Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 624 Dr. Llocv's Mocvenscbrttt. Nr. 87 Hamburg. Am vergangenen Sabbat hat hier in der Gemeindesynagoge Rabbiner Dr. Petuchowski-Berlin eine Gastpredigt gehalten und am nächsten Sabbat wird Rabbiner Dr. Freimann-Holleschau sprechen. Es handelt sich um die Besetzung der neu eingerichteten Stelle eines zweiten Rabbiners au den Synagogen des Synagogenverbandes. Feuilleton. Der importierte Kräutigam. Roman aus dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. V. Kapitel. Am selben Abend, nach Beschießung des heiligen Sabbath wurde eine andere Mizwa, gute Tat, versteigert und wieder klirrten die Börsen Reb Lippes und Asriels in verzweifeltem Kampfe aneinander. Diesmal galt es, den Wunderknaben der Talmudgelehrsamkeit als Schwiegersohn zu gewinnen! Es war im Zimmer des Gasthofes, wo der Onkel des jungen Mannes wohnte. Der Raum war erfüllt von bärtigen Juden, Tabakrauch und Geschrei. Da sah man vor allem Schaya, den Wunderknaben, seine zwei Onkel, Reb Lippe, dessen ältesten Sohn mit einigen Bekannten, Asriel, den Gastwirt und einen Heiratsvermittler. Ein geheizter, breitbauchiger Samowar, dessen Luftlöcher glühenden Augen glichen, stand in der Mitte des Tisches. Daneben lag Floras Photographie, auf der sie im vollendeten Glanz der Modewarengeschäfte der Grand Street dargestellt war. Der jugendliche Held des Tages sah mit unverhohlener Neugierde das Bild an. Für einen Augenblick hatten ihn die traurigen, durchdringenden Augen ganz außer Fassung gebracht, die junge Dame imponierte ihm sehr und er warf immer wieder einen Blick auf das Bild. Er hatte sich nie vorgestellt, daß seine Braut einen Hut tragen werde. Doch der Gedanke, daß diese Prinzessin sein Weib werden könnte, erschreckte ihn. Dann gefiel ihm die lächelnde Melancholie des Gesichtchens immer besser und allerlei phantastische Ged unken stürmten auf ihn ein. „Ich sage, Du sollst mich nicht so anschauen/ sagte er im Stillen zu dem Bild. „Aber warum machst Du so traurige Augen? Uebrigens bist Du ja doch ein Judenmädchen und ich fürchte mich gar nicht vor Dir. Möchtest Du nicht den Hut abnehmen?" Reb Lippes Tochter hatte keinen Hut getragen, aber sie war doch nicht nach seinem Geschmack gewesen, und er wurde fich deffen erst jetzt recht bewußt. Auch hatte das Wort Amerika einen faszinierenden Klang für ihn und es schwebte ihm ein Bild von Talmud und modernem Ruhm vor. Reb Lippes ehrwürdiger Bart wurde durch ein nervöses Lächeln hin und her bewegt. „Ja. ich bin nur ein Am haarez, ein Ansiedler," keuchte Asriel mit prahlerischer Bescheidenheit. „Doch ich gebe meiner Tochter zwanzigtausend Rubel bar, und wenn ich einstens sterbe, wird Schaya zehnmal so viel erben. Sie ist mein einziges Kind, und wenn ich sterbe, werde ich meine Häuser nicht mit ins Grab nehmen. Würmer fressen keine Häuser, wie Ihr wißt." Diese Bemerkung ärgerte die alten, gelassenen Talmudisten und einer von ihnen sagte im sarkastischen Tone: „Dein Mädel sieht aus wie die Tochter eines „Fremdlings". Schaya ist ein jüdisch Kind." „Ah, meine Tochter gefällt Euch nicht! Und warum? Weil sie keine Häßlichkeit ist und weil sie einen Hut trägt. Der große Rabbiner von Wilna ist wohl ebenso fromm wie Ihr und ich habe seine Tochter zufällig auf meiner Herreise gesehen und sie trug auch einen Hut und ist auch hübsch." „Zwanzigtausend Rubel!" Der Wunderknabe