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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-21 · 38 (21.9.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
38 (21.9.1906)
Date
1906-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 630 Dr. Llocv's Mocbenscbrttr. Nr. 38 zu lassen, die den Schrecken der russischen Juden aus todmüden Füßen durch Europa tragen. Unsere Reichen werden aber vielleicht wieder die Mörder der russischen Juden mit reichen Mitteln fördern, belohnen und unterstützen, damit sie ja keine andere» Sorgen haben, als das alte Spiel fortzu-. setzen. Die Großen des Geldmarktes müssen einen Pogrom mit gemischten Gefühlen sehen. Einerseits sind sie Juden, namentlich jetzt an den hohen Feiertagen, andererseits entwickelt die russische Regierung im Ausiedlungsrayon kolossale Energie, die Regierung steht also fest, die Prozente sind gesichert. . . . Ein bitterer Jahresanfang, an welchem man Glückwünsche für Jeden und für das ganze Volk ausspricht und doch weiß, daß sie nicht in Erfüllung gehen werden. Denn die furchtbaren Drohungen in Warschau lassen für jeden Moment das Schrecklichste befürchten — in dieser Beziehung wird in Rußland nie zum Scherze gedroht — und sie zeigen, daß ein altes System neuen Anfang nimmt, das furchtbare System des November, das jeden erschütterte, der auf den Titel Mensch Anspruch macht. Was damals im russischen Süden sich an Schrecknissen ereignete, das wird jetzt von der Großfürstenpartei offenbar für den Westen vorbereitet, Gassen voll Leichen, geplünderte Straßenzüge, zerschossene Häuser im Judenviertel. Mächtiger als alle schönen R'eden Stolypins sind die Reden der Oberste in den Warschauer Kasernen. Gesetzt den Fall, die größte jüdische Gemeinde der Welt käme für diesmal mit dem Schrecken davon, mit der Verhaftung hunderter Unschuldigen, mit den vielen Opfern der Militärpatrouillen. Wie lange wird es bis zu einem neuen Ausbruch dauern And wie viele werden in der Mördergrube ansharren können und wollen? Ganz sicher wird im Strom der Auswanderung wieder Hochwasser eintreten und das hat weit mehr an sich als den Hunger der brotlosen Emigranten. Man wird zwar wieder notgedrungen optimistisch rücksichtslose Politik treiben und viele Auswanderer über die russische Grenze zurückschicken, damit sie dort die Lösung der russischen Judenfrage abwarten. Aber weit mehr noch von ihnen werden dieser Art der Wohltätigkeit im Selbsterhaltungstrieb ausweichen und mangels an Mitteln zur Weiterreise Europa überschwemmen. Dann wird das Gesetz vom Wachsen des Antisemitismus mit der Zahl der Juden bei uns hier in Wirksamkeit treten, die Judenfrage wird auch hier dringender werden, weil unsere wenigen offenen Berufe bis zum Hilfshandwerker beim Bau überfüllt sind, dann werden die vielen Reibungsflächen mit der christlichen Bevölkerung noch vermehrt werden. Die Machthaber vieler europäischer Staaten haben sich gegen diese Gefahr kurzerhand mit Einwanderungsgesetzen geschützt. Ob sie früher oder später Nachahmer finden werden, ist weniger fraglich als wahrscheinlich. Was aber geschehen wird, wenn die letzten Ventile des russischen Hexenkessels gesperrt werden, das kann wirklich nur eine höhere Macht wissen. Auch das eine traurige Erwartung des neuen Jahres. Alle Hilfe von außen ist untätig und schweigt, wir Juden müssen allein tun und reden. Wir können doch unmöglich weiter der Holzstock sein, in den jeder Beliebige sein Beil schlägt, wir wollen nicht wieder in Warschau Gottesdienste aus Furcht für Leib und Leben absagen. Zwar sind wir verdammt zur Wehrlosigkeit und können an Rache nicht denken. Aber unsere Verzweiflung findet Auswege noch offen, sowohl um die Gegenwart zu erleichtern, als auch um die Zukunft zu beeiuflussen. Es leben und wirken genug große Ideen im jüdischen Volke, um ihm Zuflucht und Asyl zu schaffen. Auf die Unterstützung großer Massen berechnet, verlangen sie vom Einzelnen nur eine geringe Unterstützung. Diese wird jedem zur Pflicht, da es sich darum handelt, den jüdischen verhaßten Stiefkindern des.Schicksals eine Ruhestätte zu geben, wo sie der Gnade und