Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 632 war unmöglich, denn tatsächlich war von niemandem außer von den Gendarmen und vom Militär selb st geschossen worden. Der Kommandeur blieb bei seiner Entscheidung, die Deputation mußte unverrichteter Sache nach Hause -mrückkehren. Am Sonntag Nachmittag kam Artillerie von Rembertow und Brest, außerdem noch ein Linienregiment. Das ständig in Siedlce garnisonierende Regiment ist das Regiment L i b a u, dasselbe, das bereits in B i a l y st o ck eine Probe seiner Geschicklichkeit in der Veranstaltung von Pogroms und von Räubereien abgelegt hat. In der Nacht vom Sonntag zum Montag zündeten Soldaten mehrere Häuser au. Die Bewohner, die sich aus dem Feuer retten wollten, wurden erschossen, sobald sie die Straße betraten. Auf diese Weise wurden 23 Häuser vernichtet. Drei andere Häuser wurden durch Geschütze zerstört, die unmittelbar vor den Häusern aufgefahren waren. Bemerkenswert ist, daß der.Lärm der Geschütze schwächer war wie der Lärm der Gewehrsalven vorher. Als die Artillerie angerückt war, wandte sich einer der Begleiter unseres Gewährsmannes an einen ihm bekannten Offizier schriftlich mit der Bitte, er möchte ihm doch die Erlaubnis verschaffen, Siedlce zu verlassen. Nach vielen Verhandlungen erteilte General Engelke diese Erlaubnis. Unser Gewährsmann hatte die Möglichkeit, von Artillerie geleitet, zum Bahnhof zu gelangen. Die Soldaten hielten es für notwendig, einen so weiten Umweg zu machen, daß es mehrere Stunden dauerte, ehe der Bahnhof erreicht war. Die Straßen waren teilweise buchstäblich mit Patronenhülsen übersät. Es müffen Zehntausende von Schüssen abgegeben worden sein. Die Artilleristen erzählten unterwegs, daß ihnen schon das Verständnis für die ganze Schrecklichkeit der Vorkommnisse aufgegangen sei. Man habe ihnen Gewehre gegeben, um sich an dem Schießen zu beteiligen, aber sie harten sich untereinander verpflichtet, nicht einen Schutz abzugeben, und sie hätten ihre Verpflichtung gehalten. Die Soldaten des Libauregimentes hätten Haufen Geldes; die Artilleristen bestätigten auch, daß die RevolverschLsse, die den Vorwand für das Vorgehen der Soldaten gegeben hatten, von Gendarmen abgegeben worden seien. Tatsächlich ist auch nicht ein einziger Soldat, Gendarm oder Polizist von einer Revolverkugel getroffen worden. Ein Soldat wurde von einer Gewehrkugel getroffen, und das geschah dadurch, daß ein Nebenmann, der mit dem Kolben eine Ladentür einschlagen wollte, dabei die Sicherung seines Gewehrs verlor und das rückwärts gewandte Gewehr losging. Am Dienstag hatten die Salven aufgehört, und es war Ruhe eingetreten. Die Bitte der Bevölkerung, die seit Sonnabend sich weder Speise noch Trank hatte bereiten können und Hunger und Durst litt, sich aus der Umgegend Brot holen zu dürfen, wurde abgelehnt. Am Dienstag nachmittag fand das Begräbnis jenes durch seinen Kameraden erschossenen Soldaten statt. Nach dem Begräbnis wiederholten sich die Szenen von Samstag Abend: Revolverschüsse der Gendarmen, Salven der Soldaten. Bei der Gelegenheit wurden zwei christliche Frauen erschossen. Am Dienstag wurde der Generalgouverneur General Engelke seines Amtes enthoben und durch General Sykalow ersetzt. Seitdem ist in Siedlce Ruhe. Eine Gewähr dafür, daß die Ruhe andauert, ist aber in keiner Weise gegeben. Jeden Augenblick können sich die Schreckensszenen für die Bevölkerung erneuern. Ist doch die Forderung man sollte die angeblichen Schuldigen, die Anarchisten, Sozialisten, Bundisten ausliefern, nicht zurückgezogen worden und kann doch naturgemäß die Forderung nicht erfüllt werden. Am Mittwoch sind auch die jüdischen Mitglieder der Dep u t a t i o n, die sich an den Militärkommandanten gewendet haben, darunter der Rabbiner, in Haft genommen worden. Besonders charakteristisch ist, daß die Stadt Siedlce bereits am Sonnabend früh abgesperrt war, die Post nicht in die Stadt Hineingelaffen wurde, kein Reisender hin- und herfahren durfte. Das war zwölf Stunden, bevor die angeblichen Anarchistenrevolverschüsse gefallen waren. Dagegen hatten die Soldaten von früher Stunde an von ihren Offizieren Schnaps bekommen. Am Abend war ein großer Teil der Soldaten bereits betrunken. Noch muß erwähnt werden, was allerdings nur von Artilleristen aus Brest mitgeteilt, aber noch nicht anderweitig bestätigt worden ist, daß das Regiment von Brest bereits Sonnabend früh die Ordre kannte, die es für Sonntag nach Siedlce rief. Ergänzend sei noch erzählt, daß in dem obenerwähnten Hotelrestaurant die Offiziere den Reisenden gesagt hatten, sie dürften unbesorgt sein, da ihnen in dem Hotel nichts geschehen würde. Die Herren Offiziere haben aber den Gehorsam