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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-21 · 38 (21.9.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 636 Dr aßiocb s EMocvensebrM. Nr. 38 Die Feier begann mit einer Ansprache des Architekten Miedet an den Präsidenten, worin er die glückliche Vollendung des Baues und das Verdienst aller Jener wirkungsvoll betonte, die das Zustandekommen desselben bewirkten. Hiebei gedachte er mit tiefer Rührung seines verstorbenen Meisters Fleischer, dessen tragisches Schicksal ihn die Vollendung dieses Baues, an dem sein ganzes Herz hing, dem sein letzter Wunsch gegolten, nicht erleben ließ. Die Antwortrede des Präsidenten Dr. F i a l l a wies alle die Vorzüge auf, welche die Reden dieses Mannes kennzeichnen. Sie verbinden Schlichtheit mit klassischer Eleganz, Sachgemäßheit mit Gefühlswärme und glauben wir deshalb chren Wortlaut mit geringen Kürzungen wiedergeben zu sollen. Dr. Fia lla sprach: „Mit innigem Danke für Gott, der uns den heutigen Freudentag erleben ließ, an dem wir eine neue Stätte seiner Verehrung weihen dürfen, übernehme ich, sehr geehrter Herr Architekt, den mir von Ihrer Künstlerhand gereichten Schlüssel, und durch dieses Symbol das in seiner Vollendung prangende Gotteshaus und gelobe namens unserer Glaubensgemeinde, es mit Treue zu hüten und zu erhalten. Ich begrüße diese hochansehnliche Festve'rsammlung, den hochverehrten Herrn Vertreter der Landesbehörde, das würdige Oberhaupt dieser Stadt, dessen beide Stellvertreter, die Spitzen der Baubehörde, denen ich für die wohlwollende Förderung des Baues danke. Ich danke Ihnen, Herr Architekt, daß Sie mit gereiftem Kunstsinne sämtliche Pläne für die Inneneinrichtung des Hauses und seine Ausschmückung entworfen, und alle Arbeiten sorgfältig überwacht haben, ich danke allen Werkmeistern und Gewerbetreibenden, deren Namen auf einer Widmungstafel im Vestibüle verewigt sind, daß sie einträchtig ihre Tatkraft und ihr Fachwissen in den Dienst des gottgefälligen Werkes gestellt haben, ich danke meinen Kollegen im Vorstande, und insbesondere den Mitgliedern des Baukomitees, sowie unseren pflichteifrigen Beamten für ihre Mühewaltung, und ich danke ganz insbesondere den frommen, wohltätigen Spendern, die zur Ausschmückung des Hauses beigetragen haben. Nur einem, dem dieser Bau Herzenssache gewesen, kann ich nicht, wie ich es so sehnlichst gewünscht hätte, Aug in Auge danken, Ihrem hervorragenden Meister und Lehrer, Herr Architekt, dem leider zu stütz einem arbeitsreichen Leben entrissenen geistigen Schöpfer dieses Tempels, dessen Sie in rührender Pietät gedacht haben, dem genialen Schüler des unsterblichen Eduard van der N ü l l und Friedrich vo «Schmidt, dem gottesfürchtigen Baurate Max Fleischer, der die höchste Bestiedigung seines künstlerischen Ehrgeizes im Baue von himmelanstrebenden Synagogen gefunden, dem Dichter in Stein und Eisen, der, wenig bekümmert um die Verteilung der irdischen Güter, schon bei Lebzeiten mit seinem Gotte im Himmel wohnte. Seine reine Seele, von irdischen Schlacken losgelöst, mag in diesem Augenblicke aus lichten Himmelshöhen segnend auf diese Festversammlung herniederblicken, mit Befriedigung auf diese herrliche Basilika, sein letztes Lebenswerk, sein Denkmal in der Hauptstadt seines engeren Vaterlandes, prunklos und doch in feierlich ernstem Stile gehalten, so recht ein Spiegelbild seiner selbst, des schlichten und bescheidenen Mannes von festgefügtem Charakter und unwandelbarer Ueberzeugungstreue. Seine trauernde Witwe, die, seinen ihr heiligen Wunsch erfüllend, von uns herzlichst begrüßt, zu unserer Freude in unserer Mitte erschienen ist, möge Trost darin finden, daß das Andenken des Edlen, Guten und Gerechten auch in unserer Gemeinde nicht erlöschen wird. Mir aber bleibt als kostbares Vermächtnis die dauernde Erinnerung an manche Stunden anregendsten Verkehres, in denen mir der echte Adel seines Gemütes und seines Herzens erwärmend leuchtete. Doch die Festesstimmung gestattet nicht, länger beim Tode zu verweilen. Dem Leben wiü>er zugewendet, senkt sich mein Blick in nicht allzuferne Vergangenhett und ich sehe meine GlaubensbrA»er Allerlei Demütigungen unterworfen, beschränkt in ihrer AufenthallsbewMgung in dieser Stadt, ausgeschlossen vom Grunderwerb, von Betätigung ihres Fleißes und ihrer Fähigkeiten. Und im Gegensätze dazu blinkt uns, wenn auch bebeschattet durch der Kultur hohnsprechende Barbarei in einem Nachbarlande hell und licht die aufgeklärte Gegenwart, ist es uns hier gegönnt, 52 Jahre nach der Einweihung unseres ersten Tempels als freie Männer auf freiem Grunde das zweite Gotteshaus seiner hehren Bestimmung zuzuführen, das unter Gottes Schutze Menschenalter hindurch der Zeiten Wechsel überdauern soll, ein Wahrzeichen von Duldung und Menschenliebe, ein Haus, das nach dem Schriftworte genannt werden könne ein Bethaus für alle Völker. Menschenliebe und Menschenverbrüderung wird auch in diesem Gotteshause von unseren ehrwürdigen Priestern gepredigt werden, denn Israel spricht ja so gerne zu allen Völkern, die ihm nur etwas Liebe, Humanität, Freiheit und Friedlichkeit entgegenbringen, namentlich zu allen, die den am Sinai verkündeten Dekalog als Grundlage ihres Sittengesetzes anerkennen, und insbesondere zu den Bekennern seiner Tochterreligion mit seinem Stammvater Abraham: „Lasse doch keinen Streit sein zwischen mir und Dir, zwischen meinen und Deinen Hirten, denn Verwandte sind wir ja!" — Daß wir aber in unserem teuren Vaterlande aus Knechtung und Zurücksetzung zur Anerkennung unserer Menschenwürde emporgehoben wurden, danken wir unserer weisen und gerechten Gesetzgebung, die gehandhabt wird im Namen unseres geliebten Kaisers, für dessen Glück und langes Leben in diesem Gotteshause tief empfundene Gebete zum Herrn der Heerscharen empvrsteigen werden. Beten wollen wir, daß unserem ritterlichen Kaiser sein Lebensabend dadurch verschönt werde, daß seine Völker seine wohlwollenden Absichten voll würdigen, daß sie, die noch immer nicht verlernt haben, gemeinsam auf dem Felde der Ehre zu sterben, wenn die Kriegsdromete dröhnt und die ruhmreiche Fahne auf dem Schlachtfelde voranweht, endlich auch lernen, mit- und nebeneinander zu leben, nur dem einen edlen Wettstreit huldigend, ihre verschiedenen Anlagen und Fähigkeiten dem Staatsganzen dienstbar zu machen. Bewährt in unserer Untertanentreue in lichten, aber auch in trüben Tagen bietet uns die heutige. Feier erwünschten Anlaß zur Absendung eines Huldigungstelegrammes an das Allerhöchste Hoflager, und in den Herzen aller Anwesenden lesend, die beseelt sind von aufrichtigster Verehrung für unseren Monarchen, dessen väterlich wohlwollendes Herz für alle Bewohner seines weitgedehnten Reiches in gleicher Liebe schlägt, blicke ich auf in dieser feierlichen Stunde zu Habsburgs altehrwürdigem Throne mit dem innigsten Wunsche: Gott segne, Gott erhalte, Gott beschütze seinen Gesalbten, Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät Franz Joseph I., unseren gütigen, milden, leutseligen Kaiser." Hierauf begann die synagogale Feier mit der Einbringung der Thorarollen durch Rabbiner, Kantor und Vorstand unter den Klängen des von Kantor und Chor angestimmten Einzugs- Psalmes 24 (sou scheorim). Der gesangliche und musikalische Teil der Feier wurde von unserem bewährten Oberkantor Heller und dem von dem trefflichen Dirigenten Schmidt geleiteten Tempelchore in meisterhafter Weise besorgt und trug zu dem erhebenden Charakter der Feier wesentlich bei. Nach dem Ausheben der Thora und dem üblichen Umzuge nahm Rabbiner Dr. Levy das Anzünden des ewigen Lichtes vor, das er in sinniger Weise mit einer gehaltreichen Ansprache entflammte, worin er das geistige Licht der Religion als die Sonne unserer inneren Welt bezeichnete und ermahnte, dem Ner tomid gleich beständig zu sein in der Ehrfurcht vor Gott, der Treue zum Judentum und der Liebe zu den Menschen. Der Segensspruch schehechejonn beschloß diese feierliche Handlung, worauf unter den mächtigen Akkorden des Sulzerschen Ez chajim die Lade geschlossen und eine deutsche Festkantate mit dem Texte von Jesaia 59, 21 nach Lewandowkis Komposition vom Chore vorgetragen wurde. Hieran schloß sich die von Dr. Levy gehaltene Festpredigt, die, gelungen nach Form und Inhalt, die Gemüter der Versammlung im Innersten erbaute. Dieselbe war auf den höchst paffenden Text, Psalm 84,. 1—3, aufgebaut: „Wie traulich sind Deine Wohnungen, o Herr! Es sehnt sich

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