Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 37 (14.9.1906)
- Date
- 1906-09-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 616 Dr. Llocd's MlocbenscbrM. Nr. 37 aber drängen sich in den großen Städten, auf sich selbst und ihr Glück angewiesen. Sie muffen die 50 fl.-Stellen beim Lloyd aunehmen, sie müssen jahrelang von ihren Eltern leben, für sie rührt sich kein. Finger im Staate, für den sie nur Steuerträger find. Ihnen geht es wirklich elend, und dabei ist ihr freier Beruf für antisemitische Frechheiten vogelfrei. Sie sollen zur Einsicht kommen und sich anderen Berufen zuwenden, herrscht sie Dr. Schürer an. Sie haben gewiß Einsicht, die ihren Gegnern fehlt, und sehr gerne würden sie ein anderes Feld der Tätigkeit suchen. Aber welches? Dem jüdischen Vater ist längst schon der Kindersegen zum Fluch geworden. Seinen Kindern sind schon lange alle Berufe versperrt und die Söhne müssen in den wenigen, die ihnen noch offen sind, das Heer des jüdischen Elends vermehren halfen, so auch im medizinischen. Von einem Standpunkte, welcher sich mit Recht, Logik oder auch nur mit krasser Eigenliebe erklären oder entschuldigen ließe, ist also in den Ausführungen des Dr. Schürer und des gesinnungsgenöffischen Dr. Florian Albrecht aus Gablonz gar keine Rede. Sie haben sich von bloßem Rassendünkel und Uebermut leiten lassen. Das ist eine brennende Schande in einem Beruf, der Idealismus und Humanität zur Grundlage hat. Umso trauriger, aber wahr ist es, daß diese Vertreter des Faustrechtes sehr viel Anhang haben. Im Vorstande des deutschen Aerztevereines, der diesen Prinzipien huldigt, sitzen viele maßgebende Spitalsleiter, namentlich aus den Alpenländern, die auch bei uns sehr viele Meinungsgenossen haben. Fast jeder von uns wird wissen, wie großen Einfluß diese entwickeln und daß dem jüdischen Arzte jede höhere Gelehrtenkarriöre abgeschnitten ist. Pflicht der jüdischen Gesellschaft ist es, dem gegenüber das Ihrige zu tun. An diese gemeine Verfolgung muß auch jeder denken, der Stipendien errichtet, Fabriksnnd Werksärzte anstellt. Unsere tüchtigen Leute aus der medizinischen Fakultät verdienen sich diese Unterstützung redlich. Und man muß umso sorgsamer und bedachter sein, je weniger der Staat Miene macht, der Gerechtigkeit Genüge zu tun und dem antisemitischen Faustrecht Mer Art die Wege zu weisen, dessen Medertracht im vorliegenden Falle am deutlichsten ist. Bei solchen und ähnlichen jüdischen Jnteressefragen meldet sich in der Brust jedes warmsühlenden Juden der Wunsch nach einflußreichen und geschickten Volksvertretern am lautesten. I. Uprimny. Korrespondenzen. Wie». Der „Zionistische Zentralverein" veröffentlicht nachstehenden Aufruf. Stammesgenossen! Immer weitere Kreise zieht die neujüdische Bewegung. Nach Jahren tieffter Entmutigung und Resignation geht ein frischer, lebendiger Hauch durch das ganze Judentum. Ueberall ein Besinnen auf die eigene Würde und Kraft, ein mächtiges Verlangen nach Betätigung, ein Zujammenschließcn zu reger Arbeit für unser gedrücktes und entrechtetes Volk — welcher Jude wollte da abseits stehen und nicht auch nach seinen Kräften mithelfen an der Befreiung aus unwürdigen und unseligen Verhältniffen! Die Neubelebung und das Erstarken des jüdischen Volks- -bewußtseins, ebenso wie die praktische Arbeit zur Hebung unseres Volkes auf künstlerischem, wissenschaftlichem, sozialem, wirtschaftlichem und nicht zuletzt auf politischem Gebiet, — all das ist vor allem der weltumspannenden z i o n i st i s ch e n Bewegung zu danken. Tausend fruchtbare Keime sind von ihr ansgestreut worden, die allerorts aufgehen und schöne Früchte tragen, aber Me Einzelbestrebungen münden auch wieder in die zionistische Idee: Daß die völlige Lösung aller Judenfragen nur durch die „Schaffung einer ö f fe n t l i ch - r e ch t l i ch gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" erreicht