Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr. JBlocb’s Mocdenscdnn. «eite eis Politik den Juden gegenüber aufrecht erhalten und einer Anzahl Einwanderer in Anatolien Land und -zur Erleichterung der Seßhaftmachung sogar Barunterstützung zur Verfügung gestellt. Aber bei dem noch wenig entwickelten Wirtschaftsleben dieses Reiches muß eine Maffeneinwanderung sehr bald ihre natürliche Grenze finden.' Unter solchen Verhältnissen drängt sich gebieterisch die Notwendigkeit auf, für den ständig anschwellenden Auswandererstrom neue Jmmigrationsländer ausfindig zu machen, die geeignet sind, konzentrierte Massenansiedelungen auf landwirtschaftlichem Untergrund aufzunehmen. Da richtet sich denn der Blick naturgemäß auf die beiden Länder, in denen jüdische Ackerbaukolonien bereits bestehen: Argentinien und Palästina. Für das Notstandsproblem des Augenblicks, das heißt für die. nächsten Jahrzehnte, scheidet zunächst Palästina aus, und zwar hauptsächlich aus zwei Gründen: Einmal der Unsicherheit der Rechtsverhältnisse wegen, die ein geordnetes Realkreditwesen verhindert, dann aber auch infolge der in diesem „Wetterwinkel" bestehenden gespannten politischen Verhältnisse, die keinerlei Garantie für eine ruhige Entwicklung bieten, wohl die notwendigste Vorbedingung für das Gedeihen einer Großkolonisation. Dagegen käme Argentinien, wo sich bereits die Baron Hirschschen Kolonien befinden, mit seinen großen Arealen jungfräulichen Bodens wohl in Frage. Auch Cypern ist vorgeschlagen worden, allein abgesehen davon, daß es bereits von 200.000 Griechen bewohnt ist und im günstigsten Falle nur für verhältnismäßig wenige neue Ansiedler Platz böte, muß es schon deswegen außer Betracht bleiben, weil England es unter allen Umständen ablehnen würde, durch Förderung einer jüdischen Masseneinwanderung die nationalen Leidenschaften der Griechen auf und außerhalb der Insel wachzurufen. Eine Auffassung, der auch vor einigen Jahren der derzeitige Leiter des englischen Kolonialwesens einem hervorragenden jüdisch-englischen Politiker gegenüber mit unzweideutigen Worten Ausdruck gegeben hat. Nachdem der von der britischen Regierung dem verstorbenen Dr. Herzl angebotenen Charter auf 12.000 Quadratkilometer fruchtbarsten Landes in Britifch-Ostafrika vom Zionistenkongreß abgelehnt worden ist, hat sich vor zirka einem Jahre unter Leitung des bekannten englischen Dichters und Politikers Israel Zangwill zur Förderung jüdischer Mässenkolonisation in einem zu erlangenden und dazu geeigneten Territorium die „Jüdisch-Territorialistische Organisation" („Jto") gebildet, der sich schnell viele der hervorragendsten und einflußreichsten Juden der Welt angeschlossen haben. Bei der am 1. und 2. August d. I. in London abgehaltenen Sitzung des großen Rats der „Jto" wurden ihre Chancen durch die warme Anteilnahme Lord Rothschilds und führender Männer der amerikanischen Judenheit, wie des in London anwesend gewesenen früheren amerikanischen Gesandten bei der hohen Pforte, Oskar Strauß, noch erhöht. Es lag zur Beschlußfassung eine Anzahl von Landangeboten und Projekten vor. Unter anderem kommt auch das abgelehnte Ostafrikagebiet noch immer in Frage, das nach dem Urteil der hervorragendsten Kenner des Landes sehr fruchtbar ist und trotz seiner äquatorialen Lage infolge seiner 1700 bis 3000 Meter über dem Meere ansteigenden Erhebung ein überaus gesundes und für Europäer auch bei schwerer Arbeit sehr erträgliches Klima hat. Beweis hierfür ist auch die Tatsache, daß jetzt von eingewanderten Buren der Regierung ein hoher Pachtpreis pro Acre geboten wird. Zurzeit haben noch die Indier unter der insgesamt recht geringen Einwohnerzahl das wirtschaftliche Uebergewicht, weil die britische Regierung das Land ursprünglich, als man noch nicht wußte, daß es ein für Weiße geeignetes Klima besitzt, als erwünschtes Abflußbecken für den indischen Bevölkerungsüberschüß ansah. Ferner kommen größere Gebiete in Argentinien, Kalifornien, in mehreren anderen Teilen Nord- und Südamerikas und in Mesopotamien in Frage, das seiner wirtschaftlichen Erschließung durch die Bagdadbahn entgegengeht -und auf' das schon vor Jahren der bekannte