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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-21 · 38 (21.9.1906) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Jü* Nr. 38 Dr. Wlocb's MlockenscbrM. Seite 545 in Breslau zum voetor philosophiae und wendete sich sodann dem Studium der Medizin zu. Nachdem er in Berlin das Doktorat der Medizin erlangt hatte, wurde er Assistent des Professors der Augenheilkunde Dr. Förster, ließ sich 1866 als Augenarzt in Breslau nieder, wurde 1868 Privatdozent, 1874 außerordentlicher Professor der Augenheilkunde an der Universität Breslau. Cohn hatte eine rege schriftstellerische Tätigkeit aus den verschiedensten Gebieten der Augenheilkunde entfaltet. Ganz hervorragende Verdienste hat er sich auf dem Gebiete der Schulhygiene erworben. In zahlreichen Publikationen, die sich auf ein sehr reiches Material von Augenuntersuchungen an Schulkindern stützen, trat er für die ärztliche Ueberwachung der Schuljugend und für die Anstellung von Schulärzten ein. 1883 erhielt Professor Cohn vom Kaiser Friedrich die goldene Staatsmedaille für Hygiene. Sein „Lehrbuch der Hygiene des Auges" ist 1892 in Wien erschienen. « Genf. Durch freiwilligen Rücktritt verliert die Genfer Universität in dem Philologiestrosessor Wertheimer eine ihrer ältesten Lehrkräfte. Ein geborner Deutscher, kam Wertheimer nach vollendeten theologischen Studien nach Genf, wo er seit dem Jahre 1858 die Stelle eines Großrabbiners bekleidete. Im Jahre 1874 wurde er aus den Lehrstuhl für Sprachenkunde berufen; er hat anfänglich eine bedeutende publizistische Tätigkeit entfaltet. Jerusalem. Jüdische Kapitalisten haben eine Konzession zum Bau einer elektrischen Tramway und Anlage elektrischer Beleuchtung in Jaffa erhalten. Feuilleton. Kemer Omans. Zum Graberbesuch just das rechte Wetter. Graue Herbstlandschaft in einer gesegneten Gegend Mährens. Es ist die Hanna, die ja auch ihren Dichter schon gefunden, die Hanna mit ihren nüchternen Malz- und Zuckerfabriken. Eine solche Mälzerei erhebt sich in der Nähe des alten „guten Ortes", aber hinter ihm haben sie eine Irrenanstalt erbaut; sie ist erst halb vollendet und doch schon ziemlich dicht bevölkert. Die Irren nehmen zu im Lande und man muß für ihre Unterbringung sorgen. ... In Strömen fällt der Regen hernieder auf das schwarze Ackerland und der Sturm peitscht die Bäume auf dem „guten Orte" ebenso, wie auf dem benachbarten christlichen Friedhofe, daß sie aufächzen wie im stöhnenden Schmerze. Durch Regen und Sturm eile ich mit dem mir seit Jahren vertrauten „Liberer" der alten, heiligen Gemeinde, um den Ort der Ruhe zu erreichen. Auf dem Wege erzählt mir der ehemalige Schulkamerad, wie schwer ihm die Versorgung seiner Kinder falle, wie sich nach und nach der Friedensort draußen fülle, wie die Gemeinde leider zurückgehe, wie sich die Juden mit Mühen ernähren, er kennt das Wort Boykott, das nahezu dem entsetzlichen Pogrom ähnelt . . . dann schreiten wir zähneklappernd weiter . . ., denn die Nässe und Kälte macht die erstarrenden Glieder erbeben. Wir denken der Vergangenheit; aber da leuchten sie mir schon entgegen die Worte der Aufschrift auf dem „Hause des Lebens". „Alles geht nach einem Orte, Alles ist geworden aus dem Staube, und Alles kehrt zurück in den Staub". Welche Gedanken steigen in unserem Geiste auf, da wir diese Worte lesen, die der zweifelnde „Prediger" Jahrtausende vor Schopenhauer gesprochen! Hätte der frankfurter Weltweise