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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-21 · 38 (21.9.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 38 Seite 633 ■ t f xaw«saz&avz L)r. JSiocb s Mocvenscvrln. Kurz — vollständige Reaktion! Der Zar, der lange schwankte, ob er sich der liberalen oder der konservativen Partei zuwenden solle, und der nach dem Attentat auf Stolypin und der Ermordung des Generals Minn selbst rascheste Einführung von Reformen forderte, steht neuerdings unter dem Einfluß des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch. Die Abreise Maria Feodorownas, der Kaiserin-Witwe, die ungeheuren Einfluß auf den Zaren besitzt und ihn von übereilten Schritten abhält, gab ihren Sohn ausschließlich in die Hände des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch, der mit ihm nun macht, was er will. Unter anderem wurde auch wieder von Durnowo gesprochen. Man glaubt, daß Stolypin gehen wird, da er sich dem von der „Sternkammer" bestimmten neuen Kurs nicht beugen will. Durnowo, mit dem eifrigst unterhandelt wird, wird für die allernächsten Tage hier erwartet. Man kann nun also einer ganzen Serie von Pogroms entgegensehen, vor allem in Warschau, Kiew und Odessa. Berlin. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt folgendes, vom 15. September datiertes Telegramm aus Siedlce: Der Beweis für das planmäßige Vorgehen bezüglich des Pogroms ist sehr mannigfach. Eine provokatorische Gewalttat seitens der Bevölkerung fand überhaupt nicht statt. Die Beziehungen der jüdischen zur nichtjüdischen Bevölkerung waren ausgezeichnet. Die Zahl der vollständig Ruinierten ist unübersehbar. Vorläufig ist es ganz unaufgeklärt, wo die ungeheure Zahl der bisher noch lebenden Juden geblieben ist und was mit ihnen geschah. Der Hilfsverein der deutschen Juden hat eine ganze Reihe von Telegrammen aus Warschau von hervorragenden Persönlichkeiten der verschiedensten Berufsstände erhalten, in denen das Ausland ersucht wird, zu intervenieren. Insbesondere wird daraus hingewiesen, welch außerordentlich große ausländische Kapitalien in Warschau gleichfalls in Gefahr kommen würden, wenn der angedrohte Pogrom inszeniert werden sollte. Der bevorstehende Pogrom in Warschau. Berlin, 15. September. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhält von einer vertrauenswürdigen Persönlichkeit in angesehener Stellung in Warschau den nachstehenden entsetzlichen Bericht: „Warschau, den 14. September. Meine teueren Freunde! Es ist bekannt geworden, daß ein schreckliches Blutbad den Juden in Warschau bereitet wird. Es steht dies fest. Wir haben das von einigen liberal gesinnten russischen und polnischen Offizieren erfahren. Auch jüdische Soldaten erzählen dasselbe. Die Chefs der hiesigen Regimenter haben in den Kasernen alle Soldaten, die Juden ausgeschlossen, versammelt und hielten vor ihnen heftige aufrührerische Reden gegen das Judentum im allgemeinen und insbesondere gegen die Warschauer Juden in bekannter Art und Weise. Aber nahe sei der große Tag, den der Zar selbst festgesetzt hat, an dem die Abrechnung mit den Gottverhaßten endlich stattfindet, um aus ihren Händen sein Volk, seinen Glauben und sein Land zu retten. So seid denn bereit! 90.000 Rubel seien von allerhöchster Stelle zur Verteilung unter die in Polen dienenden Soldaten bestimmt zum Zeichen der all«rhöchsten Anerkennung ihres treuen Dienstes. Kurz, es unterliegt keinem Zweifel, daß uns ein schreckliches Blutbad bevorsteht. Wir sind hier ganz machtlos. Alle Türen sind vor uns geschloffen. Unsere einzige Hoffnung sind unsere-Brüder und edle, zivilisierte Christen im Westen. Das Schwert hängt über unserem Haupt, die Todesgefahr schwebt vor unseren Augen. Um Gottes willen rettet, helfet! Laßt die Presse ihre Stimme erheben! Erweckt alle Männer der Schrift und der Tat, alle, die ein Herz besitzen! Redet zu den Großen, wirket ein auf jedermann, der Einfluß und Macht besitzt. Laßt nach Petersburg drahten, von hier aus ist es unmöglich. Tut, was euch