Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 88 L)r. jbiocd s Mlocvenscvrtn. Seite 637 und schmachtet meine Seele nach den Vorhöfen Gottes, mein Herz und mein Leib jubelt dem lebendigen Gotte zu. Es findet der Vogel seinen Horst, die Schwalbe ihr Nest, worein sie ihre Küchlein birgt — ich habe Deine Altäre, o Ewiger!" und behandelte die Bedeutung und den Wert des jüdischen Gotteshauses in unserer Zeit für Gemüt, Familie und Leben. Ein mit großer Wärme vorgetragenes Schlußgebet schloß diese rhetorische Leistung ab, an die sich das Gebet für den Kaiser reihte, worauf der Chor mit dem Halleluja (Psalm 150) einfiel und das Olenu-Gebet die Einweihungsfeier beendete, welche allen Anwesenden unvergeßlich bleiben wird. Hoffen wir, das neuerbaute, prächtige Bethaus das religiöse Leben in unserer Gemeinde heben und kräftigen und in ihrer Entwicklung tatsächlich einen heilverheißenden Markstein bezeichnen werde. Vom Znbrmarkrt des Lebens. Die Einweihung des Kaiser Franz Joseph- Jubiläums-Tempels in Prag. In überaus feierlicher Weise fand letzten Sonntag, 11 Uhr vormittags, die Schlußsteinlegung und Einweihung des herrlichen Prachtbaues in der Jerusalemsgaffe statt. Lange vor Beginn des Festes war das Gotteshaus in allen seinen Räumen mit Gästen gefüllt, welche im Vestibüle von dem Exekutivkomitee, an dessen Spitze der ObmannOttomarRosenbaum und der Architekt Baurat S t i a ß n y aus Wien, begrüßt wurden. Die Kultusgemeinden von Prag und dessen Vorstädten, sowie viele auswärtige Kultusgemeinden und Korporationen hatten Vertreter entsendet. So waren erschienen: der Präses der Prager israelitischen Kultusgemeinde Dr. Rosenbacher, ferner Delegationen aus Karolinenthal, Sniichow, Pilsen, Gablonz, I g l a u u. s. w., ferner Kommerzialrat Grab, kaiserliche Räte Andres, Klatscher und Kubik, Kommerzialrat Schabet u. A. Kurz vor 11 Uhr erschienen die Vertreter der Prager Stadtgemeinde und der staatlichen Zivil- und Militärbehörden: Bürgermeister Dr. Gros mit zwei Stadträten, Polizeidirektor Hofrat K i' i k a w a, Regierungsrat Z e r b o n i, Hofrat Rzimek, Oberstaatsanwalt M e r h a n t, Staatsanwalt Mörstadt, die Oberlandesgerichtsräte Ungar und K v 6 t, General Pfeifer von Julienfels, Oberstlandmarschall-Stellvertreter Doktor W e r u n s k y. Um 11 Uhr erschien Statthalter Graf Coudenhove in Galauniform. Nach erfolgter Begrüßung durch die früher genannten Herren wurde der Statthalter unter den Klängen der Volkshymne, die von der großen Orgel herab ertönten, in den Altarraum zu dem unter einem Baldachin aufgestellten Fauteuil geleitet. Nach Absingung eines Chorales begrüßte der Obmann des Bau-Komitees die Gäste, insbesonders die Vertreter der Behörden, die Deputationen der Gemeinden und dankte allen, die sich um den Bau des prächtigen Gotteshauses verdient machten, wobei er insbesondere die Leistungen des Architekten Baurates S t i a ß n y hervorhob. Nunmehr verlas der letztere die Schlußstein-Urkunde in deutscher und Baumeister Alois Richter in tschechischer Sprache. Nachdem durch den Tempelchor Psalm 118 in vollendeter Weise vorgetragen worden war, wurde der Schlußstein in altherkömmlicher Weise eingefügt, worauf Baurat S t i a ß n y eine Ansprache an die Versammlung hielt. Er dankte vorerst dem Statthalter, sodann dem Bürgermeister und den übrigen Ehrengästen, durch deren Erscheinen die Feier verherrlicht wurde, für ihre Teilnahme an dem Feste. Einem ehrwürdigen Brauche folgend, gedachte er in dieser feierlichen Stunde seiner in Gott ruhenden Lehrer und Meister, der großen Künstler Van der Nüll und Siccardsburg, R ö s n e r und Dombaumeister Schmidt, sowie des zu seiner Freude noch am Leben befindlichen Professors Hofrat Z i t e k, eines vornehmen, feinfühligen Künstlers und Bürgers der Stadt Prag. S t i a ß n y erbat hierauf vom Statthalter die Erlaubnis zur Erteilung der drei Hammerschläge, welche als Symbol für die