Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 38 Seite 635 Dr. Llocb's MocvenscvrlN. Segen bringet nie dir die böse Tat." Früchte trägt dir nicht das geraubte Land, Fallen wird dein Vieh. Blitz dich töten selbst, Bettler werden wir alle, alle sein. Und dann bricht der Feind in die Heimat, Reißt in Fetzen, ach, alles rnss'sche Land. O, erwache bald, o, besinn dich rasch, „Alle Schuld verzeih liebend dir der Herr!" — So in stiller Nacht, knieend vor dem Kreuz, Bet' in Tränen ich für mein Reußenland .... Unterzeichnet ist das ganze Machwerk, wie schon erwähnt von der „Gesellschaft der gerechten Ordnung des heiligen Wundertäters Nikolaus." In Wirklichkeit steht die orthodoxe Geistlichkeit dahinter, und die Tatsache, daß jeder orthodoxe Russe das , weiß, genügt, um die russische Bevölkerung zur Mitwirkung an den Greueltaten des „Schwarzen Hundert" und der Soldateska anzufeuern. So, auf Anstiften der Diener der christlichen Kirche und unter Berufung auf den Begründer der christlichen Religion werden die schmachvollsten Judenhetzen in Rußland inszeniert, so wird gebrannt, gemordet, geschändet, geplündert im Namen des Heilandes der Christenheit! Das Präsidium der israelitischen Kultusgemeinde hat an sämtliche Gemeinderabbiner nachstehende Zuschrift gerichtet: Euer Ehrwürden! Angesichts der Vorgänge in Rußland und namentlich unter dem unmittelbaren Eindrücke der jüngsten erschütternden Nachrichten aus Rußland ist es gewiß allen Juden Herzensbedürfnis, dem Schmerze und der Trauer um ihre unglücklichen Glaubensgenossen Ausdruck zu geben. Die bevorstehenden Feiertage bieten hiezu Gelegenheit. Ich setze wohl voraus, daß Euer Ehrwürden in Ihren Predigten der beklagenswerten Opfer gedenken werden, bitte Sie aber, insbesondere auch in das M a s k i r g e b e t eine entsprechende Erinnerung aufnehmen zu wollen. Hochachtungsvoll Dr. Th. Lieben m. p. Der Präsident: Sekretär. Dr. Alfred Stern m. p. Die Einweihung der zweiten Synagoge in Kriinn. Die Errichtung einer neuen Synagoge in einer jüdischen Gemeinde bedeutet immer einen Markstein in ihrer Geschichte. Ist das erste Gotteshaus der Beginn ihres Daseins, so zeugt die Eröffnung einer neuen Andachtsstätte von der fortschreitenden Entwicklung der religiösen Gemeinschaft. Es war für die nach dem Jahre 1846 in Mährens Hauptstadt wieder angesiedelten Juden ein hehrer Tag, als am 17. September 1854 der nach den Plänen der Architekten Romano und Schwendenwein im maurischen Stile erbaute Tempel von dem hiezu nach Brünn berufenen Mannheimer eingeweiht wurde. Das Häuflein opferfreudiger Männer wuchs seither zu einer stattlichen Gemeinde heran und so kam es im Jahre 1872 zur ersten, im Jahre 1886 zur zweiten beträchtlichen Erweiterung des Tempels, die sich aber immer wieder als unzureichend herausstellte. Daneben bestand von allem Anfang in verschiedenen Lokalitäten eine Betstube nach alter Richtung, zuletzt seit 1870 in einem eigens hiezu erbauten, allerdings höchst primitiven Gebäude, das aber bei einem Besitzwechsel des Vorderhauses, in dessen Hofe es stand, der Abtragung verfiel. Als nun gar nach der Brandkatastrophe in Chicago eine Anzahl von Frauensitzen im Tempel kassiert wurde, drängte die Tempelbaufrage zur Entscheidung. Die Wahl der Baustelle bereitete, wie in allen großen Städten, die größten Schwierigkeiten, hier umso größere, als dieselbe das von den Leidtragenden (Awelirn) besuchte orthodoxe, im Innern der Stadt gelegene Bethaus in Bezug auf die günstige Lage vertreten sollte. So wurde nach langen Beratungen ein großes Haus (Nr. 11) am Therefienglacis erworben, deffen geräumiger, nach einer parallelen Quergasse (Ottgasse) gelegener Hof Raum für ein großes, nach allen Seiten freiliegendes Gebäude bot. Einen Uebelstand hatte dieser Bauplatz allerdings, daß die Ostfront nach der Gasse ging, so daß das Bethaus mit seiner westlichen Front, der die Hauptportale eröffnenden