Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021694--15733-3040515- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 37 Dr. Mocb's Wocbenscbrttt Seite 635 lebende Prawly nur um einige Häuser vermehrt, so hatte sich die Anzahl der im toten Prawly Wohnenden beinahe verdoppelt. Die Grabsteine waren von höchst bescheidener Pracht. Sie waren verwittert vom Alter und vom Wetter zerstört, die meisten waren aus schlichtem Holz hergestellt und trugen als Erkennungszeichen allerhand häßliche, unzeremoniöse Gegenstände, wie alte Blechstücke, bodenlose Töpfe, weggeworfene Hüte, Schuhe und dergl. All dies erhöhte die Tragödie dieses Ortes. Das Ganze übte eine Wirkung geheimnisvollen Schweigens und tiefe Trauer erfüllte Asriels Gemüt. „Vater, Vater", begann Asriel in lautem Synagogenton und fiel bei einem alten Grab nieder, unmittelbar nachdem der Kantor sein Gebet verrichtet und sich zurückgezogen hatte. „Ich bin es, Asriel, Dein Sohn, erinnerst Du Dich? Ich bin den weiten Weg aus Amerika gekommen, um Dich zu bitten, für mich und mein Kind zu beten. Sie ist ein gutes Mädchen, Vater, und ich bin bemüht, sie auf den Weg des «Rechtes zu führen. Sie ist im Begriff, den größten Gelehrten der Gottes-Gesetze zu heiraten. Bete, daß der Junge Gunst finde in ihren Augen! Du weißt es, Vater, ich bin nur ein Bauer und weh mir! Ich habe viele Sünden. Aber jetzt versuche ich mich aufzuraffen und ein guter Jude zu werden. Wirst Du den Allmächtigen bitten, meine Buße anzunehmen?" frug er mit wachsendem Pathos. „Du bist Ihm nahe, Vater, erbarme Dich Deines Sohnes und bete, daß seine Sünden ihm verziehen werden. Willst Du für ihn beten, willst Du? Aber noch mehr ist mir um Flora zu tun. Blume ist ihr jüdischer Name. Was bin ich noch? Ein morscher Mensch! Aber Flora sie ist eine Blume. Stehe vor dem Allerhöchsten und bete, daß kein böser Hauch sie mir fortträgt, daß kein böser Blick sie beleidige. Das arme Kind verlor seine Mutter, als sie ein Säugling war und sie ist der einzige Trost, den ich auf der Welt habe. Aber Du bist ihr Großvater, wirst für sie beten!" Asriels Gesicht strahlte, als er sein Gebet beendet hatte. Seine Augen waren trocken, aber seine Seele war voll Tränen und Poesie und ergoß sich in leidenschaftlichen, herzbrechenden Tönen. „Was ist der Unterschied zwischen jenem Blatt und mir?" sagte Asriel zu sich selbst. „Warum solltest Du Dir ein anderes Ansehen geben? Asriel leiste keinen Widerstand, sei gut und fromm und trage Gott im Herzen und mache keinen ungebührlichen Lärm. Sei so still, wie das Gras. Horch, der Leichenwagen kommt um Dich, die Beisteuerglocken klingen, der Todesengel steht mit seiner Axt bereit ... Oh bete für Deinen Sohn!" „Vater" schrie er in Schrecken. Er hielt inne. Eine Biene summte in seiner Nähe, sie schien auch zu beten und ihre Gesellschaft stachelte Asriels Herz auf. „Oh Vater, ich habe Dich 35 Jahre nicht gesehen", wiederholte er und horchte dabei auf seine eigene Stimme. „Wo sind die fünfunddreißig Jahre hingekomme.r? Kann ich Dich nie Wiedersehen, kann ich Dein geliebtes Gesicht nicht sehen und zu Dir sprechen?" „Erinnerst Du Dich, wie ich auf Deinen Knien saß und später in der Synagoge mit Dir Gebete sprach und wie Du mich beim Ohr gezogen, so oft Du mich ertappt hast, daß ich im Gebetbuch nicht weiter wußte. Ist alles vorüber, alles?" Er hielt inne, als ob er auf Antwort warten würde. Dann sagte er mit bitterem Lächeln: „Der Vater ist still. Nicht ein Wort sagt er und wenn Du Dich in Stücke reißt. Alles ist vorüber, Asriel." Seine Stimme brach, seine Worte erstarben in dumpfen Schluchzen. Seine Seele flehte den Vater an, ihm Zugang zu verschaffen in die feierliche Heiligkeit seiner Welt! Als Asriel wieder aufgestanden war und sein Auge auf einen Grabstein fiel, der gerade so aussah wie der seines Vaters, runzelte er die Stirn wie aus Eifersucht. Auf dem Wege zum Grabe der Mutter, das im älteren Teil des Friedhofes