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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-21 · 38 (21.9.1906) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Llocv s MtocvenscvclN. Sette 639 darstellt und die mein Vater mir passend erläuterte, gewährte mir Befriedigung, ohne daß ich mir bewußt gewesen wäre, wie bedenklich sie einen der Grundpfeiler des alleinseligmachenden Glaubens erschütterte. . . . Ich habe bereits erzählt, wie in früher Kindheit mein Glaube an die ewige Verdammnis der Andersgläubigen und an die Unfehlbarkeit und sittliche Größe des Priestertums bedenklich erschüttert worden war. Ich hatte seitdem über diese und verwandte Gegenstände viel und ernstlich nachgedacht. Endlich kam die Zeit, da ich konfirmiert werden, oder, wie wir es nannten, „zur ersten Kommunion gehen" sollte. Als Vorbereitung wurde uns ein besonderer Unterricht in der katholischen Glaubenslehre durch den Religionslehrer des Gymnasiums zuteil. Ich gab mich diesem Unterrichte hin mit dem aufrichtigen und wahrhaft frommen Wunsche, meine Zweifel zu überwinden. Ich bildete mir sogar ein, daß dies gelungen sei, und so ging ich durch den Akt der ersten Kommunion in einer Art von religiös schwärmerischer Stimmung. Aber unmittelbar darauf meldeten sich die alten Skrupel wieder, und zwar stärker als je vorher. Was mir nach wie vor am meisten widerstrebte, war der Glaubenssatz, daß die römische Kirche nicht allein die einzig wahre, sondern auch die allein seligmachende sei und daß es außerhalb derselben absolut kein Heil, sondern nur ewige Verdammnis gebe; daß Sokrates und Plato, daß alle Tugend des Heidentums, daß mein guter, alter Freund, der Jude Aaron, daß selbst jedes neugeborne Kind, das zufällig ohne Taufe gestorben, unrettbar im ewigen Höllenfeuer brennen müßte; — ja, daß ich selbst, wenn ich an der Verdammnis jener Unschuldigen einen noch so ehrlichen Zweifel hege, auch zu den Ewigverlorenen gehöre. Gegen diesen Satz lehnte sich nicht allein meine Vernunft, sondern es bäumte sich gegen ihn mein tiefinnerstes Gerechtigkeitsgefühl auf, wie mir denn auch stets von allen Schandtaten menschlicher Grausamkeit, denen wir in der Geschichte begegnen, die religiösen Verfolgungen die empörendsten gewesen sind. Diese Lehre schien mir dem Wesen der göttlichen Allgercchtigkeit so schreiend zu widersprechen, daß sie nur dazu diente, mir die anderen Glaubensartikel verdächtig zu machen. Freilich versagen einige hohe Autoritäten in der Kirche dieser extremen und grausamen Lehre ihre Zustimmung und weisen den Seelen ungetanster Kinder und denen tugendhafter Heiden einen Mittelzustand zwischen Himmel und Hölle an. Aber gewiß ist, daß die Religionslehrer meiner Jugend mich so lehrten, wie ich hier angegeben habe. Sie taten dies mit der rauhen und erbarmungslosen Logik, die das Dogma von der Erbsünde und die gepredigte Notwendigkeit der Kindstaufe zu erfordern schienen. Welch ein Segen würde es für die Kirche sein und für alle, die unter ihren Einfluß stehen, wenn alle ihre Lehrer in allgemeiner Uebereinstimmung nicht nur ihren Gläubigen, sondern allen schuldlosen und tugendhaften, wenn auch ungetansten Menschenseelen den Himmel öffneten mit all seiner Glückseligkeit! Diese Gedanken beunruhigten mich furchtbar. Ich betete oft und inbrünstig um Erleuchtung, aber als Antwort auf mein Gebet kamen immer dieselben Zweifel wieder. Meinem Religionslehrer vertraute ich meinen Gemütszustand mit voller Offenheit. Wir hatten eine Reihe von Gesprächen, in denen er mir jedoch wenig zu sagen wußte, das ich nicht schon früher oft gehört hatte. Ich gestand meinem Lehrer freimütig, daß, während ich mich gern überzeugen ließe, er mich doch nicht überzeugt habe, worauf er auch mich von den kirchlichen Observanzen dispensierte, bis ich mich selbst würde gedrungen fühlen, dieselben wieder aufzunehmen. Er fuhr fort, mich mit Güte und Freundlichkeit zu behandeln und ich könnte nicht sagen, daß die Geständnisse, die ich ihm gemacht, mir im Laufe meiner Schulzeit irgendwelche Schwierigkeiten verursacht hätten. Ich meinerseits studierte Kirchengeschichte und Schriften dogmatischen Inhalts mit gesteigertem Eifer und benutzte jede Gelegenheit, Prediger von Ruf zu hören; aber je länger und ernstlicher ich diese Studien fortsetzte, um so weniger konnte ich den Weg zu den meinen Gerechtigkeitsgefühl widerstrebenden Glaubenssätzen zurückfindeu. Dabei blieb in mir ein starkes religiöses Bedürfnis tätig, eine tiefe Achtung