Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021694--15726-3040508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 4× ep/1000834
OCR text
Sette 618 Dr. Blocb b Moebens irm. Nr. 37 statt zu eröffnen, in der sie mit den nötigen Kenntnissen befreundet und zu einem höheren Aufschwung wie in sittlicher so in geistiger Strebsamkeit angeleitet werden sollte. Es war das ein schwieriges Unternehmen, das nur durch die werktätige Hilfe des Grafen Pahleu zustande kam. Bald erhob sich die Anstalt zu einer solchen Blüte, daß auch das Ministerium in St. Petersburg ihr seine Aufmerksamkeit zuwendete und ihr Wachstum förderte. Setten aber hat eine Schule, und blühte sie auch noch so lange, sich der Gegenwart solcher hoher Personen erfreut, wie die unserige. Schon in den ersten Monaten nach ihrer Entstehung würdigten sie die Generale Bibikow und Boschnakow ihres Besuches; und bei ihrem zweiten jährlichen Examen sah sie die Grasen Witt, Scherrmetew, Potocky und mit ihnen den glorreichen General-Gouverneur Neurußlands, den Grafen Michael Woronzow. Der Oberkurator und gleichsam Schirmherr der Anstalt ist unser Stadtgouverneur, der rühmlichst bekannte Schriftsteller Lewschin, der Sr. Majestät dem Kaiser manchen Bericht von ihr erstattete, bis sie zu Ende des vorigen Jahres selbst das Glück hatte, ihren erhabenen Landesvater Nikolaus und die ganze kaiserliche Familie als ihre Gäste zu begrüßen. Der hohe Monarch äußerte seine Zufriedenheit in vollem Maße und munterte die Stifter der Schule zu ähnlichen Unternehmungen in anderen Städten des Reiches auf. Gegenwärtig erhalten in unserer Lehranstalt beinahe 400 junge Leute in der hebräischen, russischen, französischen und deutschen Sprache, in der Weltgeschichte, Physik, Rhetorik, Geographie, Buchhaltung, Arithmetik, Schöuschreibe- und Zeichenkunst gründlichen Unterricht und auch vom Talmud und manch anderer Wissenschaft wird Vieles gelehrt. Einige Jahre später wurde auch eine Mädchenschule gegründet, deren Leitung zwei edle, hochgebildete Frauen in der uneigennützigsten Weise übernahmen. Auch diese Schule widerfuhr die hohe Ehre, Se. Majestät den Kaiser, den Großfürsten Michael, Grafen Woronzow, Lord Durham u. A. unter ihren Gästen zu sehen. Bald wird auch außer Odessa in Kischenew, einer Stadt in Bessarabien, zufolge eines Auftrages, den unser Schuldirektor, der Ehrenbürger Stern, vom General- Gouverneur erhalten hat, eine israelitische Lehranstalt eröffnet werden, ebenso in anderen Städten. Und nun hören sie auch manches von den anderen bürgerlichen Verhältnissen der Israeliten. Die Gesinnungen unserer Regierung sind schon aus dem Eifer, mit dem aller Keim des Fanatismus erstickt wird, zu erkennen. Denn es ist leider eine traurige Erfahrung, daß beinahe alles Neugeborene unter den Christen in dem schwarzen Flusse des Judenhasses getauft wird, und daß oft gegen die Pfeile des Rechts und Gewissens nicht einmal, wie beim Peliden, wenigstens eine Stelle unverwundbar ist. So auch Odessa, diese junge Stadt, die noch vor einem halben Jahrhundert aus einigen zerstreuten Hütten eines nomadischen Völkchens bestand. Auch hier suchte sich ursprünglich gar Mancher und absonderlich der Griechenpöbel auf diese Weise den Weg zur Seligkeit zu bahnen, ja viele rohe Ankömmlinge aus Konstautiuopel brachten es zu Gewalttätigkeiten, die laut um Hilfe schrieen. Aber die entarteten Hellenen hatten sich verrechnet. Mit einer Schonungslosigkeit sondergleichen wurde an ihnen der Frevel geahndet. Noch jetzt, wo diese Raserei längst vergessen und keine Spur von ihr zurückgeblieben ist, entfernt die Regierung ihre Vorsicht und ihre strengen Maßregeln nicht, und noch iuimer wird an Festtagen zur Abendzeit die Kirche der Griechen in Odessa mit Bewaffneten umringt, gleichsam zum Trutz und ihnen zu zeigen, wie wenig mau ihrer Aufklärung traut. — Als unsere Stadt Se. Majestät den Kaiser mit einem jubelnden Hurrah empfing, sammelte sich auch die jüdische Gemeinde, um nach herkömmlicher Sitte den Landesherrn mit Brot und Salz willkommen zu heißen. Aber der erleuchtete