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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 87 Dr. Llocvs MocbensLdriN. Der Verein hat einen L e s e s a a l mit allen jüdischen und zionistischen Zeitungen der Welt eröffnet, er publiziert aufklärende Schriften, welche allen Mitgliedern gratis zugehen, gibt monatliche „Mitteilungen" heraus, wird in diesem Herbst verschiedene Kurse, darunter für Hebräisch und jüdische Geschichte, veranstalten und ist eben daran, eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina (Herbst 1906) zu ganz besonders günstigen Bedingungen zu organifieren. (Anmeldungen bis 20. September an Unterzeichneten Verein. Prospekte auf Wunsch.) Gesinnungsgenossen! Wir hoffen, daß unser Appell nicht wirkungslos verhallen wird und daß Ihr dazu helfen werdet, daß Wien, die Stadt, die durch das Wirken H e r z l s früher an erster Stelle der Bewegung stand, wieder voranleuchte durch seine intensive und erfolgreiche zionistische Arbeit! Wien, 1. September 1906. Der Vorstand des Zionistischen Zentralvereines: Fabrikant Hofu. Gerichts-Advokat Adolf Böhm Dr. Isidor Margulies Schriftführer. Obmann. Mit welchen Hoffnungen haben sich die Juden Rußlands vor — 70 Jahren getragen? Seit Kischenew unseligen Angedenkens bis zum heutigen Tage ist noch keine Nummer der „Wochenschrift" erschienen, welche nicht einen Artikel über die in Rußland sich täglich häufenden Greueltaten und die au unseren dortigen Glaubeusbrüdern verübten Grausamkeiten und Schändlichkeiten gebracht hätte. Auch an Auseinandersetzungen und Betrachtungen der traurigen Rechtsverhältnisse der russischen Juden hat es das Blatt nicht fehlen lassen, ebensowenig wie an wahrheitsgemäßen Berichten und zutreffenden Schilderungen der gegenwärtigen Situation der Juden in allen Teilen des großen, aber tief erschütterten und zerrütteten Reiches. Insbesondere ist es der vorwöchentliche „Brief aus Petersburg", der die ganze Lage hell beleuchtet, indem er uns zeigt, von welchen Gedanken und Gesinnungen man in den maßgebenden Kreisen Rußlands gegen die Juden erfüllt ist. Nicht minder tut das der mit F. Z. gezeichnete Artikel, in welchem die Eindrücke, welche Herr Dr. Nathan über die Lage in Rußland empfang,n hat, zur Kenntnis gebracht werden. Wie sehr sich das alles von dem unterscheidet, was die Juden des nordischen Reiches schon vor 70 Jahren unter der strengen Regierung des harten Nikolaus I. erhofft haben, und welch' ganz andere Gesinnungen damals bei vielen hohen Würdenträgern und Behörden gegen die Ju)en zu finden waren — an das zu erinnern dürfte in diesem Augenblicke, wo gerade in den obersten Kreisen ein Tod und Verderben bringender Haß gegen die Juden sich offenbart und ein Teil von diesen zu einem Verzweiflungskampfe gedrängt wurde, nicht uninteressant fern. Von welchen Hoffnungen die Juden und von welchen Gesinnungen vor sieben Jahrzehnten die Behörden erfüllt waren, erfahren wir am besten aus einem Briefe, den damals der gelehrte und verdienstvolle jüdische Publizist Dr. Philippson von einem Freunde in Odessa erhalten und in seinem Blatte veröffentlicht hat. Möge daher die löbliche Redaktion mir gestatten, den im Jahre!838 geschriebenen und veröffentlichten Brief mit Weglassung des Unwesentlichen zu reproduzieren. „Wohl verdienen Sie meinen Dank in vollem Maße, verehrter Freund, daß Sie mir all' die erfreulichen Nachrichten über die schönen Bestrebungen unserer Glaubensgenossen in Ihren Gemeinden so oft und so gerne mitteilen, und dabei habe ich nun etwas für Sie gesammelt, um Ihnen tatsächlich den Eifer zu vergelten, mit dem Sie die Hoffnungen einer besseren Zeit von Deutschlands reichen Fluren zusammenlesen und in einem lieblich duftenden Strauße Ihrem jungen Freunde übersenden, daß er sich daran labe nach Herzenslust. Sette 817 Wenn wir auf die Art und Weise Hinsehen, wie fider unter den europäischen Staaten