vor dem religiösen Gedanken und ich habe nie einen leichtfertigen Spötter über religiöse Dinge ohne Widerwillen zuhören können." Nach diesen eines wahrhaft vornehmen und edlen Mannes würdigen Grundsätzen hat Schurz auch sein ganzes Leben hindurch gehandelt. Korrespondenzen. Zur Jahreswende. Von Jda Oppenheim. Nach des Tages heißen Gluten weht sanft ein milder Abendwind. Sein erquickender Hauch erfrischt schmachtende Blumen und Gräser. Schlaftrunken öffnen duftige Blüten ihre Kelche dem Abendtau. Friedliche - Stille lagert in Flur und Hain. Langsam schlummert alles Atmende, Blühende, Lebende im Abendsonnenschein ein. Noch einmal blitzt der Himmel in letzten Gluten, dann breitet Dämmerung ihre grauen Schatten über die Erde. Der Tag ist hin. — Um die heiße Stirn der Arbeitsmüden weht erfrischender Hauch. Die Hände ruhen lässig im Schoß, ein befreiender Seufzer hebt die Brust. Die Tagesarbeit ist vollbracht. Ruhe heischen die müden Glieder, die von Morgengrauen geschafft bis zur Mittagssonnenglut, bis zum dämmernden Abend. Ruhe heischt der Menschen Geist, der fort und fort gearbeitet, gestrebt, gekämpft, gerungen, Ruhe heischt die Seele, über die der heiße Lebensstrom des Tages dahinflutet, Ruhe das Herz, das in Hoffen, Sehnen, Bangen und Zagen gepocht, das in Freude höher geschlagen, in tiesstem Leid stillzustehen drohte. — Der scheidende Tag bringt die kurze Feierstunde, ehe er sinkt. Die Nacht breitet ihre Schwingen aus. Das Meer der Vergessenheit nimmt das Gewesene auf. Ein Tag ist vollbracht, eine kurze Spanne Zeit hat fich erfüllt. Ein Jahr ist vollendet und seine letzte Stunde gehört dem stillen Rückblick auf den Zeitabschnitt, der vorübergerauscht. Wohl atmet die Seele befreit auf, wohl klopft das Herz höher und die müden Glieder dehnen fich in behaglicher Ruhe. Eine gewisse feierliche Freudigkeit überkommt uns, denn ein Teil unserer Lebensarbeit ist vollbracht, die ersehnte Ruhe winkt. Doch die Feierstunde eilt, Dämmerung umfängt uns, der erste Stern glüht am mächtigen Himmel, mit ihm zieht ein neues Jahr ein. Wir-begrüßen seinen Einzug, den Blick nach oben gewendet, die Hände in heißem Flehen gefaltet, dunkel liegt das Kommende vor uns, dunkel wie der Nachthimmel, der fich über die Erde breitet. Doch wie die schimmernden Sterne diesen erhellen, wie ihr verklärender Schein das Dunkel lichtet, so strahlen in unserer Seele Sterne auf, die den Pfad, den unbekannten, erhellen, die uns führen und leiten, uns Mut und Kraft geben für die lange Arbeit des Jahres, das vor uns liegt. Sie führen uns durch dunkle Nacht, durch das schweigend kalte Morgengrauen, sie lassen die aufgehende Sonne uns erstrahlen. Sie schützen uns in der Mittagssonnenglut und leit-n uns dem Abend entgegen, ewig tröstend, erhebend, festigend und beglückend. Der Glaube, die Liebe, die Hoffnung, sie harren unser zur Jahreswende an den Pforten der Gotteshäuser, sie ziehen in unsere andachterfüllten Herzen, die dankbar dem Worte des Allgütigen fich öffnen, von ihm die Erfüllung ihres Höffens und Sehnens erbittend, ihm dankend für die Gaben, die seine milde Hand gespendet, ihn anflehend, daß sein Zorn fich wende und die Schrecknisse des Unglücks, die Trauer weichen. Der Glaube an seine nie endende Güte, die Liebe, die wir ihm entgegenbringen, mit der er uns umfängt, sie strahlt mächtig auf und Hoffnung zieht in unsere zagenden Herzen. Wir hoffen, daß wir, die wir unter Tränen gesät, Saaten der Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe mit Jubel ernten werden. Wir hoffen, daß die Wahrheit siegen, die Freiheit triumphieren, die Gerechtigkeit herrschen, die Liebe ihr Reich auf Erden ausbreiten werde. Wir hoffen, daß es der Macht des Wortes und dem Einflüsse der Schrift gelingen werde, in allen Kreisen der Ueberzeugung Raum zu verschaffen, daß das Judentum durch und durch von Gottes Größe und Liebe, der Liebe gegen jeden Stamm und gegen jeden Stand erfüllt ist. Wir hoffen von den Fürsten, daß sie Israel einen Platz in ihrem Herzen gewähren, von den Gesetzgebern, daß sie die Mahnung alles Edlen und die Forderungen der Humanität zum Gesetze erheben, von den Völkern, daß sie, besser belehrt, Israel brüderlich begegnen werden. Wir hoffen auf einen neuen hellen Tag, auf ein glückliches gesegnetes Jahr, in dem alle Völker einig und verbunden sein werden durch gleiches Recht, durch Liebe und Treue gegen Gott und Menschen, gegen Thron und Vaterland.

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