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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-21 · 38 (21.9.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 38 Vr. 1slvch"s WochenjUrriN- Gelte 63l Unter den vielen Tatsachen, die zur Unterstützung dieser Auffassung in Rußland in den am besten unterrichteten Kreisen von Mund zu Mund gehen, sind zwei besonders beweiskräftig. Als neuer Stadthauptmann für Rostow stellte sich General Dratschewsky dem Kaiser vor. Der Zar sagt ihm, sein Posten sei schwierig, da eine gemischte Bevölkerung mit vielen Juden Rostow bewohne. Als Dratschewsky erwiderte, die zu erfüllende Aufgabe fei leichter geworden, da durch die Pogrome viele Juden erschlagen, viele geflüchtet seien, schüttelte der Kaiser mit dem Kopf und fügte hinzu: Es sind nicht so viele tot; ich erwarte, es würden mehr sein. Diese Aeußerung ist allgemein in russischen bureaukraiischen Kreisen bekannt geworden, weil Dratschewsky nunmehr wohlgemut in seinen Kreisen erklärte: Er ginge leichten Herzens auf seinen Posten, weil er mit der Unklarheit und den Schwankungen der ministeriellen Politik nicht mehr zu rechnen habe; er sei beim Kaiser gewesen, und seitdem kenne er durch die obige Aussprache mit dem Zaren die allein maßgebenden Intentionen. Als Graf Witte der Nachweis geführt war, daß die bluttriefenden Pamphlete des Schwarzen Hundert in einer Geheimdruckerei, die sich im Ministerialgebäude selbst befand, hergestellt wurden, und als festgestellt war, daß diese selbe Druckerei auch gegen Witte selbst und gegen seine Frau schmutzige Flugblätter herstellte, und als ihm Fahnenabzüge dieser Flugblätter, mit dem Signum: „Druckfertig Trepow" vorgelegt wurden, weigerte sich der Ministerpräsident doch, rücksichtslos gegen die Urheber dieses Treibens vorzugehen und fest zuzugreifen. Er sagte bei der einschlägigen vertraulichen Konferenz: Und was soll ich tun, wenn wir Fahnenabzüge und Schriftstücke finden, auf denen nicht Trepow, sondern Nikolaus steht. Er kannte die Zusammenhänge, und er wußte, was bei der Verfolgung dieser Spur zu finden war, und so geschah nichts, als daß die Druckerei aus dem Ministerium verbannt wurde; ihre Tätigkeit wurde aber nicht behindert, und man wagte sich an den Leiter der Druckerei, der seine Rolle beim Schwarzen Hundert noch heute sehr aktiv fortspielt, nicht heran. Die Straflosigkeit, deren diese Elemente sicher sind, ob sie nun Pamphlete drucken, ob sie einen maßvollen Politiker wie Herzenstein meuchlings ermorden, oder ob sie eine Generalschlächterei in einer Stadt vornehmen, und nicht nur die Straflosigkeit, sondern die Gnaden, Belohnungen und Auszeichnungen, deren die Verwegensten und Ruchlosesten vielfach teilhaftig geworden sind, züchten in einem Lande wie Rußland mit seiner korrumpierten Bureaukratie und seiner zum Teil korrumpierten Soldateska ein ganzes Heer von Nachfolgern,^ deren Eifer nur einigermaßen in Schranken gehalten wird durch die Furcht vor Bomben und Revolverkugeln, der Gegenleistung der Extremen auf der anderen Seite, der Revolutionäre der Tat." Der Ueberfall von Siedler. Ein ausführlicher Bericht über die Schreckenstage in Siedlce ist dem deutschen Bureau der Alliance Jsraölite Universelle von einem den gebildeten Kreisen angehörigen nichtjüdischen Gewährsmann zugegangen. Das Bureau gibt von dem Bericht in folgender Form Kenntnis: Unser Gewährsmann war am Mittwoch, 5. September, nach Siedlce gefahren. Seine Droschke, die ihn nach seinem Hotel in der Warichawskastraße bringen sollte, wurde unterwegs von Soldaten a n g e h a l t e n, die ihn persönlich und sein Gepäck auf der Straße untersuchten und darauf passieren ließen. Am 8. September, Sonnabend, wollte er nach Erledigung seiner Geschäfte Siedlce verlassen. Im Hotel wurde ihm gesagt, daß dies unmöglich sei, daß ein strenges Verbot erlassen worden sei für jedermann, sich ans der Stadt herauszubegeben. Für diesen nämlichen Sonnabend, 8. September, hatte der Generalgouvernenr General E n g e l k e eine Verordnung bekanntgegeben, nach der die L ä d e n, die sonst regelmäßig abends 8 Uhr geschlossen werden mußten, bis 10 Uhr geöffnet sein durften. Von dieser Erlaubnis machten naturgemäß in erster Reihe die jüdischen Ladeninhaber Gebrauch, weil sie tagsüber, als am Sabbat, die Läden geschlossen hatten und gern die Gelegenheit wahrnehmen wollten, nach beendetem Sabbat noch Geschäfte zu machen. Unser Gewährsmann blieb gezwungenermaßen mit seinen Freunden im Hotel. In dem nämlichen Restaurationszimmer, in dem er sich befand, saßen an einem anderen Tisch mehrere Gardedragoneroffiziere. Abends 9 Uhr 15 wurden plötzlich Revolverschüsse gehört, so nahe, daß die Herren alle glaubten, es sei im Hofe des Hotels selbst geschossen worden. Einige Minuten später ertönten starke G e w e h r s a l v e n, die einander sehr schnell folgten und von allen Seiten kamen. So stark waren die Salven, daß mindestens 100 Gewehre zugleich abgeschossen sein mußten. Die Herren hätten gern ihre Zimmer im Hotel aufgesucht, doch wagten sie es nicht, das zu tun, weil die Fremdenzimmer in einem besonderen Haus mitten im Hofe gelegen waren und die Herren befürchten mußten, bei dem Passieren des Hofes von den Kugeln getroffen zu werden. Erwähnt muß noch werden, daß die Revolverschüsse immer von der gleichen Stelle in der Nähe des Hotels aus kamen, während die Gewehrsalven von allen Seiten krachten. Während die Herren bei Tisch saßen — die Offiziere waren immer noch in dem Restaurationszimmer zugegen — kam einer ihrer Freunde, ein polnischer Adeliger, gegen II Uhr abends zu ihnen, leichenblaß, verstört und erzählte das folgende: Er, der eben einen Gutsverkauf abgeschlossen und zu dem Käufer sich begeben hatte, der eine Auszahlung an ihn bewirken wollte, saß bei diesem in der Abwicklung des Geschäftes begriffen, an dem noch verschiedene andere Personen teilnahmen, als plötzlich alle Scheiben des Hauses klirrend zerschlagen wurden. Gewehrkugeln flogen durch das, Zimmer, schlugen durch die Wände und Türen, zerschossen die Lampe und löschten sie aus. Dann hörten die Erschreckten Schritte. Acht bis zehn Soldaten, zum Teil von einem Linienregiment, zum teil Dragoner, geführt von einem Dragonerwachtmeister, drangen in die Wohnung ein und gingen mit Säbel und Bajonetten auf die Erschreckten zu. Der Pole fragte den Wachtmeister, was denn mit ihnen sei. Die Antwort war ein — B a j o n e t t st o ß. Einer glücklichen Wendung des Polen war es zu danken, daß das Bajonett zwischen Arm und Körper durch den Rock fuhr. Der Pole hielt das Bajonett fest, benutzte die freie Hand, um aus seiner Weste einen Geldschein zu nehmen und durch Darreichung seine Bitte um Freilassung dem Wachtmeister gegenüber zu unterstützen. Der