Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-09-14 · 37 (14.9.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
37 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021694--15723-3040505
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 37 Dr. Slortz's WortzenlürrM Seile VLö Kanonen aufgestellt worden, welche die Stadt beschießen. Ein Haus auf der Pienknastraße, wo sich angeblich Revolutionäre verbarrikadiert haben, wurde durch Gefchützfeuer demoliert. Eine jüdische Deputation mit einem Rabbiner an der Spitze bat den Gouverneur, das Feuer einzustellen, was dieser für den Fall zusagte, daß ihm bis 5 Uhr nachmittags die Revolutionäre ausgeliefert würden. Nach Ablauf dieser Frist begann das Geschützfeuer. Ja, würde der hundertste Teil der Greuel, die in Rußland verübt werden, an Christen in der Türkei begangen werden, ja, dann gäbe es schon einen gewaltigen Lärm in der Welt. Dem Sultan würde um seine Herrlichkeit ernstlich bange gemacht worden sein — vor allem von Rußland selbst, welches bekanntlich sehr human ist, sobald es sich um fremde Staaten handelt. Aber so sind es nur Juden! Und dieselben Leute, welche sich über die schrecklichen Metzeleien, die im „finsteren" Mittelalter stattfanden, entsetzen, lesen mit großer Gemütsruhe die Schilderungen derselben Greuel, die sich heute in Rußland abspielen und sind bereit, Rußland, sobald dessen Zahlungsfähigkeit wieder zweifellos geworden, gegen hohe Verzinsung recht viel Geld zu borgen. Faustrecht» Der Verein deutscher Aerzte in Oesterreich hielt in Reichenberg seine zweite ordentliche Hauptversammlung ab. Nach der allgemeinen Sitte wurde auch hier die wirtschaftliche Frage zu einem einstimmigen Klageliede des versammelten Männerchores. Man könnte füglich die medizinische Variation des beliebten Sprichwortes, „nehmen ist seliger denn geben", den Privatbeteiligten überlassen, wenn nicht eine schrille Sondernote hörbar geworden wäre, die von einigen begeisterten Jüngern Schönerers zum Vortrag gebracht wurde. Einige der Herren bekamen Anfälle von akutem Antisemitismus. Da die „jüdische Gesahr" sich immer einstellt, wo Gedanken fehlen, die für den wirtschaftlichen Fortschritt wertvoll wären, so halfen sich denn auch die akademisch gebildeten Bannerträger deutschen Geistes mit der Logik des dummen Kerl von Wien und retteten ihre wertlose Debatte durch die Pikanterie des Judenpunktes. Die Leute haben ja ganz recht, wenn sie akademische Würde und Vornehmheit im Branntweingeiste Schneiders betätigen. Hat doch die deutschnationale Partei Oesterreichs strahlend gezeigt, welche Erlösung ihre Grundsätze der Rassenreinheit und Judenfeindschaft dem deutschen Volke bringen müssen. In einem edlen Wettstreit kä.npfen Schönerer und Lueger, die patentierten Moralwächter der Deutschen, wessen Sumpf der schmutzigere sei. Hier die nach christlich-sozialem Kochrezepte der Wiener Gemeindeküche fettgewordene Sippe, dort Leute mit rostigem Ehrenwort um einen Alkoholiker, Ehebrecher im Hause des Gastfreundes und Volkstribunen, deren Mund sich zugleich mit den offenen Händen schließt. Oh, wir Juden find nicht vollkommen. Wir sündigen, wie alle Menschen sündigen. Aber wir wollen uns bessern, wir wollen lernen! Aber so werden wie diese Bagage, die sich erfrecht, uns Moral lehren zu wollen? Niemals! Das hieße ja. wirklich, die Vorwürfe verdienen, die man uns macht, das hieße ja wirklich, einen verbrecherischen Tiefstand erreichen — zu solchem Pöbel herunterzusinken, erlaubt nur die antisemitische Moral, die jüdische nicht. Da wir Juden aber nun einmal die Schwächeren find und weniger, so behandeln uns doch die Antisemiten straflos als minderwertig, obwohl wir mitsamt unseren menschlichen Schwächen turmhoch über unseren Verleumdern stehen. Auch im Kreise des Vereines deutscher Aerzte läßt man sich durch die akademische Ehre gegenüber dem Schutzlosen nicht hindern, über ihn herzufallen, ihn zu verleumden und ihn brutalisieren zu wollen. Im Verein kommt jene Politik zur Geltung, welche in der klaren Erkenntnis der Kneipe geboren und begriffen wird. Zwei Sprecher des deutschen Edelvolkes ließen ihre Weisheit im antisemitischen Sinne leuchten: Dr. Fritz Schürer von Waldheim (Wien) berichtet in ausführlicher Weise