Vollendung des Baues und als ein Tribut der Ehre zu gelten haben, welchen jedermann der Arbeit zu zollen hat. Er schloß mit den Worten : „So knüpfen sich an den Bau des ersten jüdischen Tempels die Namen zweier weiser Könige, Salomon und Hieram. So ist auch mit den großen Baudenkmälern in unserem Baterlande, die unser Geschlecht mit Bewunderung in seiner Mitte erstehen sah, der Name unseres allergnädigsten Herrn für immerdar verbunden, durch dessen Initiative und unter dessen Schutz die Baukunst in Oesterreich zu hoher Blüte und zu größtem Ansehen gelangt ist." Nun erteilt der Redner als Erster die drei Hammerschläge, indem er seinen Wahlspruch verkünde: „Wer den wahren Sinn der Dinge will erschaue::, muß den Stein mit eigener Hand behauen." Nunmehr wurden die Hammerschläge vom' Baumeister Richter mit einer tschechischen, dem Stellvertreter Stiaßnys, Architekten Revier, mit einer hebräischen und dem Bauleiter des Baumeisters, Rudolf W e t t e l e s, mit einer lateinischen Devise begleitet, worauf noch zahlreiche mitwirkende Künstler und Handwerker die Hammerschläge mit begleitenden Devisen leisteten. Rabbiner Dr. Weiner erläuterte hierauf in tschechischer Sprache die Bedeutung des ewigen Lichtes, dessen Entzündung er sodann vornahm. Und nun erfolgte in feierlicher Weise der Einzug der Tyorarollen. Unter Vorantritt zahlreicher, weißgekleideter Ehrenjungfrauen, welche aus Körbchen Blumen auf den Weg streuten, unter Chorgesang und Orgelklang wurden die Thorarollen von den Tempelvorständen getragen, zu beiden Seiten von Ordnern mit brennenden Windlichtern flankiert, an der Spitze der Baldachin, unter welchem die drei Rabbiner einherschritten. In diesem Augenblicke bot das in allen seinen Teilen von einer dichtgedrängten Menge im Festrleide erschienenen Herren und Damen erfüllte Haus mit seinen schönen phantasievollen Formen des maurischen Stils, der reichen künstlerischen Bemalung und Vergoldung, den farbigen Kunstverglasungen und der glänzenden elektrischen Beleuchtung einen überwältigenden Anblick. Nachdem sich alle Teilnehmer des Einzuges im Altarraum aufgestellt hatten, wurden die schönen reichverzierten und vergoldeten Flügel der Altartüre geöffnet und unter Psalmgesang erfolgte die Einstellung der zahlreichen mit uraltem, kostbaren Schmucke bekleideten Thorarollen in die Bundeslade, deren Inneres durch unsichtbare Lampen glänzend beleuchtet war. Bei offener Bundeslade verrichtete Feldrabbiner Professor Dr. Kisch im Militärornate das Gebet für den Kaiser und das Herrscherhaus, für die Behörden, die Stadt- und Kultusgemeinde. Nunmehr hielt der Prediger des Jubiläums-Tempels Rabbiner Dr. Aladar Deutsch die wirkungsvolle Festpredigt in deutscher Sprache und schloß mit den Worten: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott geschaffen?" Zum Abschluß der Feier wurde die Volkshymne vom Tempelchor unter Orgelbegleitung in deutscher und tschechischer Sprache abgesungen. Hierauf erbat sich Baurat S t i a ß n y von Sr. Exzellenz den Statthalter die Erlaubnis, ihm die am Baue Beteiligten vorstellen zu dürfen. Vorher sprach Graf Coudenhove dem Erbauer seine vollste Anerkennung über den schönen Tempelbau aus und gab gleichzeitig seiner Freude Ausdruck, daß nach Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten das Gebäude, welches eine Zierde der Stadt Prag geworden, nunmehr vollendet sei. Er kenne seit langer Zeit die Tätigkeit Stiaßny's, kenne u. A. auch den großen von demselben Architekten erbauten Tempel in Kgl. Weinberge. Der Statthalter war sehr erfreut, daß der Architekt in seiner Ansprache des Meisters Hofrat Z i t e k gedacht habe, den er als Künstler und Menschen hochschätze. Nunmehr stellte der Architekt den Baumeister Alois Richter vor, welchen der Statthalter bereits aus seiner früheren Tätigkeit kannte und der sich auch bei dem schwierigen Tempelbau vollkommen bewährt habe. Noch wurden vorgestellt: