Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 634 Vr. Vwch's Wochenschrift. Nr. 38 Zur Genesis der Pogroms.*) Vor uns liegt ein interessantes Dokument, ein Flugblatt der russischen Reaktionäre, das in Hunderttausenden von Exemplaren unter der russischen Bevölkerung und vor allen Dingen unter den Truppen verbreitet wird. Unterzeichnet ist es von der „Gesellschaft der rechten Ordnung vom Namen des heiligen Wundertäters Nikolaus". Urheber und Verbreiter sind aber, wie uns von vertrauenswürdiger russischer Seite mitgeteilt wird, niemand anders als die russischen Popen, denen die „wahrhaft russischen Männer" und die Leute vom „Schwarzen Hundert" dabei mit fanatischem Eifer zur Hand gehen. Das Flugblatt ist ein sprechender Beweis dafür, mit wie nichtswürdigen Mitteln der russische Muschik gegen die jüdische Bevölkerung aufgehetzt wird. Es beginnt mit einer vollkommen erdichteten „Geheimrede des Großrabbiners an das jüdische Volk über das allgemeine Programm der Lebensführung". Dem Großrabbiner werden dabei Anschauungen insinuiert, welche die russische Bevölkerung, die natürlich die Rede für authentisch halten muß, nur mit zorniger Wut gegen die russischen Juden erfüllen kann. Man höre, was die gewissenlosen Judenhetzer den Großrabbiner sagen lassen. Nach ihrer Darstellung lautet seine „Geheimrede" wie folgt: Sett 19 Jahrhunderten kämpfen wir mit dem Kreuze . . . und unser Volk weicht nicht zurück und sinkt nicht zu Boden im Kampfe; wenn es sich über die ganze Erde zerstreut hat, so geschah es darum, weil ihm die ganze Erde gehören muß. Seine Macht wächst mit jedem Tage, wir haben jetzt den Gott in der Gewalt, den unser Aaron in der Wüste geschaffen hat, der der wirkliche Gott unserer Zeit ist. Erst wenn wir die wirklichen Herren des Goldes auf Erden geworden sind, dieser gewattigen Kraft, nach der der Mensch solche Begierde hat, werden wir erreichen, daß die tatsächliche Macht in unsere Hände übergeht. In keinem der ftöheren Jahrhunderte war in unsere Hände so viel Gold gegeben, wie im zwanzigsten Jahrhundert, und die folgenden Jahrhunderte werden uns gehören. Jetzt sind alle Kronen und regierenden Häupter von Schulden erdrückt, die sie zur Erhaltung ihrer Armeen machen mußten Die Börse reguliert auch diese Schulden, und die Herren der Börse sind wir. Die Staaten müssen in Schulden gestürzt werden gegen Verpfändung ihrer Eisenbahnen, Bergwerke, Wälder, Fabriken, unbeweglichen Güter, und schließlich müssen sie auch noch so weit kommen, daß sie ihre Steuern und Zölle für ihre Anleihen verpfänden. Das ist unser Programm. Unsere Anstrengungen müffen darauf gerichtet sein, daß wir Anteile am Grund und Boden erwerben; wenn das Eigentum der Grundbesitzer in unsere Hände übergeht, wird die Arbeit der christlichen Arbeiter für uns eine unerschöpfliche Quelle des Einkommens werden, denn der Proletarier ist der gehorsamste Diener der Spekulation. Wir haben in der babylonischen Gefangenschaft gestöhnt, jetzt aber sind wir mächtig geworden. Neunzehn Jahrhunderte lang sind wir Sklaven gewesen, gegenwärtig aber stehen wir höher als alle Völker. Aber wir müssen eifrig daran arbeiten, den Einfluß der christlichen Kirche, unseres gefährlichsten Feindes, zu schwächen, wir müffen unbedingt den Geist des Widerstandes in den zahlreichen christlichen Sekten erwecken und die Priester erniedrigen. Wir müssen uns der Lehrerstellen in den christlichen Schulen bemächtigen, der Handel und die Spekulation dürfen niemals unseren Händen entschlüpfen. Jeder Krieg, jede politische Erschütterung bringen uns dem Augenblicke näher, in dem wir unser höchstes Ziel erreichen. Wir müffen alle höheren Aemter in unsere Gewalt bringen, mit denen Privilegien, Ehren und Macht verbunden sind. Was dagegen diejenigen Aemter betrifft, zu denen Wissen, Arbeit und Mühe erforderlich sind — so können wir die den Christen überlassen. Die städtische Verwaltung ist eine Einrichtung, die für uns von größter Wichtigkeit ist, ebenso die maßgebende Stellung in allen Zweigen der Wissenschaft und Kunst. Ueberall müffen wir die Unserigen unterstützen. Wir müssen auch Mediziner sein, da die Aerzte in die intimen Geheimnisse der Familie eingeweiht werden und das Leben eines Teiles unserer Todfeinde, der Christen, in der Hand haben. Neben dem Golde ist die Presse von großer Wichtigkeit, und wir müssen in allen Staaten an der Spitze aller Tageszeitungen stehen. Unsere Interessen verlangen es, daß wir für alle sozialen Fragen zur Hebung des Loses der Arbeiterklaffe Sympathie an den Tag legen. Tatsächlich aber müssen wir das Proletariat vermehren, damit wir die Möglichkeit haben, die Massen zum Aufftand zu bringen, sie zur Selbstzerstörung, zur Revolution zu reizen. Solche Anzeichen kennzeichnen am deutlichsten das Resultat der Arbeit der Juden der ganzen Welt. So plump die Mache ist, so gut erfüllt sie ihren Zweck. Der ungebildete Russe schwört natürlich, daß diese „Geheimrede" des Großrabbiners authentisch sei. Kann man sich wundern, wenn das urteilslose und religiös leicht fanatisierte Volk ange¬ *) Die Entstehungsgeschichte dieses literarischen Bubenstückes, welches deutschantisemitischen Ursprungs ist, haben wir in Nr. 1 '.'ieses Jahrganges nachgewiesen. sichts solcher Verhetzung seinen niederen Instinkten die Zügel schießen läßt? Zumal da sich die gewissenlosen Hetzer nicht auf die Mitteilung der angeblichen „Geheimrede" des Großrabbiners beschränken, sondern an diese erdichtete Rede wilde Hetzreden knüpfen? Man höre, wie es in dem Flugblatte weiter heißt. An die „Geheimrede" schließt sich folgender Appell an die „rechtgläubigen Christen" : „Nehmet zu Ohren und höret meine Stimme; merket auf und höret meine Rede." (Jesaia 28, 23.) Rechtgläubige Christen! Im Namen des heiligen Jesaia bitten wir euch, uns anznhören. Die Stimme des Gewissens und die christliche Nächstenliebe fordern es von uns, ein wahres Wort auszusprechen zugunsten des leidenden, verirrten und in Sünde versunkenen Christen. Wenn ihr die Rede des Großrabbiners mit Aufmerksamkeit gelesen und ihren geheimen Sinn erfaßt habt, dann werdet ihr klar erkennen, daß alles sich nach dem jüdischen Programm vollzieht: alles Gold ist in den Händen der Juden, ebenso der Handel und ebenso alle Geschäfte. Die Juden haben uns so umgarnt, daß ohne sie fast kein einziges Geschäft erledigt wird. Nur die Regierung haben sie noch nicht in den Händen und nun verwirren sie das Volk, um in unserem Lande statt der Selbstherrlichen Regierung eine Konstituierende Versammlung einzurichten, in der anstatt unseres von Gott gesalbten Zaren der Jude Rußland beherrschen könnte. Glaubet, daß, wenn sie es verstanden haben, alles in ihre Hände zu bekommen, sie sich auch bemühen werden, nicht nur unsere Vorgesetzten zu sein, sondern auch ihren eigenen Herrscher einzusetzen. Das ist der geheime Hintergedanke der Juden, der erst jetzt offenbar geworden ist. „Fürchtet Gott, ehret den Zaren." Das ist unser Gebot und die Juden wollen durch ihr Streben zur Macht diese heiligen Worte aus unseren Seelen auslöschen. Barmherziger Gott, wie weit ist es mit uns gekommen! Werden wieder jene Zeiten zurückkehren, da kein Christ die heilige Kirche betreten konnte, ohne dem Juden dafür zu bezahlen? Es gab eine Zeit, da alle Tempel Gottes den Juden verpfändet waren. Das Herz krampst sich einem zusammen, wenn man an eine so schreckliche Vergangenheit zurückdenkt. Im Namen unseres Herrn Jesus Christus, der die Toten auferweckt, die Kranken und Gichtbrüchigen geheilt hat, kommt zur Besinnung! Noch ist es nicht zu spät. Laßt uns die Feinde unseres guten Zaren und unseres Vaterlandes ans unserer Mitte vertreiben, laßt unser heißes Gebet zu Gott dem Herrn aufsteigen, daß er unseren Verstand erleuchte' und unser Herz von allem Häßlichen reinige. Brüder in Christo! Alles das wird euch nicht gesagt, damit ihr all eure Not an den Juden rächet, die unserer Heimat und der gesamten Christenheit soviel Schmerz und bittere Qualen bereitet haben, sondern damit jeder von uns die wahre Ursache unseres Unglückes erkenne und klar sehe, wer unsere Feinde sind. Laßt uns dem Gebote Christi folgen ohne Unterschied des Glaubens, der uns befohlen hat, unsere Nächsten zu lieben. Aber laßt uns zugleich uns befreien von den Juden als den Feinden Christi und unser selbst! Laßt uns alle Beziehungen zu ihnen abbrechen und Gehorsam sein dem Worte des lebendigen Gottes — seiner heiligen Kirche. „Der Oberste im Lande aber ist der Zar" (Ekklesiastes 5 8) — diese heiligen Worte dürfen wir nicht vergessen, müffen sie vielmehr in unserer Seele tragen und daran denken, daß „dem Ehrlosen kein Heil widerfahren wird, und gleich dem Schatten" wird auch der dahinschwinden, der sich nicht beuget vor Gott." (Ekklesiastes 8, 13.) Gott hat uns geboten, „selbst in Gedanken uns nicht aufzulehnen gegen den Zaren" (Ekkl. 10, 20), und die Feinde haben sich erhoben Wider Ihn und verwirren die Herzen der rechtgläubigsten Christen, zu unser aller Schmerz. Freunde und Brüder in Christo! Der heilige orthodoxe Glaube, die Liebe und Treue zu unserem guten Zaren, die Pflicht gegen das Vaterland und die Ehre des echt russischen, rechtgläubigen Christen legen uns die Pflicht auf, den Agitatoren ein Halt zuzurufen, diese unsere Feinde, die das Volk aufwiegeln, den Behörden zu überliefern, denn nur so können wir unsere Fehler gut machen und aller Welt beweisen, daß unserer Seele nicht fremd sind die heiligen Worte Gottes des Herrn, der uns geboten hat, der Obrigkeit untertan zu sein, da „keine Obrigkeit ist, die nicht von Gott wäre". An diesen salbungsvollen Gallimathias, der unter der Maske christlicher Friedfertigkeit in schändlichster Weise die jüdische Bevölkerung verleumdet und die Russen gegen sie aufhetzt, schließt sich eine rührselige Jeremiade, die ihren Erfolg auf den für dergleichen verschwommenes Zeug sehr zugänglichen Slaven nicht verfehlen wird. Das Gewinsel lautet: O, mein Heimatland, teures Reußenland, Welch ein böser Geist fuhr in dich hinein, Daß du wutentflammt hin und her dich wirfst, Sengst und plünderst und keine Schonung übst. Höfe reiß'st du nieder, treibst das Vieh hinweg, O, besinne dich, teures Rmßenland, Komme zur Vernunft, lass' vom Bösen ab. Und der Väter Wort nimmermehr vergiß: „Ewig währet, was redlich du erwarbst,