seinen Vorläufer besser gekannt und mit Aufmerksamkeit die Stelle seines Buches im 3. Kapitel, Vers 19—22 gelesen,vielleicht hätte er über den Optimismus des Semiten und seiner Bibel nicht so abgeurteilt, wie er es getan. . . . Doch, da öffnet sich die Pforte, mich grüßt das „Grab der Väter" und ich begrüße es auch mit den Worten uralter Gebete und Gedichte, die von Bewohnern von Lehmhäusern singen, aber auch von der allwaltenden starken Gottheit, welche die Toten belebt. Tröstliche Worte wechseln hier mit Sätzen voll wehmütiger, schmerzlicher Erinnerung. Das ist die richtige Selichoth- und Bußtagestimmung. Und die Stürme singen dazu ihren schmerzlichen Gesang und einförmig strömt der Regen hernieder. Dies aber hindert mich nicht, meinen Rundgang auf dieser Stätte des Todes — nein, — auf diesem Orte des Lebens — zu beginnen. Wenn ich draußen bin auf dem „guten Orte", da weiß ich, warum er von unseren weisen Altvordern als das „Haus des Lebens" bezeichnet wurde. Eine tiefsinnige, bedeutungsvolle Bezeichnung; nur eines herrscht unter diesen Lebenden nicht, das ist der Kampf. Und wahrlich darum sind sie zu beneiden und „zu preisen ist ihr Todestag mehr denn ihr Geburtstag". Sie wissen nichts von den Menschenschlächtereien, die wir Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts jetzt erleben; sie wissen nichts von all' der Mühsal, mit der von ihren Nachkommen das Stückchen Brot erkämpft wird; Rassen- und Nationalitätenstreit sind ihnen fremde Begriffe, und während das unschuldig vergossene Blut ihrer Brüder im fernen Osten aufschreit zum Himmel, hat sich tiefe Ruhe um sie gebreitet. In tiefe Gedanken versunken wandere ich von Grab zn Gra'. Und um mich her lebt es auf, und der Friedensort füllt sich mit längst versunkenen Gestalten. Die ganze Gemeinde taucht vor mir auf, Männer, Frauen, Kinder, die ich gekannt habe, aber auch viele, von denen mir nur das weise Wort des Vaters erzählte und die sanfte Rede der Mutter. Fast jede von allen diesen Personen verkörpert eine Geschichte. Wie viele solcher Geschichten könnten wir erzählen? Sie würden Bände füllen. Das ist es eben, wodurch die Gegenwart von der Vergangenheit, namentlich im Judentum, sich unterscheidet Der nivellierende Zug der Gegenwart gibt dem heutigen Leben die Einförmigkeit des ebenen Ackerlandes draußen. Die Vergangenheit schuf Individualitäten, wie wir sie besonders im Ghetto kennen lernten. Das waren Originale, die sich in der stillen Gasse entwickelten, Typen mit ausgeprägten Charaktereigenschaften. . . . Da stehe ich vor dem Grabe des alten „Dajans" der Gemeinde, er ist. wie der wohlerhaltene Grabstein mit Deutlichkeit kundgibt, 41 Jahre tot. Ich erinnere mich seiner noch s.hr gut. Es war ein dürres, ausgetrocknetes Männchen, „lernte" Tag und Nacht, während sein Weib dem Geschäfte nachging; denn schließlich mußte man doch leben, und auch die Gemarah kann man nicht essen. Der alte Dajan trug einen langen Kaftan und am Sabbat ein „Bretl" (Barrett). Beim fürstlichen Oberamtmanne stand er im hohen Ansehen. Dieser berief ihn zur Entscheidung in allen die Inden betreffenden Angelegenheiten, und deren waren nicht wenige. Denn alles kam vor den Oberamtmann, was das jüdische Leben betraf. Da galt es, einen hochwichtigen Streit über die Vorbeterfrage an den „Jomim Noroim" zu schlichten, dann wieder mußte eine schwierige „Familianten"angelegenbeit besprochen werden; hier handelte es sich um eine Besteuerungs- und dort wieder um