Affyriologe und Professor der semitischen Sprachen in Baltimore,^ Dr. Paul Haupt in „seiner Schrift „Ueber die Anfiedlung der. russischen! Juden im Euphrat- und Tigrisgebiete" eindringlich hingewiesen hat. In dem .dünn bevölkerten Australien, wo man die gelbe Gefahr am meisten fürchtet, steht man . einer jüdischen Maffenanfiedlung ebenfalls sehr wohlwollend gegenüber. Dr. Richard Arthur, Präsident der australischen Jmmigrationsliga, hat in einer Massenversammlung hervorgehoben, daß im Norden Australiens Hochplateaus mit gemäßigtem Klima zur Verfügung stehen, die mehrfach so groß wie Großbritannien find, und hat, wie wir hören, der „Jto" entsprechende Pläne vorgelegt. Der Rat der „Jto" hat sich zwar in der letzten Sitzung noch nicht für ein bestimmtes Projekt entschieden, aber die Angelegenheit damit keineswegs auf die lange Bank geschoben. Es soll zunächst eine genaue Prüfung aller einschlägigen Verhältnisse, der Bewässerung, des Klimas, der Bodenbeschaffenheit rc., vorgenommen werden. Zu diesem Zwecke wurde beschlossen, eine Kommission einzusetzen mit dem Rechte, Expeditionen auszusenden, die im nächsten Frühjahr einer neuen Versammlung des großen Rates definitive Vorschläge zu machen hätte. Die Zusammensetzung dieser Kommiffion und des großen , Rates, in denen zahlreiche Männer Platz gefunden haben, die zu den prominentesten und einflußreichsten jüdischen Persönlichkeiten Amerikas und Europas gehören, bürgt dafür, daß die Wahl nur nach sachgemäßer und gründlicher Prüfung getroffen werden und daß die Kolonisation auf gesunder wirtschaftlicher und ausreichend gefestigter finanzieller Grundlage aufgebaut werden wird. Als Grundsatz wurde festgelegt, daß die zu schaffenden Kolonien ein zusammenhängendes Ganzes bilden und ein gewiffes Maß von kommunaler Selbstverwaltung erhalten müßten, schon um den Wanderern das zum Gedeihen der Kolonie nötige Heimatsgefühl zu geben. Außerdem ist dies auch erforderlich, damit den Kolonisten, wie das Ostafrikaangebot der britischen Regierung es ausdrückte, „die Möglichkeit gewährt wird, ihre Volksbräuche zu beobachten". An erster Stelle steht hierbei für die überwiegend streng religiösen Einwanderer die Möglichkeit, den Sabbat zum gesetzlichen Ruhetag zu machen. Das in Frage kommende Menschenmaterial ist zwar zum größeren Teile städtischer Herkunft, wenn auch an schwere körperliche Arbeit gewöhnt; aber immerhin gibt es in Südrußland und Rumänien einige hunderttausend jüdischer Landwirte, überwiegend Pächter, die sich selbst nach dem Urteil ruffischer Behörden als Bauern vielfach bester als die Besitzer des Bodens bewährt haben. Ein großer Teil von ihnen ist zur Auswanderung in die neuen Kolonien bereit und kann als Kern der Siedelung, gewiffermaßen als Unteroffizierskorps, einen wertvollen Stamm bilden. Ueberdies haben die bereits erwähnten Kolonien des Baron Rothschild in Palästina und des Baron Hirsch in Argentinien gezeigt, daß auch diese städtischen Arbeiter, Händler, Handwerker zur Landwirtschaft erzogen werden können. Die „Jewish Colonisation Affoziation" („Jca"), die Nachlaßverwaltung der von Baron Hirsch für jüdische Kolonisationszwecke hinterlaffenen großen Summen, hat sich ebenso wie Baron Rothschild, ungeachtet der im Tasten und Suchen auf einem neuen Gebiet naturgemäß gemachten Fehler durch ihr trotz alledem großzügiges Kolonisationswer! die größten Verdienste durch den Nachweis erworben, daß die Juden sich zum Ackerbau durchaus eignen. Durch ein Zusammenarbeiten der „Jca" mit der „Jto", das mit Sicherheit zu erwarten sein dürfte, wird die Gewähr gegeben sein, daß die Erfahrungen der „Jca" auch dem neuen Kolonisationswerk zugute kommen. Bei der furchtbaren Not im Osten,, die ein Ende nicht absehen läßt, wird jeder Menschenfreund diesem großzügigen Hilfsakt seine wärmsten Sympathien zuwenden. Zur Vorgeschichte des Pogroms in Siedler. (Herr Urbanovski an der Arbeit.) Vor etwa zwei Wochen erhielt der Militärgouverneur von Siedlce, General Sikalow, von der „Sternkammer" — so hei kt bekanntlich die im stillen arbeitende mächtige Nebenregierung Rußands — die Verständigung, daß ein Herr demnächst bei ihm erscheinen