möglich ist! Rettet die größte jüdische Gemeinde vor Tod und Verheerung! Behüte Gott! Ich unterzeichne meinen Namen nicht aus selbstverständlichem Grund, ihr kennet aber meine Handschrift." Der Hilfsverein der deutschen Juden fügt hinzu: „Wir können leider nach dem, was geschehen, an dem furchtbaren Ernst der Lage nicht zweifeln. Es scheint uns, daß der Augenblick für die Regierungen des zivilisierten Europas gekommen ist, ihre Aufmerksamkeit den V orgängen zuzuwenden, die nicht nur vom menschlichen Standpunkt aus entsetzlich sind, sondern die zugleich eine große politische und wirtschaftliche Rückwirkung auf Europa haben müffen." Eine Aeußernng Stolypins über den Pogrom. Berlin, 16. September. Der Petersburger Korrespondent der „Vosfischen Zeitung" meldet: Ich bin in der Lage, einige charakteristische Aeußerungen Stolypins über die Vorgänge in Siedlce mitzuteilen. Der Ministerpräsident billigt das Vorgehen des Militärs. Man müsse nicht, so meint er, nur einzelnen Personen, sondern vor allem den großen Maffen Achtung und Furcht einflößen. „Was soll man denn mit Leuten tun, die sich gegen die Regierung auflehnen," sagte Stolypin dieser Tage zu einem hervorragenden Politiker. „Man kann sie doch nicht alle vor das Gericht schleppen; das Beste ist, wenn man sie niederschießt." Der Hilssverein der deutschen Juden erhielt aus Petersburg folgendes Telegramm: Aus Siedlce, dessen Verbindung mit der Außenwelt wiederum außerordentlich erschwert erscheint, erhalten wir auf indirektem Weg die telegraphische Mitteilung, daß dort ein neuer Massenmord vorbereitet wird. Von absolut zuverlässiger Seite hören wir, daß mehr als 200 Personen, die aufs Geratewohl während des Pogroms verhaftet worden sind und bei denen Hausdurchsuchungen stattgefunden haben, nunmehr vor das Feldgericht gestellt werden. Dieselben Offiziere, die beim Pogrom beteiligt find, werden als Richter im Feldgericht sitzen, das binnen 48 Stunden die anhängig gemachten Prozesse zur Entscheidung zu bringen hat und Todesurteile fällen und sofort vollstrecken lassen kann. Es besteht die höchste Gefahr, daß massenhaft Todesurteile gefällt werden, um den Pogrom zu rechtfertigen und den Nachweis zu führen, daß eine große Anzahl Revolutionäre in Siedlce vorhanden gewesen sei. Auf diese Weise soll die Schuld verschleiert werden. Die Zeugen der entsetzlichen Vorgänge sollen beseitigt werden durch das Opfer einer neuen großen Zahl Unschuldiger. Daß revolutionäre Organisationen in Siedlce nicht vorhanden find, ist dadurch erwiesen, daß nicht ein Soldat während des Pogroms von der Bevölkerung getötet wurde. Das Londoner Komitee der britischen Juden, das ebenfalls die Mitteilung erhielt, daß die in Siedlce verhafteten Juden von einem Feldgericht abgeurteilt werden sollen, dessen Richter die Offiziere des Pogroms find, fügt der Publikation dieser Mitteilung hinzu: „Als Vertreter der britischen Juden protestieren wir gegen eine weitere Abschlachtung unserer unglücklichen Glaubensgenossen, deren Aburteilung entgegen den internationalen Gebräuchen verhindert werden muß. Leopold Rothschild. Montefiore." Mailand, 15. September. Zu einer „parlamentarischen Sympathiekundgebung für das um seine Freiheit kämpfende russische Volk" find alle Abgeordneten der äußersten Linken des italienischen Parlaments zum 20. September eingeladen worden. Viele demokratische und sozialistische Abgeordnete haben die Einladung bereits angenommen. Am Nachmittag desselben Tages wird außerdem eine Massenversammlung zum Protest gegen die Politik der russischen Regierung stattfinden. Pogroms. Wer führt zum Judenmassakre die Christen? Man weiß es: Kosaken und Polizisten! Wer gab zu ihren Löhnen das Geld? Das taten die Juden in aller Welt! Aus Baris und Wien das jüdische Gold Als Eisen und Blei in Rußland rollt. Sie gabens, Herrn Witte zu gefallen. Die Kurse steigen, die Juden fallen. So schlagen wahrhaftig, Potzfchwerenot, Die Juden selber die Juden tot. „Der Tag". G 7 i i I i e b.

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