war momentan so in Anspruch genommen durch den Gang der Verhandlung, daß er die Photographie und die ganze Tragweite, die die Auktion für ihn hatte, vergaß. Auf den Tisch gelehnt und auf seinen Händen so weit nach vorwärts gestützt, als es der Samowar gestattete, beobachtete er die ganze Szene mit offenkundigem, aber ganz unparteiischem Interesse. Nach einer langen, flüsternd gepflogenen Beratung mit seinen Freunden kündete Reb Lippe an: „Zehntausend Rubel und fünf Jahre Kost!" Fügt man zu dieser Summe Reb Lippes Vorzüge über seinen Konkurrenten, wie sein soziales Ansehen, sein Talmudwissen und seinen Aufenthaltsort in Rußland hinzu, so muß man gestehen, daß er Asriels Anbot übertraf. Doch jeder Anwesende wußte, daß Reb Lippes Angebot seine Kräfte weit überstieg; aber die Gesellschaft hatte keine Zeit, viel darüber nachzudenken, denn Asriel schrie schon mit lauter Stimme! „Dreißigtausend Rubel und lebenslängliche Kost und Wohnung und Taschengeld und Zigaretten und Wein und Senf und Seife und was noch?" Den Wunderknaben überlief ein Schauer und er saß mit offenem Munde da. Eine Pause war entstanden. Schaya und seine Onkel hielten sichtlich an der Seite des reichen Amerikaners. Asriel war offenbar der Herr der Situation. Endlich erhoben sich Reb Lippe und sein Gefolge, um sortzugehen. „Ich könnt den Kauf an Euch reißen," sagte er mit sardonischem Lachen. „Waruni so eilig," sagte einer von Schayas Onkeln und ging auf den alten Mann zu. „Warum, die Sache ist noch nicht abgemacht, und wir wissen noch nicht-— „Ihr wißt es nicht, aber ich weiß es. Ich möchte diesen Burschen nicht mehr und wenn er zwanzigtausend Rubel in die Ehe als Mitgift bringen möchte. Gute Nacht." „Gute Nacht! und glückliches neues Jahr" gab Asriel zurück. „Warum kann die Katze den Rahm nicht leiden? Weil er eingesperrt ist!" Eine Stunde später stießen die Zurückgebliebenen dieser Gesellschaft ihre Gläser an und riefen einander anläßlich der Verlobung von Flora Stroon mit Schaya ein fröhliches „Maseltow" zu. „Und jetzt nimm mein „Maseltow" in Empfang", sagte Asriel und umarmte den jungen Mann, daß er ihn beinahe erdrückt hätte, „Maseltow, Dir Floras Bräutigam, Floras Zukünftigen, meines einzigen Kindes zukünftigen Ehemann. Ich bin nur ein Am haarez (Bauer), aber Du sollst es nicht bedauern, mein Schwiegersohn zu heißen. Ich will Dir Essen und Trinken geben, wie der Rabbi befahl, und Perlen will ich auf Deinen Pfad streuen, eine Krone Dir aufs Haupt setzen ... ich bin nur ein Bauer." Schluchzen verhinderte den alten Mann, weiter zu reden. Die Umstehenden blickten in lächelndem, beredtem Schweigen um sich. „Ein Bauer, aber ein ehrenhafter Mann" sagte der eine Onkel. „Ein Herz wie Gold" beeilte sich der andere zu sagen. Doch was wird Flora dazu sagen? ließ sich in Asriels Herzen eine Stimme vernehmen. „Wird die elegante amerikanische Dame diesen altmodischen, orthodoxen Jungen beiraten wollen?" Sei still, sagte Asriel zu sich. „Sie hat ihn zu heiraten und die Sache ist abgemacht. Störe meine Freude nicht, es ist zu ihrem Wohl ebenso wie zu meinem." Plötzlich löste Asriel seine goldene Uhr und Kette und reichte sie dem Knaben. „Trag sie gesunderheit, mein Kind. Es ist das erste Geschenk von Deiner Braut. Aber warte, bis wir nach Amerika kommen!" Am nächsten Morgen besuchte Asriel den Friedhof. Der Anblick erhöhte seine Todesfurcht noch mehr. Hatte sich das