Stirnfaffade im Hose, dem Vorderhause gegenüber, allerdings in einer Distanz von durchschnittlich 9—10 Meter, d. i. einer Gaffenbreite zu stehen kam. Auch die gebrochene Baulinie in der Ottgasse bot eine störende Schwierigkeit. Die Verfaffung der Pläne wurde dem Architekten Baurat Max Fleischer in Wien übertragen, der sich mit wahrer Begeisterung einem Werke zuwandte, das als das erste seinen hohen Kunstsinn in seiner Heimat verewigen sollte. Der Plan hatte ein großangelegtes, für 750 Sitze berechnetes, in gothischem Stile gehaltenes Gebäude entworfen — allein die Ausführung desselben mußte unterbleiben, weil der verstärkte Vorstand vor den bedeutenden, auf 300.000 Kronen veranschlagten Kosten zurückschreckte. So mußte Fleischer ein zweites Projekt in kleinerem Maßstabe entwerfen, das aber immerhin auf 600 Sitze berechnet war, jedoch nur einen Kostenaufwand von 160—170.000 Kronen erfordern sollte. Dieses Projekt wurde angenommen und im Mai 1905 mit dem Bau begonnen, der im September 1906 vollendet und Freitag den 14. d. M., um halb 5 Uhr nachmittags eingeweiht wurde. Der Vorstand wollte der Feier ihren internen Charakter wahren und so wurden nur die Staatsbehörde und der Stadtrat hiezu geladen, statt einer Schlußsteinlegung nur eine feierliche Schlüsselübergabe durch den Architekten aufs Programm gesetzt. Als solcher konnte leider der im Dezember 1905 aus seinem arbeitsreichen Leben vom Tode hinweggerissene Fleischer nicht mehr erscheinen, sondern an seiner Statt sein langjähriger wackerer Mitarbeiter Architekt Johann M i e d e l, der das Werk seines Meisters zur Vollendung übernahm und in glücklicher Weise vollsührte. Die Uebergabs-Zeremonie, die vor dem Bethause stattfinden sollte, mußte des schlechten Wetters wegen ins Innere des Neubaues auf die Estrade des Tempels verlegt werden, in dem sich inzwischen eine dichtgedrängte, festlich gekleidete Menschenmenge, der gesamte Vorstand, die Vorstände der jüdischen Vereine, die Beamten der Gemeinde, die Bauleute, die Spender und die Ehrengäste, Statthaltereirat Ritter v. K u n d r a t i tz, Bürgermeister Ritter v. W i e s e r mit den beiden Vize-Bürgermeistern, der Baudirektor mit mehreren Bau- und Stadträten versammelt hatten. Das neuerbaute Gotteshaus ist im romanischen Stile erbaut, zeigt eine edle Gliederung und Formschönheit in den äußeren Fassaden, deren rückwärtige besonders durch eine der gebogene Baulinie sich anschließende Apside hervortritt. Die Jnnen-Architektur zeigt die Formen einer italienischen Basilika und wirkt durch die großartigen Verhältnisse, die Bogen- und Pfeilerstellung, die Ansicht der in 3 Etagen das Gebäude umgebenden Fenster und die dadurch erreichte Fülle von Lust und Licht geradezu erhebend. In die Apsis ist das Oran hakodesch verlegt, durch die Gläser der großen die Türen bedeckenden Steinrosette dringt von den Lünetten der Fassade das Tageslicht und bringt einen magischen Eindruck hervor. Es bestehen zwei Seiten und eine amphitheatralische Mittelgallerie für die Frauen. Die Männerfitze konnten leider trotz der dreischiffigen Anlage nur in zwei Gruppen angebracht werden, wegen der mittendrin stehenden Pfeiler. Die Akustik ist eine vortreffliche, auf Kommunikation, Lebens- und Feuersicherheit u. s. w. ist gebührende Rücksicht genommen; nicht weniger als 9 Portale eröffnen Zu- und Ausgänge zum Tempel, zu den Gallerien führen zwei Stiegen, die Beleuchtung (Auerlicht) spenden kunstreich gearbeitete Luster, Kandelaber und Wandarme in überreicher Fülle, die Beheizung versehen 20 Gasöfen, ein elektrischer Ventilator sorgt für die Lüftung. Das Gebäude wurde vom Baumeister Alfred Zeisel und der Betonbaufirma B. Fischmann & Co. (Decken, Pfeiler und Säulen) in solidester Weise ausgeführt, die innere Einrichtung und Ausschmückung zumeist von hiesigen, zum Teil von Wiener Hand- und Kunsthandwerkern, großenteils jüdischer Konfeffion, ausgeführt.