Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 638 Dr. Llocv's Mlocvenscvnn. Nr. 38 Der Stellvertreter des Baurates Architekt Reiser, Schlosserrneister Schulz, Glasfabrikant Fischmann Söhne, die Maler W e y g a n d und T h ü m m e l, Tischlermeister S t u k s a u. a. Für jeden hatte der Statthalter freundliche Worte der Anerkennung und Aufmunterung. Beim Verlassen des Teuchels sprach der Statthalter dem Obmann Rosenbaum die vollste Anerkennung aus und erklärte, daß seine lebhafte Anteilnahme sowie sein persönliches Erscheinen bei dergelungenen Feier die Anerkennung der vollen Gleichberechtigung aller Konfessionen sei. Die sämtlichen Ehrengäste und viele der Anwesenden beglückwünschten den Architekten zu dem vollendeten Werke. Nach 1 '/zständiger Dauer hatte die in harmonischer Weise verlaufene Feier ihren Abschluß. Um dieselbe hat sich außer dem Obmanne Ottomar R o s e n b a u m, dem Schriftführer Direktor Wertheimer und dem Baurat Stiaßny der Oberkantor K o r n i tz e r besondere Verdienste erworben, dessen prächtige Stimme und seelenvoller Gesang große Wirkung hervorbrachten; ferner der Chordirigent W a l l e r st e i n, der den Chor meisterhaft einstudiert und geleitet hat, und der gemischte Chor, der durchwegs aus jugendfrischen, wohlgeschulten Stimmen bestand. _ Herzog und Warenhaus. So muß es kommen. In einer Notiz des deutschen „Reichsanzeigers" heißt es: „In unser Handelsregister ist heute unter Nr. 394: Warenhaus des Herzogs von Pleß, Hanns Heinrichs XI., und als dessen Inhaber Se. Durchlaucht der Herzog von Pleß, Hanns Heinrich XI. in Pleß, sowie die Erteilung der Prokura an den Generalbevollmächtigten, Königl. Regierungsrat a. D. Gustav Keindorff zu Schloß Waldenburg eingetragen. — Man wird den Kummer der Antisemiten, die nicht müde wurden, über die Warenhäuser als eine Erfindung des jüdischen Geistes zu zetern, begreifen, daß nun ein veritabler preußischer Herzog auch unter die Warenhäusler gegangen ist. Bisher konnten sie so tun, als seien nur Juden verworfen genug, ein Warenhaus zu besitzen. Daß der Herzog von Pleß kein Jude ist, müssen selbst die Antisemtten zugeben, die sich sonst nicht genieren, ihn.en unbequeme Personen den Rockschößen der Juden anzuheften. Das geht nun hier nicht. Aber ein süßer Trost ist ihnen geblieben; sie können Klagelieder anstimmen über die fortschreitende Verjudung des deutschen Volkes, der sich selbst die Granden des Reiches nicht mehr entziehen, über die zunehmende Judenherrschaft, und was der albernen Klagen mehr sind. Goethe und die Juden. Das vierte Heft des zweiten Bandes der bekannten W. Bodeschen periodischen Publikationen „Stunden mit Goethe" enthält einen kleinen Aufsatz: „Der jüdische Gymnasiast", in dem Kunde gegeben wird von einem 1811 geführten Gespräche, das in der großen Biedermann'schen Sammlung von Goethes Gesprächen fehlt. Es stand ursprünglich in Joseph Wolfis (1796—1862) großem englischem Werke, der Selbstbiographie eines bekannten, hauptsächlich in England wirkenden Judenmissionärs. Dieses Werk muß in Deutschland gänzlich unbekannt sein, denn die sonst so gewissenhafte Biographie Wolfis in der Allgemeinen Deutschen Biographie, Band 44, erwähnt sie nicht und weiß demgemäß auch nichts von dem kurzen Aufenthalle Wolfis in Weimar. Wolfs kam, so schreibt L. Martens in dem angeführten Aufsatz von Bodes Zeitschrift, sechzehnjährig nach Weimar, um das Gymnasium zu besuchen, und wurde von Johannes Falk, dem bekannten Schriftsteller, einem sehr verdienten Philanthropen, der sich hauptsächlich um Waisenpflege und Rettung verwahrloster Kinder bemühte, freundlich ausgenommen und gefördert. Und nun erzählt Wolff selbst, von sich in dritter Person redend. „Eines Tages machte er mit Falk einen Spaziergang. Da kam ihnen ein Mann entgegen, der durch sein stattliches und imponierendes Aeußere auffiel. Wolff sagte, dgs ist gewiß Goethe, und auf die Frage, woher er das wifie, antwortete er: „Ich habe seinen „Egmont" gelesen, danach urteile ich. Denn nur ein Mann, der so aussieht, kann „Egmont" geschrieben haben." Goethe kam auf Falk zu und umarmte ihn treuherzig nach deutscher Sitte. Falk sagte: „Denken Sie sich, dieser Knabe erkannte Sie, weil er Ihren „Egmont" gelesen hat." Goethe fühlte sich dadurch geschmeichelt und streichelte ihm die Backen. Dann erzählte Falk: „Er will Christ werden und ein Mann wie Franz Xaver. Aber ich rate ihm, Jude zu bleiben. Denn als Jude wird er gewiß ein berühmter Mann werden. Tüchtige Christen gibts gar viele in der Welt." Da sagte Goethe zu Wolff: „Junger Mann, folgen Sie dem Triebe Ihres eigenen Herzens und hören Sie nicht auf Falk." Obwohl zwischen diesem Ereignis und dem Bericht fünfzig Jahre liegen, hält Professor Ludwig Geiger, der diese Reminiszenz in der „Allg. Ztg. des Judentums" mit einigen kritischen Randbemerkungen versieht, eine solche Aeußerung Goethes wohl für möglich und fügt hinzu: „Sie ist für ihn ungemein charakteristisch, ohne daß sie erlaubt, große Folgerungen für Goethes Gesinnung daraus zu ziehen. Am wenigsten darf man hier ein Verdammungsurteil über das Judentum sehen. Vielmehr kann man in ihr, wenn sie wörtlich richtig und dem Sinne nach ganz zutreffend überliefert ist, woran ja der Zeit wegen ein kleiner Zweifel erlaubt ist, nur die echt Goethesche, auch sonst häufig vorgctragene Mahnung sehen, der inneren Stimme zu folgen und sich in seinen Entschlüssen nicht von anderen wankend machen zu lassen. Auch darf man nicht sagen, daß durch Goethes Zureden etwa ein Jude in seinem Entschlüsse, die väterliche Religion zu verlassen, bestärkt wurde, denn Wolff war schon als dreizehnjähriger Knabe aus dem Elternhause entflohen, weil er innerlich mit dem Judentum gebrochen hatte und entschlossen war, dem Christentume sich zuzuwenden. In jedem Falle ist das kleine Begegnis, von dem man bisher nichts wußte, interessant genug und ein nicht unwichtiger Beitrag zu dem vielbesprochenen Thema: Goethe und die Juden." Ans dem Leben von Knrl Schurz. Der vor wenigen Monaten verstorbene, hervorragende, deutsch-amerikanische Staatsmann, auf den seine alte, wie neue Heimat in gleicher Weise stolz sein können, hat noch kurz vor seinem Tode „Lebenserinnerungen" *) abschließen können, die nicht nur wertvolles, historisches Quellenmaterial über eine der interessantesten Perioden der deutschen Freiheitsbewegung liefern, sondern auch in schlichter ungezwungener Darstellung das Selbstporträt eines freien edlen Geistes enthalten. Für unsere Leser dürfte insbesondere folgendes Glaubensbekenntnis aus seiner Jugendzeit von fesselndem Reiz sein: „Im Religionsunterricht wie auf der Kanzel hatte ich den Pastor wiederholt sagen hören, die katholische sei die allein seligmachende Religion und alle Andersgläubigen, Protestanten. Juden und Heiden, seien unrettbar dem ewigen Höllenfeuer verfallen. Protestanten gab es nun in unserem Dorfe und der Umgebung keinen einzigen. In der Tat konnten wir Kinder uns einen „Calviner", wie dort die Protestanten genannt wurden, kaum vorstellen; und als einmal ein durchreisender Fremder, ein preußischer Beamter, mir als Protestant bezeichnet wurde, betrachtete ich ihn zuerst mit halb furchtsamer, halb mitleidiger Scheu, und war dann sehr erstaunt, in ihm einen sehr würdig und angenehm aussehenden Mann zu finden. Einen Juden hatten wir im Dorf, der das Metzgerhandwerk betrieb und von dem wir und unsere Nachbarn einen großen Teil unseres Fleischbedarfes bezogen. Aber sonst kam man nicht mit ihm in Berührung. Dagegen sah ich einen anderen Juden namens Aaron, der in einem benachbarten Dorf wohnte, nicht selten in unserem Hause, und ich bemerkte, daß mein Vater sich bei jedem seiner Besuche in freundschaftlicher Weise mit ihm über allerlei Dinge unterhielt. Das wunderte mich. Aber mein Vater sagte mir, der alte Aaron, dessen Gesicht mir in der Tat immer besonders ernst und würdevoll vorgekommen war, sei nicht allein ein guter und rechtschaffener, sondern auch ein sehr kluger und aufgeklärter, ja, ein weiser Mann — rechtlicher, tugendhafter und weiser als mancher Christ. — Die Frage, ob nun auch ein so guter Mann wie Aaron durchaus zum ewigen Höllenfeuer verdammt sein werde, gab mir viel zu denken. Ich konnte mir das mit der Allgerechtigkeit Gottes nicht zusammenreimen. Bald machte mich mein Vater mit Lessings „Nathan der Weile" bekannt, und die Lehre der Duldsamkeit, welche diese Dichtung so anziehend *) Berlin, Georg Reimer.