über Stellenvermittlungs- und Stellvertretungs-Angelegenheiten und erwähnt, daß der Verein eine Anzahl Stellen vermittelt habe, doch sei er nicht in der Lage, allen Wünschen nach deutschen Aerzten gerecht zu werden. Schuld sei daran die „starke Verjudung" des Aerztestandes. Den Wünschen der Bevölkerung nach „völkischen Aerzten" wird immer „weniger" entsprochen werden können, da sich immer mehr „jüdische Abkömmlinge" dem Studium der Medizin widmen, wie dies an der Wiener medizinischen Fakultät leider nur zu deutlich zu sehen sei; dennoch dürfe man die Hoffnnng auf eine Besserung, auf einen deutschen Nachwuchs nicht aufgeben; denn nur dadurch könne eine Erleichterung in Stellvertretung des Landarztes herbeigeführt werden. Es sei auch nicht gleich, ob der Arzt „Jude oder Arier" sei. lleberflüssig sei der erstere Nachwuchs, und da die Existenz der Aerzte sich immer schwieriger gestaltet, so sollten jene zur Einsicht kommen und sich einem anderen Berufe zuwenden. Der jüdische Nachwuchs an Aerzten ist also in den Augen des Dr. Schürer überflüffig und die Juden sollen sich anderen Berufen zuwenden. Ueber diese Unverfrorenheit in dem Gewäsch des Arztes gehen wir verachtungsvoll hinweg. Wir werden uns um seine wertlose Meinung wenig kümmern, auch wenn unsere gesamte studierende Jugend Lust hätte, an die medizinische Fakultät zu gehen. Wir haben die Mode bereits abgelegt, aus antisemitische Gelüste irgendwelche Rücksicht zu nehmen, denn dem Gesindel kommt beim Fressen immer nur noch der Appetit. Wer aber die Verhältnisse kennt, wird leicht finden, von wieviel versteckten Unverschämtheiten neben der einen deutlichen die Ausführungen Schürers strotzen. Was heißt das eigentlich, daß der Verein nicht in der Lage war, allen Wünschen nach deutschen Aerzten gerecht zu werden? Es fällt ganz einfach den deutschnationalen Medizinern nicht ein, in die mühevolle Praxis aufs Land zu gehen, das haben sie nicht nötig. Sie können ja ohneweiters Aerzte bei Regimentern, in der Stadt, dem Staat, bei Kassen aller Art und in Spitälern werden. Von einer Not des deutschen Arztes ist gar keine Rede. In der kürzesten Zeit nach der Promotion werden sie an jedem Ort, wo es ihnen beliebt, in die warme Wolle gesetzt. Das ist ihnen aber noch zu wenig. Sie helfen den Terrorismus schüren, damit der Jude nicht einmal das Stück Brot kriegt, das sie nicht mehr auffressen können. Sie Hetzen beim Antisemitismus mit und verlangen, daß die Juden auch am Lande keine Existenzmöglichkeiten finden, in den Gemeinden, die den Deutschnationalen zu schlecht find. Lieber bleiben viele Gemeinden ohne Arzt, als daß sie einen jüdischen nehmen, betäubt und vergiftet von der Agitation, welche die Hauptaufgabe des Vereines deutscher Aerzte ist. Diese Leute schädigen in gewissenloser Weise die Volkshygiene aufs schwerste, indem sie gegen ihre jüdischen Kollegen auftreten. Das ist schon nicht mehr entschuldbare Brotfrage, sondern absolute Gemeinheit. Ohne jeden Grund als blödfinnigen Haß. Der Jude benimmt fich auf der Fakultät streng korrekt gegen Kollegen, ebenso als Arzt. Er beobachtet auf das Genaueste alle Gebote der Standesehre und der Humanität. Wir erachten auch die Debatte als vollkommen überflüffig, ob der jüdische oder arische Mediziner wissenschaftlich der bessere ist. Wie geht es nun dem jüdischen Arzte? Während der Arier an jeder beliebigen Stelle seine Stallfütterung haben kann, hat der Kriegsminister seinerzeit auf das Geheiß eines antisemitischen Frechlings die Aufnahme jüdischer Regimentsärzte eingestellt. Von größeren Städten, in größeren Bezirken wird ein Jude fast nie angestellt. In neuerer Zeit kann er in einem Spitale meist zu gar nichts kommen, auch wenn ihn Aeskulap selber protegiert. Und was das Aergste ist: Er kann es nicht wagen, fich auf eigene Faust in irgend einem Orte auf dem flachen Lande anzufiedeln, weil man lieber stundenweit einen christlichen Arzt herholt, als den jüdischen. Wie gut es den arischen Aerzten gehen muß, kann man daraus erkennen, daß auch Juden das neue Landwehrftipendium erhalten; den deutschen Medizinern ist es nicht der Mühe wert, fich um so schwach dotierte Stellen zu bewerben. Ihre jüdischen Kollegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.