eine Ehekonsensfrage. Solche weltliche Angelegenheiten störten unseren frommen Dajan oft von seiner Gemarah auf, aber er nahm alles hin, geduldig, demütig, ein Knecht Gottes und der Menschen. Seine Gattin aber, die fromme Schendel, machte inzwischen ihre einträglichen Geschäfte und sie ernährte den Gatten — der in diesen weltlichen Dingen unerfahren war, wie ein Kind — in Ehren. . . . Ein anderes Bild. Vor dem Grabe meines Talmudlehrers befinde ich mich. Nicht weit von diesem ruht „nach seinem Wunsche in der Heimat Erde" sein Sohn, der eine hohe Beamtenstelle in der Residenz bekleidet hatte. Der ulte Reb „Jokev" hätte nie geahnt, daß sein Sohn eine solche Stufe auf der Amtsleiter erklimmen werde. Reb Jokev lernte auch, wie der Dajan, aber er war eine härtere Natur, aus echtem Schrot und Korn. Die Stürme des Lebens sausten über sein Haupt hiweg. aber er wußte ihnen Stand zu halten. Er unterrichtete die Jugend im Talmud, und das besagt über ihn und sein Geschick alles. In tiefster Armut lebte er, aber murren hörten wir ihn niemals, im Gegenteil, er machte über sein Elend Witze, wie jener Jbn Esra des Mittelalters. „Der Herr ließ nnch mcht reich werden — hat ers eben bleiben lassen", so äußerte er sich in nicht ganz respektvoller Weise. Und mit einem sanften Rippenstöße, munterte er manches begriffstützige Knäblein, dem die Feinheiten der „Baba Mezia" nicht einleuchten wollten, zum rascheren Denken an . . . Da ist das Grab einer unglücklichen Frau. Ihre Weisheitsaussprüche leben noch jetzt im Gedenken ihrer Enkelkinder. Schwer geprüft hat sie der Herr. Sie sah Kinder hinabsteigen ins Grab und andere wieder abtrünnig werden von dem alten Glauben. Das alles hat sie überlebt. Endlich hat sie, die Neunzigjährige, der sanfte Todesengel mit allen ihren Lieben und Teueren vereinigt. „Ich sehe, der liebe Gott hat mich nicht vergesien", das waren ihre letzten Worte. Die Kluge, nun ruht sie auch schier 30 Jahre schon im Schoße der Mutter Erde. Einer ihrer Urenkel soll ein sehr hohes Amt bekleiden, wie man erzählt. Aber nicht einmal sein Name erinnert an den der Elternmutter . . . man wechselt heute den Glauben, warum sollte man nicht auch beu Namen ändern? . . . Mein Schulkamerad, der Liberer, mahnt mich zum Aufbruche. ..Du wirst Dich in diesem Wetter erkälten", ruft er mir zu. Nein, kalt ist mir nicht auf dieser Stätte des Todes, vielmehr hat das Herz sich erwärmt, und diese Wärme hat sich auf den ganzen Körper übertragen. Das Antlitz glüht, denke ich ihrer aller, der Guten und Frommen, die hier ruhen. Das Leben der Juden wag ja auch heute noch manches Schöne aufweisen, nie mehr jedoch kehrt sie zurück, die Gemütsinnigkeit, die wahre Frömmigkeit der Väter. Was könnten diese Gräber alles erzählen von echtem Heroismus, von bewunderungswürdiger Uneigennützigkeit, von rührender Anspruchslosigkeit, von dem gänzlichen Aufgehen in religiösem Idealismus, von Freude in Gott; mehr könnten sie berichten, als die beredtesten Grabsteine. Die Ahnen, sie haben gelitten, geduldet, gehungert und gekämpft und kein Schmerzens- oder Leidenswörtchen kam über ihre Lippen, denn mit ihnen war der Friede. - — Freilich, auch manche Namen lese ich hier auf den steinernen Denkmälern, mit denen sich keine freudige und freundliche Erinnerung verknüpfen will. Sie waren ja auch Menschen mit menschlichen Leidenschaften, und Neid und Mißgunst und Haß lebten auch in ihren

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