Ungnade der Völker auf Jahrhunderte entrückt sind und vom Boden die Lebeusmöglichkeiteu beziehen sollen, welche ihnen die Menschen verweigern. Für den seßhaften Stock des Volkes bleibt eine andere Art wichtiger Vorsorge. Wir haben in unserer letzten Nummer einen höchst lehrreichen Artikel gebracht, wie liberal Rußland vor siebzig Jahren war. Der Zar selbst besuchte eine jüdische Schule in Odessa. Wären die heutigen Zustände gekommen, wenn die russischen Juden beherzte, kluge Führer gehabt hätten? Aber sie haben aus lauter Interesse für andere an sich selbst vergessen und die ersten Ausbrüche antisemitischer Willkür fanden sie zerfahren und machtlos. Wohl gehen unsere Befürchtungen nicht bis zur russischen Grenze, aber der besorgte Politiker ist immer der bessere und höchste Vorsicht ein selbstverständliches Gebot. Kräfte sammeln — das ist unsere nächste Aufgabe, die energisch angepackt sein will. Die Duckmäuser und Besorgten sollen ihre Bedenken unter den Tisch werfen. Man muß ja keinen Krawall machen, aber noch viel weniger schweigen, wenn sich Feindseligkeit meldet. Fahnenflüchtig vor dem Feinde wollen wir nicht werden und können wir nicht werden. Uns verstecken und ausweichen ist unmöglich, wo Daseinsberechtigung und Hauptzweck so vieler Parteien der Antisemitismus ist. Folglich muß die Macht stark sein, die wir ihnen entgegensetzen. Die Jugend muß durchtränkt werden mir Stolz auf die herrliche Geschichte und den kulturellen Wert ihres Volkes. Die Alten müssen mit aller Kraft und Leidenschaft sich an jüdischen Angelegenheiten beteiligen. An der Spitze der Vereine, Verbände und Gemeinden müssen Juden stehen, die ihren Brüdern treu ergeben sind, damit gemeinsame Fragen einhellig, gut und rasch die Antwort bekommen. Unsere Fürsprecher vor der Oeffentlichkeit müssen geradezu geaicht sein. Sie müssen uns gehören mit Leib und Seele, mit ihrem Kopf und dem Herzen, keine Rücksicht nehmen als auf uns und nur für uns leben. Solche Männer und solche Tatkraft werden sich finden, wenn man den Odem eines neuen jüdischen Lebens spüren wird, wenn die Juden geschlossen und mutig auf den Kampfplatz der Völker treten wollen. Möge jeder jüdische Bürger mit diesem Vorsatz den neuen Zeitabschnitt beginnen, möge er etwas von der Zeit und den Mitteln seines Vergnügens dem Judentum opfern! Wenn Arbeit der Regent des neuen Jahres wird, dann wird Freude ihr Vasall, und wir dürfen hoffen, daß wir jenseits der Schwelle Besseres finden, als uns der Blick versprach. Und im Zeichen der Arbeit und des Kampfes entbieten wir trotz allem dem jüdischen Volke und jedem jüdischen Bruder mit altjüdischer Hoffnungsfreudigkeit unsere herzlichsten Glückwünsche. I. Uprimny. Die Berichte aus Rußlaad. Wer ist der Schuldige? Wir lesen in der Berliner „Nation": „Nachdem lange hindurch die Formel zur Erklärung dieser Ereignisse gelautet hatte: der Schuldige ist die Kamarilla; so lautet heute die Formel: Nur der Zar selbst kann die treibende Ursache solcher Politik sein; und gegen diese Auffassung, die allgemein verbreitet ist, spricht nichts. Es ist Tatsache, daß wegen der furchtbaren Metzeleien, die sich auch gegen gänzlich Harmlose, gegen Frauen und Kinder, gerichtet haben, nie ein Schuldiger zur Verantwortung gezogen worden ist; es ist Tatsache, daß die Bureaukratie im Lande wie die Militärs der Ueberzeugung sind, sie entsprächen den Intentionen des Zaren, wenn sie rücksichtslos durch terroristisches Blutvergießen nicht nur gegen die Revolutionäre, sondern auch gegen jede Opposition Vorgehen, und daß namentlich die Pobjedonoszewsche Politik einer Opferung der sogenannten Fremdvölker, der Finnen — soweit noch möglich, — dann der Eschen und Letten, der Deutschen, Polen, Juden und Armenier fortgesetzt werden müsse. Es ist bekannt, daß das Schwarze Hundert sich bei seinen Agitationen direkt aus den Wlllen des Zaren beruft, und. es ist gleichfalls nachweisbar, daß die Minister vor diesen aus Peterhof geschützten Elementen Halt machen, und zwar selbst dann, wenn fie in eigenem Interesse zugreifen möchten.

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