Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 38 (21.9.1906)
- Date
- 1906-09-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 38 Dr. Bloch’s Jahrgang 1X111 Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Audentums. Wim, 21. September 1906. — £r scheint jeden Freitag. =: Brief-Adresse: TSQUen, IX/1, JBerggasse 39. Telegramm-Adresse: JSlocb's TDCHocbenscbttft, IXUten. Inhalt: Leitartikel: Neujahr. — Berichte aus Rußland. — Die Einweihung der zweiten Synagoge in Brünn. — I ahrmarkt: Die Einweihung des Kaiser Franz Joseph-Jubiläums-Tempels in Prag. Herzog und Warenhaus. Goethe und die Juden. Aus dem Leben von Karl Schurz. — Korrespondenzen: Zur Jahreswende. Antisemitische Strömung in österreichischen Richterkreisen. Mährischschlesischer Studententag. Esseg. Halle a. S. Paris. Woher stammt Exzellenz Dernburg? — Vermischtes: Wien, Jglan, Kojetein, Olmütz, Neurausnitz, Nikolsburg, Holleschau, Trebitsch, Teplitz, Komotau, Jaslo, Budapest. Tod des Professors Dr. Hermann Cohn. Genf. — Feuilleton: Kewer Owaus. Der importierte Bräutigam. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. 3-& K. k. Postsparkassen-Arnt Glearlng-Werftebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/t» JBetggasse IRt. 39. Telefon IVr. 14.847- ©-ft »-..-- Bezugspreis für Vestrrreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mol gespaltene Petitzeile 24 Heller. *-ft Den geehrten Lesern, Gönnern und Freunden wünschen wir aus Anlass des Jahreswechsels mud nö'Tim nynb Die Redaktion der „Oesterreichischen Wochenschrift~ Dr. JOS. S. BLOCH. Neusahr. Gedrückt von ihren Sorgen und Schmerzen, erhoben von ihren Hoffnungen und Wünschen, tritt die Judenheit wieder über die Schwelle eines neuen Jahres. Das schon ist ein Wunder der Neuzeit. Denn das friedfertigste Volk der Welt kommt aus dem Schlachtenlärm gar nicht heraus. Die Flucht könnte es retten; aber es hat Anspruch auf die Hochachtung der Welt, indem es die Ruhe verschmäht, die mit dem Preis von Ehre, Treue und Gewissen erkauft werden müßte. Steht weiter wie eine Mauer um seine Tempel, diese Burgen seines Geistes im Feindesland und stirbt für seinen Namen und Glauben, da es für sie nicht leben kann. Gerade Neujahr, dieses Neujahr, wo sich der Geist zu einer Umschau und Vorschau erhebt, zeigt uns unser Volk in seinem Märtyrerleid und seiner Heldenkraft, die uns mit Liebe, Bewunderung und Stolz erfüllen. Es scheint, als hätten all die brünstigen Gebete des letzten Jahres, der Notschrei gequälter Herzen den Himmel unbarmherzig verschlossen gefunden. Grauen und Haß verrohter alter Zeiten blicken noch heute mit grausamen Augen durch die Fenster unserer Synagogen. In Marokko schweifen blutgierige Wüstenräuber um das Judenviertel, den Juden in Persien ist der Fanatismus der Priester ein drohendes Schwert, selbst in unseren Asylen brennt schon der Boden, wir hier zittern um die wenigen Fäden, die uns noch mit dem Erwerbsleben und den Gesetzen verbinden, in Galizien und Rumänien ist für Tausende die Schiffskarte über See der erste Schimmer des Glücks, und Rußland . . . Der Bluttaumel, in dessen ärgstem Wüten der Zar spazieren fährt und die Großfürsten ihre hohen Verwandten in Deutschland besuchen, das Toben berauschter Kanaillen und des Abschaums der Menschheit lähmt vor Entsetzen unser Denken. Rasende Wut möchte nach Waffen schreien und schreit aus Wut über unsere elende Ohnmacht. In Siedlce hat die in der Mandschurei geohrfeigte Armee wieder ihren lang verhaltenen Heldenmut spielen lassen, geführt von einem Obersten, der sein Gehirn unter Branntwein setzte, um in die richtige russische Verfassung eines Verbrechers zu kommen. Auf den Befehl eines Trunkenbolds in Uniform, wie sie zu hunderten die wackelnden Stützen des Zarentrones bilden, fielen jüdische Mädchen und Frauen einer viehischen Soldateska zum Opfer, unschuldige Menschen erlitten unter furchtbaren Martern den Tod, Kanonen donnerten gegen das Recht und die Menschlichkeit wurde von Flintenschüssen und Bajonetten durchlöchert. Und kein Blitz fährt in diesen Frevel, kein rächendes Meer begräbt ihn zu unterst in seinen Wogen? Arme Blutzeugen unseres Elends! In eurer Bartholomäusnacht ward sogar eure Hoffnung gemordet und eure Sicherheit wird nur so lange dauern, als es die gute Laune der Verfolger duldet. Die Leute, die in Siedlce dem Tode entrannen, der tagelang Luft und Erde erfüllte, riefen mit gellendem Angstschrei nach Europa herüber um die Hilfe des Auslandes und ihrer Brüder. Das Ausland! Die Völker leben in einem ewigen Diruenstreit darüber, welches von ihnen schöner, mächtiger und edler sei, aber wenn die jüdischen Bettler kommen, um Edelmut und Macht gegen den schändlichsten Meuchelmord an Massen von Wehrlosen anzurufen, dann werden sie von den Edelsten und Mächtigsten mit kühler Berechnung des Vorteils zurückgewiesen. Und wir Juden selbst! Was können wir tun, was werden wir tun? Der jüdische Bürger wird in Protestversammlungen der Oeffentlichkeit klagen, was die Regierungen nicht hören, er wird einen Tropfen auf einen heißen Stein schütten, indem er sich wieder die Steuer der Bruderliebe auferlegt, um statt zerstörter Millionen ein Stück Brot zu schaffen, um die hunderte und hunderte von Flüchtlingen nicht verhungern