern, und wenn er sich in einem Schaufenster betrachtete, so war er über sein eigenes Aussehen nicht minder überrascht, wie über die vorbeieilenden Elegants und die vielen Equipagen. Asriel und sein Schützling begaben sich stillschweigend in die Wohnung, die Asriel selbst mit dem mitgenommenen Schlüssel aufsperrte. Sie traten auf den Fußspitzen in die Halle ein. Das kleine Haus erklang von Floras Klavierspiel und Gesang. Sie ließ eben ein trauriges Liedchen ertönen und Asriel horchte entzückt auf. Es schien ihm wie eine Begrüßung. Flora war allein zu Hause und ihr unbewußtes Willkomm war für Asriel umso süßer, als das Lied einen Schmerz verriet. Sein Herz schlug heftig. Schaya war voll Ehrfurcht, er hatte noch nie ein Klavier gesehen und nur vor den Fenstern des Gutsherrn hatte er hie und da den Tönen gelauscht. „Pst! Hörst Du? Das ist Deine Braut." Dann gingen sie zur Tür und küßten die Mesusah an der Tür. „Tamara", rief Asriel und blickte in Speisezimmer und Küche suchend umher. „Ach, sie wird einkaufen gegangen oder bei ihren Armen sein. Doch richtig! Heute hat sie ihren Fasttag. Du mußt wissen, sie fastet jeden Montag und Donnerstag." Dann betrachtete Asriel die Blechbüchse, die an der Wand hing, nahm seine Taschenbörse und warf einige Silbermünzen hinein. Es war eine Sammelbüchse, die zur Erhaltung armer alter Juden diente, die gegen das Ende ihres Lebens in das Land Israels, nach Palästina zogen. Jeder orthodoxe Jude hält in seinem Hause eine solche Büchse und so oft er einer Gefahr entronnen war, wirft er einige Münzen in die Büchse hinein. Asriel hatte den Ozean glücklich durchschifft und er spendete daher sofort eine Handvoll Silber. „Nun bleib hier stehen, Schaya, und rühre Dich nicht, bis ich Dich rufe", sagte er zu dem Jüngling und begab sich zu seiner Tochter. _ (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Dr. Zacharias Wolfs, Rabbiner, H a m m a g g i d. Anleitung zn Sabbath- und Festvorträgen. Verlag von Josef Singer, Hofbuchhandlung Straßburg i. E. u. Leipzig 1906. „Tod den Toten" von Max Brod. Mit Umschlagszeichnung von W. Senker, Verlag von Axel Juncker, Stuttgart-Berlin. Preis 8 Mark. Ein schön ausgestatteter Band, in welchem uns der jnnge Schriftsteller, ein Prager, elf Skizzen vorlegt. Der Amor zeigt große Belesenheit und Stilgewandtheit; er hat mit seinem Werke bte moderne Literatur im besten Sinne bereichert. Das Buch wird gewiß viele Leser finden. _ Briefkasten. S. Sch. Im Inseratenteile unseres letzten Blattes finden Sie die Adressen zweier Mädchenpensionate. Pensionate in England und der Schweiz können wir Ihnen nicht namhaft machen. N. Der Zar fährt also auf die Jagd, während ferne Truppen in Warschau auf die Jagd gehen. Er braucht die Erholung von den Pogroms sehr notwendig. Außerdem ist er zur See gegangen, um den stürmischen Gefühlen seiner Untertanen zu entgehen, die ihm donnernde Beweise ihrer Zuneigung geben und Zeichen ihrer Verehrung zu Füßen werfen wollen. Wenn es wahr ist, daß der Zar pro persona mit ausländischen Banken in Fühlung treten wolle, um eine Anleihe zu erhalten, da die Bedingungen für sein Finanzministerium geradezu demütigend sind, so hat er sich keinen besseren Augenblick aussuchen können als jetzt. Er kann Hypotheken aufnehmen auf das