lag, wandte er sich immer wieder um. Er besuchte auch die Gräber seiner Schwestern und Brüder, Onkel und Tanten. Zuletzt ging er ganz erschöpft zwischen den verschiedenen Gräbern herum, blieb auch hie und da stehen, um die hebräische Inschrift zu entziffern, ließ den Kopf seufzend hängen und schlug die Hände in traurigen Gedanken zusammen. Obgleich er sich sehr ermattet fühlte und das Fasten noch nicht gebrochen hatte, wollte er den Friedhof doch noch nicht verlassen. Er hatte hier mehr Bekannte gefunden als im lebendigen Prawly. Als er dann in die Stadt zurückging, fühlte er sich wie neugeboren. Prawly war seinem Herzen wieder teuer geworden, obgleich Flora und Amerika ihn magnetischer denn je anzogen. Er bemühte sich, mit den Leuten zu sprechen, besuchte seine Verwandten und die Armen der Stadt, teilte überall milde Gaben aus, und bat demütigst die Empfänger, „Mitleid mit ihm zu fühlen" und nicht zu danken, sonst würden sie die gute Tat schmälern. Dann ging er. mit Reb Lippe Frieden schließen. „Ihr bleibet hier und es ist Euch leicht möglich, einen anderen Talmudgelehrten als Schwiegersohn zu finden, aber in Amerika ist das schwer. Außerdem können Sie selbst den Talmud lesen, während ich nur ein Bauer bin. Und wie soll ich mir meinen Platz in der künftigen Welt sichern? Hier sind dreihundert Rubel für wohltätige Spenden. Wollt Ihr mir verzeihen, Reb Lippe. Was verliert Ihr dabei?" Im Zimmer waren noch andere Leute und der demutsvolle pathetische Ton seiner Entschuldigung amüsierte sie. Reb Lippe war zu Tränen gerührt. Alle Bitterkeit seiner getäuschten Hoffnung war verschwunden. „Ich vergebe Euch von ganzem Herzen", sagte er impulsiv und streichelte den „Bauer" wie ein kleines Kind. „Setzet Euch! Möge der Allerhöchste Euch in Gesundheit nach Amerika gelangen lassen. Möge der den Bund segnen. Es hat sich schon ein anderer junger Mann gefunden, der meiner Tochter würdig ist. Schaya wird in Amerika Gottes Gesetze verkünden! Die Juden dort werden einen jungen Mann, wie er ist brauchen können und ich freue mich, daß er mit Euch geht. Ihr nehmet einen kostbaren Edelstein mit Euch, haltet ihn wert!" „Dessen dürft Ihr sicher sein." antwortete Asriel und ging fröhlich von dannen. (Fortsetzung wlgt.) Neue Bücher. Unsere Hoffnung. Monatsschrift für die reifere, jüdische Jugend. Redaktion und Administration: V1/1, Esterhazygasse 33. III. Jahrgang. Heft 9, 1906. Inhalt: A. Holzer: Zum neuen Jahre. Dr. Ernst Müller: Achad Haam. S. A.: Der jüdisch-deutsche Jargon. David Sinski: Vom Glück vergessen. Korrespodenzen, Rundschau. Josef Kohn, CH ormeister. ZweiTrauungsg e s ä n g e, a) für gemischten Chor mit Orgelbegleituug. b) für 4 Frauenstimmen mit Orgelbegleituug. Preis Mk. 1.70 — K 2.—. I. Kauffmanns Verlag, Frankfurt a. M. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden, Berlin-Halensee, Westfälische Straße 46. Redaktion: Dr. Arthur R u p p i n, II. Jahrgang, Doppelheft 8/9, August- September 1906. Inhalt: Abhandlungen. 1. S. Rofenb a u m, London: Ein Beitrag zur Statistik der Juden in Großbritannien. 2. Dr. Leopold Katz, Gießen: Die rechtlichen Verhältnisse der Israeliten als Religionsgemeinschaft im Großherzogtum Hessen. 3. Dr. Arthur Ruppin, Berlin: Begabungsunterschiede christlicher und jüdischer Kinder. 4. Dr. S. W e iß enberg. Elisabethgrad: Die zionistische Bewegung in Rußland. 5. Prof. Henry Minor Huxley: Zur Anthropologie der Samaritaner. 6. Leopold A m b r u n n, München: Die Kriminalität der Juden in Rußland. S t a t i st i s ch e s Archiv. Nichtermittelung der Konfession bei der deutschen Berufszählung von 1907. Fürsorge-Erziehung in Preußen 1903. Bewegung der Bevölkerung in Bayern im Jahre 1904. Die Zahl der Juden in den Niederlanden. Die Beteiligung der Juden am rumänischen Handel. Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Dänemark. Heber die kaufmännische Beanlagung der Juden. Zur Anthropologie der osteuropäischen Juden.