werden kann. Die Jahre des theoretischen Streites sind längst vorüber, heute ist der Zionismus als unbestreitbare Wahrheit anerkannt und überall in praktischer Arbeit für sein Ziel begriffen, vor allem in Palästina selbst, wo er in den letzten zwei Jahren eine ungemein wertvolle und fruchtbare Arbeit geleistet hat. Die zionistische Jahreskonferenz in Köln (am 28. und 29. v. M.) hat auch alle weiteren Pläne der wackeren zionistischen Palästinakommission gutgeheißen, die auf Errichtung einer Lehrfarm, einer landwirtschaftlichen Versuchsstation, einer genossenschaftlichen Siedlung, einer großartig gedachten Pflanzungsgesellschaft, eines Jndustriesyndikates usw. in, resp. für Palästina abzielcn. Es wurde beschlossen, aus den Geldern des Ratio n also n d s, dem Bezalel, unserer neuen Kunstgewerbeschule in Jerusalem, über deren unendlich segensreiche Wirksamkeit nur eine Stimme des Lobes herrscht, ein eigenes Heim zu schaffen, die Errichtung einer Mittelschule in Palästina und zahlreiche andere wichtige Fragen erwogen. All diese Arbeit ist umso nötiger, als die jüdische Einwanderung nach Palästina im starken Wachstum begriffen ist. Jedes Schiff, das von Odessa nach Jaffa fährt, ist mit jüdischen Auswanderern, meist jungen, kräftigen, begeisterten Leuten, den sogenannten „Palästina-Pionieren", überfüllt. Infolge der fortwährenden Beschränkungen, welche England und Amerika der Einwanderung entgegensetzen, wird dieser Zug unserer Brüder ins heilige Land immer stärker. Es ist daher dringend nötig, dort ohne Verzug für Bildungsmöglichkeiten und Erwerbsgelegenheiten vorzusorgen, ein Arbeitsfeld des Zionismus, für welches jeder Jude Sympathie haben und Unterstützung leisten sollte. Dabei steht die politische Arbeit des Zionismus nicht still: für die Juden in Palästina gewisse autonome Rechte zu erlangen. Die Autonomie der Maroniten im Libanongebiet beweist zur Genüge, daß der Zionismus absolut nichts „Unmögliches" anstrebt. , . , Nach Millionen zählen die Anhänger und Freunde der zionistischen Idee, nach Hunderttausenden die organisierten Anhänger. Die angeblich so disziplinlosen, rechthaberischen Juden haben gezeigt, daß sie sich zu einer festen und starken Organisation zusammenschließen können, wenn es gilt, das aufzubauen, was jedem Juden teuer ist: Die Zukunft des jüdischen Volkes. Die Zahl der organisierten Zionisten ist aber noch lange nicht so groß, als sie sein müßte und auch sein könnte, r. enn sich jeder Jude, der sich als Zionist fühlt, auch der Organisation anschließen würde. Von ihrer Stärke hängt aber das Ansehen des Zionismus nach innen und außen ab, sein moralisches und politisches Gewicht und damit die Aussicht auf Verwirklichung seiner großen Idee. Es ist daher Pflicht jedes Juden, der das Baseler Programm anerkennt, der zionistischen Organisation beizutreten. Stammesgenossen! Beherzigt in diesem für das Judentum durch zahlreiche Vorkommnisse der letzten Zeit so wichtigen Augenblick unsere Mahnung! „Wenn nicht jetzt, wann denn?" Wollt Ihr Eure Brüder, die jetzt in Masse nach Palästina strömen, dort, in ihrer und unserer Urheimat, durch ungünstige und so leicht zu bessernde Verhältnisse elend zugrunde gehen lassen? Wollt Ihr nicht lieber, daß sie, unsere wackeren Pioniere, mit ihrem Schweiße dem jüdischen Volke in seinem heiligen Lande eine sichere Heimstätte gründen? Wenn Ihr das wollt, dann müsset Ihr die zionistische Arbeit nach Kräften unterstützen und vor allem der zionistischen Organisation beitreten! Der zionistische Zentralverein in Wien nimmt mündliche und schriftliche Anmeldungen in seinem Lokale: IX/1, Türkenstraße 9 entgegen. Stifter ist, wer einmal K 100. —, Gründer ist, wer durch 3 Jahre k 20.—, Mitglied ist, wer jährlich K 4.— beiträgt, worin Schekel und Landesparteisteuer schon enthalten sind. Förderer (nur für Mitglieder anderer zionistischer Vereine) zahlen jährlich K 2.--.