ihrer Soldaten etwas überschätzt, denn am Sonntag nachmittags wurde in dem Restaurant kräftig geplündert, das große Buffet wurde von Grund aus vernichtet und zerstört. Daß dies programmwidrig gewesen war, zeigte sich, als der Truppenkommandeur die Plünderung bemerkte und ihr Einhalt tat. Leicht wurde es ihm nicht gemacht. Der Offizier, den er abgeschickt hatte, um den Soldaten zu befehlen, daß sie von ihrer Plünderungsarbeit Abstand nehmen sollten, wurde nicht gehört und mußte sich Gehorsam erst durch flache Säbelhiebe erzwingen. Unser Gewährsmann sah, wie einige Zeit nachher Körbe mit Kognak und Wein von Soldaten in das Restaurant zurückgebracht wurden. Nc. 36 Das Pogrom-Programm der „Sternkammer" Petersburg, 13. September. Die Sternkammer zeigt Leben. Bei der Spaltung, die in dieser „geheimen Regierung" vor einiger Zeit eintrat, gewinnt die ultrareaktionäre Richtung unter Führung des Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch und Pobjedonoszews die Oberhand, drängt zu den allerschärfsten Maßregeln, felbst zur Diktatur, und beginnt, die ausübende Gewalt äs faoto vollständig in die Hand zu bekommen. Premierminister Stolypin, der sich auf Seite der Minderheit, das heißt der Liberalen, befindet, fängt an, den Boden unter sich zu verlieren. Der Siedlcer Pogrom, der von „oben" organisiert wurde, brachte ihn zur Ueberzeugung, daß jene Macht, von der er in der Duma behauptete, sie sei in seiner Hand, nichts als ein Schein sei. Die Arrangeure des Pogroms, gut organisiert und reichlich mit Geldmitteln versehen, handeln ohne Wissen des Premiers, auf irgend jemandes Weisung und führen das aus, was der reaktionären Partei der „Sternkammer" angenehm ist. Jgnatiew, Pobjedonoszew und der Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch feiern ihren Sieg. Sie schöpften aus diesem Pogrom die Ueberzeugung, daß die Armee noch nicht vollständig revolutioniert ist und daß man mit ihr noch Taten vollführen kann, wenn sie in dieser Weise auf den richtigen Weg gebracht wird. Am 12. d., abends, fand in Peterhof eine geheime Beratung statt, an der alle Mitglieder der „Sternkammer" unter Vorsitz der Großfürsten teilnahmen. Hier legte Stolypin alle Nachrichten vor, die er über den Pogrom in Siedlce erhalten hatte, und protestierte in aufgeregter Weise gegen die dort vom Militär begangenen Greuel. Er verkündete, daß, wenn so fortgefahren würde, er demissionieren müsse. Von Tag zu Tag müsse er sich stärker davon überzeugen, daß Fürst Urussow recht hatte, als er in der Duma von der „geheimen Regierung" sprach, die über seinen Kopf hinweg wirke. Er sei in Gefahr, in den Augen der westeuropäischen Gesellschaft alle Achtung zu verlieren. Diese Rede Stolypins wurde vom Großfürsten Nikolaus Nikolajewitsch unterbrochen, der entgegnete, daß nur auf dem Wege der Strafexpedition die Revolution von Grund und Boden vertilgt werden könne. „In Siedlce," sagte der Großfürst, „wäre kein Pogrom entstanden, wenn die Juden die Revolutionäre ausgeliefert hätten, die General Sykalow von ihnen forderte. Ich verstehe und billige die Haltung dieses tapferen Soldaten vollkommen, der sich nicht besann, mit einigen Schüssen die Juden zu schrecken, um die Revolution auf Jahre hinaus zu vernichten. Ich bin überzeugt, daß, wenn General Skalon so energisch gehandelt hätte wie Sykalow in Siedlce, und wenn bei ihm so unerschrockene Vollzieher wie der Oberst Tychanowsky gewesen wären, wir in Polen schon lange keine Revolution hätten." Mit dem Großfürsten stimmten Pobjedonoszew, Jgnatiew und die anderen Reaktionären, die die Rettung Rußlands nur im Unterdrücken der freiheitlichen Bewegung mit Feuer und Schwert sehen, natürlich vollständig überein. Nach stürmischer Debatte wurde schließlich der Antrag Pobjedonozews zum Beschluß erhoben, überall, wo die Revolution Wurzel gefaßt habe, militärische Pogroms zu organisieren und so die Einwohnerschaft zu zwingen, die Revolutionäre auszuliefern. Vorher aber müsse der betreffeüden Stadt bekanntgegeben werden, daß sie, falls sie die Revolutionäre nicht ausliefere, zerstört werden würde. In jene Städte, in denen auch schon das Militär von der revolutionären Bewegung ergriffen ist, müffen für die Zeit solche Heeresteile gesendet werden, die sich als dem Zaren treu ergeben erwiesen haben. Mit dieser Taktik hofft die „Sternkammer" das Land zu beruhigen und zum Schweigen zu bringen. Graf Jgnatiew sagte: „Vielleicht werden, wenn wir die Kaufleute und Bürger zu erschießen beginnen, ihre Läden, Lager und Komptoirs zerstören, selbst die „Bundisten" einander anzeigen. Sie wollten nicht nehmen, was man ihnen gab, vielleicht wirken die Geschütz- und Gewehrkugeln." Dr. Mloeb s Mlocvenscdrm«