die Ketten des israelitischen Volkes zu lösen anfängt, so ließe sich wohl die Frage aufwerfen, wer größeren Ruhm verdient, der Reiche, der, vom Jammer und von den lauten Klagen des Unglücklichen bewegt, seine Bitten endlich beherzigt, oder der Menschenfreund, der unaufgefordert, aus reinem Trieb, zu helfen und zu erlerchtern, die Hütten der Armen aufsucht, ihre Leiden erforscht und nicht gewährt, sondern schenkt? Ich glaube, in der Frage selbst liegt die Entscheidung, und so ikürfte es mir vielleicht erlaubt sein, Sie auf den nordischen Riesen aufmerksam zu machen und ein paar Worte über ihn zu sprechen. In Ihrem guten Germanien sind allerdings manche politisierende Philosophen oder philosophierende Politiker von einem gewissen Vorurteil gegen Rußland eingenommen. Wie könne, meint man, dieser Knabe an Bildung, der ohne alle Ueberlegung nur nach seiner Willkür handelt, der Kartenhäuser aufbaut und niederreißt, der in demselben Augenblicke schmeichelt und wütet, wie könnte so ein froher, milder Knabe an die höheren Rechte der Menschheit denken, was sich nur einem zur Klarheit gekommenen Gefühle und einem richtigen hellsehenden Verstände zutrauen läßt? Aber diese Herren vergessen, daß auch sie einmal Knaben gewesen und daß die Jahre vorüberfließen. Rußland j,r kein Knabe mehr, es ist ein kühner, vorwärtsstrebender Jüngling und steht in der schönsten Kraft und Blüte dieses Alters.-Während anderwärts so viel für die Emanzipation der Juden geschrieben und gesprochen wurde, während in anderen Ländern die bedrückten Kinder am Throne ihre Klagen, die Verfechter der gerechten Sache ihren Donnerruf erschallen lassen, beobachten die Israeliten in Rußland ein tiefes Schweigen. Aber dem wahren Edelmute ist auch das Schweigen beredt, und vom Beherrscher der Reussen wird auch das stille Streben der Juden anerkannt und belohnt; sie erhalten das Gute nicht erbeten, nicht erweint; er sieht nicht neidisch auf ihre emporkeimende Bildung, er spornt sie vielmehr zur Vollkommenheit an. Die Verbreitung der Kultur unter den Juden ist unseres Monarchen aufrichtigster Wunsch. Von keinem Lehrstuhle ist der Sohn Israels weggebannt, in jeden Staatsdienst darf er treten und den Lohn seiner Treue ernten, denn R u s s i a s Wahlspruch ist: Dem Verdienste seine Krone! Man trägt kein Bedenken, einem Israeliten die Würde und die Rechte eines Apothekers zu erteilen. Mit der größten Bereitwilligkeit werden jüdische Jünglinge auf Gymnasien und Universitäten ausgenommen. Da das Ministerium des Kultus befürchtete, die Orthodoxen unter den Israeliten würden ihre Kinder darum nicht auf christliche Schulen schicken, weil von denselben etwa eine Aenderung ihrer Tracht verlangt würde, so bemerkte man ausdrücklich, es sei diesen erlaubt, auch in ihrer polnisch-jüdischen Tracht die Gymnasien und höheren Schulen zu beziehen. „Wollen Sie aber Früchte sehen, mein werter Freund, Früchte dieser liebevollen, menschenfreundlichen Behandlung, so nenne ich Ihnen nur eine einzige Stadt im südlichen Rußland und diese liefert Ihnen die sprechenden Beweise. Sie wissen wohl, welche Stadt ich meine, Sie wissen es, daß ich von keiner anderen als von — Odessa spreche. Ja, Odessa, dieser aus dem Chaos hervorgezauberte große Bau des hochseligen Herzogs von Richelieu sollte sich nicht nur zum Altar des Mercurius, sondern auch zum Tempel der Freiheit und Toleranz erheben. Hier ist es, wo die Juden zuerst den schmählichen Staub von sich abschüttelten und hineingriffen in die sturmbewegte Zeit mit Lust und Eifer, mit Wort und Tat. Lassen Sie mich zuvörderst von den Schulen reden, weil diese gleichsam als der Grundstein der jetzt allgemein hier unter den Israeliten herrschenden Bildung zu betrachten sind. v Im Jahre 1827 bemühte sich ein Kreis würdiger Männer, der hebräischen Jugend in unserer Stadt eine An-

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