Wachtmeister nahm den Polen unter den Arm und führte ihn fort. Vergeblich war der Versuch, auch den anderen Schutz zu gewähren. Der Wachtmeister erklärte, daß er für nichts stehen könnte, wenn jener sich nicht sofort mit ihm entferne. Er hörte das Geschrei der Männer, einer Frau, eines Kindes, sah, daß sie alle mit Kolbenschläge malträtiert wurden. Er wurde von dem Wachtmeister zu dem Hotel zurückgeführt. Die Offiziere hatten die Erzählung ruhig mit angehört, hörten auch mit an, daß die anderen Anwesenden über die Borkommniffe ihr Urteil deutlich zu erkennen gaben und — blieben sitzen. Erst um 11'/, llhr verließen sie das Lokal. Die in dem Restaurationszimmer zurückgebliebenen Gäste mußten sich endlich entschließen, da gerade eine kleine Ruhepause eingetreten war, in das Hofgebäude zu gehen und dort ihre Zimmer aufzusuchen. Von Schlafen war natürlich keine Rede. Zwischen 37* und 4 Uhr erhob sich großer Lärm. Der Korridor wurde aüfgebrochen und Soldaten erschienen. Dank der Klugheit des Portiers, der den Soldaten sagte, daß ein Oberst mit seiner Frau eben zu Bett gegangen sei, wurden die Soldaten etwas ruhiger und begnügten sich, in einigen Zimmern „Gepäcksrevisionen" vorzunehmen. Die Revisionen waren für sie nicht ergebnislos. Doch wurde nichts für die Reisenden Belastendes gefunden. Das Hotel war übrigens wirklich von Offiziersfrauen stark in Anspruch genommen, die verheirateten Osfiziere hatten ihre Frauen dahin gebracht. Sie wußten, was sie taten, denn sie wußten im voraus, was geschehen sollte. Von ihren Zimmern aus konnten die Fremden konstatieren, daß die R e v o l v e r s ch ü s s e, von denen oben die Rede ist, alle aus der Gendarmeriekaserne kamen, deren Fenster zwar nicht unmittelbar auf den Hof des Hotels führen, aber ganz in seiner Nähe gelegen sind. Jeder Versuch, etwa Hilfe zu bringen, wäre vergeblich gewesen. Die Kugeln flogen so dicht, daß, wer den Kopf aus dem Fenster steckte, fast sicher sein durfte, getroffen zu werden. Während der kurzen Pausen zwischen einer Gewehrsalve und der anderen hörte man Hilferufe und Angstgeschrei von Männern, Frauen und Kindern. Während der Nacht wurden sämtliche Läden in den vier Hauptstraßen — Siedlce hat nicht viel mehr als diese Straßen — ausgeplündert. Nach beendeter Plünderung drangen die Soldaten in die Wohnungen ein und verübten dort namenlose Greueltaten. Ein Osfizier ritt in den Hof eines Hauses, wo er alle Bewohner des Hauses versammelt fand. „Hände hoch!" rief er den Leuten zu. Dem Befehl wurde Folge geleistet. Nur ein fünfjähriges Kind folgte dem Rufe nicht. Der Offizier schoß das Kind mit seinem Revolver nieder. Ein Soldat trat aus ihn zu und sagte ihm, daß er ein Offizierskind getötet habe. Dafür erhielt er von dem Offizier eine Ohrfeige. Am Sonntag Morgen trat eine Art Ruhe ein. Die Soldaten waren müde geworden und stimmten Siegesgesänge an. In diese Siegesgesänge hinein tönte das Geschrei der Verwundeten. . Eine D,e putation von Bürgern, Christenund Juden, ging zu dem Kommandeur der Truppen und bat ihn, er möchte doch mit dem Schießen aufhören lassen. Der Kommandeur antwortete, daß er so lange schießen lassen werde, bis sämtliche Anarchisten, Sozialisten und Bundisten ausgeliefert seien, denn diese hätten mit dem Schießen begonnen. Die Forderung zu erfüllen,

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