Stadtgouverueur Lewschin ries ihnen zu: „Wer seid ihr denn, daß ihr euch absondert? Wir kennen keinen Unterschied zwischen Juden und Christen, warum macht ihr selbst eine Scheidewand? Mengt euch unter die Christen, und so erscheint vor unserem Monarchen." — Als die Pest in Odessa wütete, erlaubte sich der Stadtarzt, ein Mann vom hohen Range, eine Ungerechtigkeit gegen einen armen jüdischen Handwerker, und mit vieler Schmach entsetzte ihn der edelzürnende Graf Woronzow seines Amtes und seiner Würde, und ein junger, israelitischer Arzt erhielt dessen Stelle. — Am 21. d. M. wurde von der hiesigen Kaufmannschaft zu Ehren des gefeierten Grafen, der auf ein Jahr als Gesandter nach London geht, ein Abschiedsball veranstaltet, an dem auch mehrere jüdische' Kaufleute teilnahmen. Nach manchem fröhlichen Toast ergriff auch der König des Festes den schäumenden Becher und brachte — den „israelitischen Mitbrüdern" ein Lebehoch aus, worauf alles mit lautem Jubel einfiel. So sehen wir nun die festen Eisschollen des Hasses immer mehr auftauen und denken an den schönen Frühling, der bald kommen soll. Umso freudiger ist daher unser Selbstgefühl, daß wir uns sagen können, daß der Mann, der bei uns zum Banner der Toleranz geschworen, sich auf den Höhen des Staates bewegt und in allen Reiz der Milde, mit dem Füllhorn des Segens unter uns einherwandelt." Das Blatt „Didaskalia" desselben Jahres berichtete, daß mehrere hundert jüdische Jünglinge in Rußland und Polen auf Kosten des Kaisers Nikolaus studieren, lompora mutantur! Wie sind alle die schönen Hoffnungen zu Wasser — nein nicht zu Wasser, sondern zu Blut geworden!. ' Prag-Weinberge. Stark. Jüdische Kolonisaiiorrsbestrebungen. Unter vorstehender Ueberschrift schreibt das „Berliner Tageblatt" vom 9. September: Das moderne jüdische Problem ist nach seiner praktischen Seite im wesentlichen eine Wanderungsfrage. Seit den im Jahre 4882, von Jgnatiew inszenierten russischen Judenverfolgungen hat das jüdische Wanderungsproblem nicht mehr aufgehört, im Vordergründe des Interesses zu stehen, und durch die seit Kischinew zum ständigen Requisit russischer Staatskunst gewordenen, nach dem alten Rezept des „Vaters der Lüge" hervorgerufenen Pogrome hat es vollends eine die Beachtung gebieterisch fordernde Aktualität erlangt. Jahr für Jahr werden durch die Verfolgungen und durch die ökonomische Unmöglichkeit, in der Heimat auch nur den dürftigsten Lebensunterhalt zu erwerben, 100—150.000 Juden über die russischen und rumänischen Grenzen gedrängt und durch unwiderstehlichen Zwang getrieben, sich auf die Suche nach einer neuen Heimat zu begeben. Nach dem Gesetz' der Strömungen haben sie sich dabei denjenigen Ländern zugewandt, deren Gesetze und wirtschaftliche Lage ihnen den geringsten Widerstand entgegensetzten. Aber auch diese erreichten sehr bald ihren „Sättigungspunkt". Ueberall, wo Juden in größerer Zahl einwanderten, regte sich schnell der Widerspruch und führte zu Erschwerungen, die sich bis zur Sperrung der Grenzen verdichteten. Dieser Widerspruch ging nicht einmal immer wie bei uns, wo ja die zahlreichen polizeilichen Mißgriffe noch immer nicht ihr Ende gefunden haben, von seiten der Behörden aus, sondern gerade in den Ländern mit freien Institutionen kam er vielfach aus den unteren Bevölkerungsschichten, die erklärten, daß sie sich ihren mittels eines entwickelten Gewerkschaftslebens errungenen Ltauäarä of life nicht durch die Massenkonkurrenz „fremder Paupers" herabdrücken lassen wollten. So wacht das „liberale" Ungarn ganz nach preußischem Vorbild mit Eifer darüber, daß die Durchwanderer mit tunlichster Schnelle die andere Grenze erreichen; so hat selbst englische Staatsraison geglaubt, die Alien-Bill schaffen zu müssen, und wenn die Handhabung dieses Gesetzes zurzeit, den humanen englischen Traditionen folgend, auch durchaus mild ist, so bleibt es doch ein Riegel, der jederzeit vorgeschoben werden kann, wenn der Andrang zustark wird. Die Türkei hat auch anläßlich der russischen und rumänischen Verfolgungen der letzten Jahre ihre traditionelle Toleranz-